„Dieser Mann starb für eine Handvoll Lire!“
Den italienischen Regisseur Umberto Lenzi habe ich (wie viele andere Freunde des Horrorgenres sicherlich auch) durch seine Kannibalenfilme kennengelernt, den ästhetischen Genuss und Genre-Pionier „Mondo Cannibale“ sowie seine berüchtigten und fragwürdigen Metzelorgien „Die Rache der Kannibalen“ und „Lebendig gefressen“. Doch als Meister des Subgenres tat sich schließlich Ruggero Deodato hervor. Auch eine Reihe von Gialli hat Lenzi gedreht, doch fällt sein Name kaum an vorderster Stelle, wenn es um das Thema geht, in dem Bava, Argento und Martino die Nasen vorn haben. Und darf man den Kritiken Glauben schenken, zählen seine nonkannibalistischen Beiträge zum Horrorgenre der 1980er eher zum Trash, wie die Werke anderer italienischer Regisseur in jenem krisengebeutelten Jahrzehnt auch. Schnuppert man jedoch ein wenig tiefer in das Werk italienischer Regisseure hinein, stößt man alsbald auf den italienischen Polizei- und Gangster-Film, meist zusammengefasst in den Begriffen „Poliziotteschi“ oder „Polizieschi“. Wenn ich richtig informiert bin, war der 1974 veröffentlichte „Der Berserker“ Lenzis zweiter Beitrag zum Genre und der erste, der eine deutsche Synchronisation erfuhr – und bereits dieser Film überzeugt mich davon, dass der Poliziesco die Berufung Lenzis gewesen sein muss.
Giulio verpatzt als Mitglied einer Gangsterbande einen Coup durch seinen sehr lockeren Finger am Abzug. Die Auftraggeber reagieren erbost und maßregeln Giulio mittels körperlicher Züchtigung. Doch nachdem seine Tränen getrocknet sind, wählt er die Flucht nach vorn und will es endlich allen zeigen. Zusammen mit zwei Komplizen entführt er die Tochter des Chefs seiner Freundin, um eine halbe Milliarde Lösegeld zu erpressen. Dabei macht er mit allen kurzen Prozess, die sich ihm in den Weg stellen. Kommissar Grandi (Henry Silva, „Der Teufel führt Regie“) steht zunächst vor einem Rätsel und als Indizien auf Giulio verweisen, sind ihm rechtlich die Hände gebunden…
Mit dem Charakter des Giulio Sacchi erschuf man unter Mithilfe des genialen Schauspielers Tomas Milian („Der Gehetzte der Sierra Madre“) einen hochinteressanten Gangster-Typus, einen gemeingefährlichen Kindskopf, der weder Verantwortung noch Skrupel kennt, einen größenwahnsinnigen, egozentrischen, dabei bauernschlauen Tunichtgut mit nervösen Zuckungen, der glaubt, sich nehmen zu können, was er will und sich von der Gesellschaft permanent benachteiligt fühlt. Sein Charakter ist der pure Zynismus, wenn er immer wieder auf seine eigene Mittellosigkeit anspielt, einen Spruch nach dem anderen klopft um im Wahn wahllos herumballert. In der Eröffnungssequenz muss zu einem treibenden Score Maestro Morricones zunächst ein nerviger Politess dranglauben, anschließend zerschüsselt’s einige italienische Kleinwagen. Doch wer das bereits für einen bösartigen, actionreichen Einstieg hielt, wird staunen, was der Film noch alles zu bieten hat. Eine unfassbare Entwicklung nimmt ihren Lauf, unbeschreiblicher Sadismus herrscht vor und man schafft es tatsächlich, immer wieder einen draufzusetzen. Milian liefert eine irrsinnige Performance, wird dabei fast schon comichaft überzeichnet und ist Garant für den bösartigen Humor des Films.
Hatte ich zunächst geglaubt, „Der Berserker“ würde thematisch an den kurz zuvor erschienenen Selbstjustiz-Thriller „Ein Mann sieht rot“ anknüpfen, sah ich mich getäuscht. Eher orientiert sich Lenzi bzw. das Drehbuch am umstrittenen US-Polizeifilm „Dirty Harry“, in dem sich Clint Eastwood als Inspektor Callahan ähnlichen Problemen wie Walter Grandi ausgesetzt sieht, Ferner greift „Der Berserker“ die Kritik der ein Jahr zuvor erschienenen, ebenfalls italienischen Produktion „Der unerbittliche Vollstrecker“ auf, der die Machtlosigkeit der Polizei bei Entführungen und die Attraktivität eben jener Verbrechensform für Kriminelle beschrieb. Beiden war Selbstjustiz zum Thema, der entscheidende Unterschied jedoch ist, dass „Der Berserker“ ganz eindeutig den Antagonisten Giulio ins Licht rückt und dem ermittelnden Kommissar lediglich eine größere Nebenrolle zuteilwird, deren selbstjustiziale Entladung am Ende neben der Charakterstudie Giulios im konsequent auf Schrecken und Unterhaltungsfaktor getrimmten Film nur eine untergeordnete Rolle spielt. Das bedeutet auch, dass Henry Silva kaum zum Zuge kommt, in Anbetracht der unheimlichen Präsenz Milians fast schon ein bisschen verschwendet wirkt.
Rund 95 rasant und technisch einwandfrei umgesetzte Minuten lang sieht man den „Berserker“ über Leichen gehen, kaum zwischen Freund und Feind unterscheiden, rigoros ein Todesurteil nach dem anderen vollstrecken. Seine Aura eines leicht zu unterschätzenden Großmauls, dessen Gefahr oftmals erst erkannt wird, wenn es zu spät ist, wirkt beunruhigend und faszinierend auf den Zuschauer zugleich. Lenzi sollte zukünftig noch viele weitere Poliziesci inszenieren, Milian an vielen weiteren beteiligt sein. Mein Streifzug durch den internationalen Polizei-/Gangster-/Mafiafilm und Polit-/Justiz-Thriller mit Schwerpunkt auf Italien erweist sich immer wieder als wahre Wundertüte voller Überraschungen und ich kann es kaum erwarten, mehr davon zu sehen. Der Stoff liegt schon bereit, wird säuberlich eingeteilt und alsbald gedrückt werden. „Mit dem Verstand ist so was nicht zu erklären!“