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Kinder, wo soll das noch hinführen!? 1974 scheint das bereits fünf Jahre vergangene Woodstock so einen Negativeindruck auf die sog. "zivilisierte" Welt hinterlassen zu haben, dass man sich offensichtlich allerorten die in Haschhöhlen lauernden Amokhippies der Mansonfamily stärker fürchtete als Hitler und Mussolini zusammen und man hinter jedem Leistungsverweigerer gleich den nächsten Ted Bundy vermutete. Anders kann ich mir Charaktere wie Tomas Milians julio Sacchi in Umberto Lenzis "Der Berserker" beim besten Willen nicht vorstellen. Der Streifen ist sozusagen das Beweisstück A, wenn es darum geht, schlaumeierischen Intellektsgutmenschen das Maul rhethorisch zu stopfen, wenn es darum geht, die Notwendigkeit harten Behördendurchgreifens zu rechtfertigen: Polizeigewalt für eine bessere Welt!

Was Lenzi, Milan und Drehbuchautor Ernesto Gastaldi beim Aushecken dieser Copaganda geritten haben dürfte sich wahrscheinlich eher ideologiefreie Belange wie Geld, Ruhm und volle Kinosessel gewesen sein, aber den braunen Nachgeschmack wird der Film halt bis zuletzt nicht los und das, wo gerade Milan doch so rot versifft war, dass er einst Copaganda - Star Maurizio Merli beim Dreh das rechte Fressbrett polierte, als ihm dessen Ansichten ironischerweise zu bunt wurden. Oder ist es gar anders und Herr Lenzi versteckt gar den einen oder anderen linken Seitenhieb in seinem 1974er Thrillermeisterwerk? Ich glaube da an ein klares Jein, ber das soll in dem Fall auch eher zweitrangiger Natur sein: "Der berserker" ist fies, asozial, spannend und ein gemeinsames Zeugnis Lenzis und Milians der ihnen innewohnenden inszenatorischen und schauspielerischen Sprengkraft: ein Böller von einem Film, den man vor dem Werfen nicht zu lange in der Hand halten sollte, wenn man die Party noch mit einem vollständigen Satz Fingern an der Hand verlassen will.

Schon am Anfang lässt Tomas Milian keinen Zweifel daran, dass sein Protagonist so richtig einen an der Murmel hat: Julio Sacchi ist die Personalunion Arno Dübels und Carl Panzrams und als solche immer geladen wie das HB - Männchen. Wo andere sich zugunsten der Gesellschaft gestresst zu Tode rauchen, um ihren ärger zu kompensieren schwingt Julio lieber Messer, Schießeisen und Fäuste und lässt seinen Frust mit Vorliebe an unschuldigen Wachleuten und seiner wesentlich erfolgreicheren Freundin Jone aus, die ihm willige Bettsklavin und Geldgeberin für sinnlose Sauftouren und Schwachsinnereien ist. Und unfreiwillige Ideengeberin für seinen neuesten Coup: Die Entführung von Bankierstochter Marilú, der Tochter ihres Chefs.

Mit seinen beiden Kumpels und Mitversagern Vittorio und Carmine plant der Kleinstkriminelle die Entführung nun die überstürzte Entführung des holden Goldeselchens bei einem teilimprovisierten Amoklauf durch die feine Gesellschaft Italiens und will es denen da oben mal so richtig zeigen und Marilú am Ende trotz Kohle über den Jordan schicken. Aber auch wenn Julios Verstand mittlerweile einer stark eiternden Wunde gleicht und sein Gewissen nicht mehr vorhanden ist regt sich bei Vittorio und Carmine starker Widerstand gegen das Vorhaben ihres dauerbedrogten und sie stets einschüchternden Freund, der sich neben der Polizei bald auch seine einzigen vertrauten vom räudigen Pelz halten muss. Die Polizei in Gestalt des Kommissars Grandi dumpfbackelt derweil zwischen den Tatorten Sacchis hin und her und räumt netterweise seinen Müll weg, während der dem grande Finale entgegengeifert.

Und ab da war Lenzi in meinem Ansehen ganz weit oben: Respekt! "Der Berserker", den ich mir damals als DEN Klassiker des Eurocrime - Subgenres habe empfehlen lassen, hat mich nicht enttäuscht. Tomas Milian hat in der Rolle des pseudoanarchistischen Leistungsverweigerers so viel Lack gesoffen, dass die Suppe schon aus dem Laufwerk sifft, wenn der Film nur ein paar Sekunden läuft. Eine Performance, die weh tut und das ist gut so.

Dass Lenzi und co. hier eine ernsthafte Agenda verfolgen bezweifel ich mal gepflegt. Das Poliziotescokino damaliger Zeiten begründete seinen Erfolg zwar auf der Angst italienischer Bürger vor Kriminalität und Terrorismus, nimmt diese Probleme aber auch nicht ernster als die Bildzeitung oder der durchschnittliche Fall von Kojak, Rockford und anderen 70er - Serienschnüfflern. Eine Zeile lässt mich dann aber auch glatt mit dem linken Ohr aufhorchen: Jene, in der Julio darüber abkotzt, dass man an den Universitäten fleißig an Drogen forsche, die Leute wie er nehmen könnten, um zu vergessen, dass sie ja nicht studieren dürfen. Hopplah, da hat jemand seinen Leary aber ganz falsch verstanden, bewusstseinserweiterung und so. Davon ab: höre ich da Spuren von Klassizismus heraus, den die italieniusche Oberschicht mit Vorliebe an Julio und seinesgleichen ausgelebt hat? Ein interessanter Gedanke, den ich aber mangels Fachwissens in Sachen Film, Soziologie, und Psychologie leider nicht belegen kann. Ich stelle das mal so in den Raum. Der Rest des Filmes erweist sich aber vom Abwatschen reicher Säcke abgesehen als erfreulich unpolitisch, wobei Lenzi hier sehr gemeine Bilder auffährt, um seine Protagonisten möglichst sackig und psycho darzustellen: Nacktroulette am Kronenleuchter wirkt halt auch nur so lange normal, bis du den Sohn der Gastgeber erschießt. 

Viel Spaß beim gemeinsamen Absaufen mit Julio im Justizsumpf der 70er! Ein anderer Wunsch wäre bei dem Film kaum angebracht. "Frohes kotzen!" vielleicht noch, aber dazu ist der Film dann doch zu gut. Für mich noch immer der Lenzi der Lenzis, an den noch nichtmal der Kannibalengore früherer / späterer Tage herankommt.





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