Review

Nachdem er bereits den begrenzt narrativen, vor allem an faszinierenden Bildkompositionen interessierten „Bronson“ gedreht hatte, ging Nicolas Winding Refn den eingeschlagenen Weg mit „Walhalla Rising“ konsequent weiter.
Wieder ist das Genrekino das Sprungbrett für Refns Werk; war es bei „Bronson“ der Gangsterfilm, so ist es wieder die Wikinger- und Historienaction. Doch Refn lässt keinen Zweifel daran, dass er etwas anderes im Sinn hat: Wenn der seinem Namen entsprechende Krieger One-Eye (Mads Mikkelsen) als Gefangener eines Wikingerstamm als Gladiator im Kampf gegen andere Unglückselige eingesetzt wird, dann sind das einerseits harte Kampfszenen, jedoch keine einfach zu goutierende Action. Die Gewalt ist roh, unangenehm, wenn sich der tiergleiche One-Eye auf seine Gegner stürzt und sie regelrecht verhackstückt, der Gegenentwurf zu Hochglanzgemetzel wie der Comicadaption „300“.
Der stumme One-Eye wird von einem Sklavenjungen, Are (Maarten Stevenson), begleitet, und irgendwann kann er sie beide befreien, indem er ihre Sklavenhalter umbringt. Auf der Flucht schließen sie sich einer Gruppe zum christlichen Glauben konvertierter Wikinger an, was der Anfang einer bizarren Odyssee ist…

„Walhalla Rising“ ist ein sperriges Werk, gerade was seinen Protagonisten angeht, den Mads Mikkelsen mit beeindruckendem Charisma spielt. One-Eye bleibt tatsächlich den ganzen Film über stumm, sein vermeintliches Sprachrohr Are ist auch nur jemand, der One-Eyes Taten interpretiert. Und tatsächlich sind die gelegentlichen Beschützertätigkeiten (vor allem zum Schutze Ares) die einzigen Handlungen, die den Protagonisten charakterisieren. Ganz im Gegensatz zu klassischen Protagonisten (gerade im Abenteuer- und Actionfilm) wird One-Eye lediglich von äußeren Einflüssen getrieben oder gibt seine Motivation gar nicht preis – obwohl er die Hauptfigur ist, so bleibt er doch ein Enigma.
So erscheint es dann als bittere Ironie, dass die Wallfahrer ausgerechnet diesen Mann als Führer sehen, wenn sie sich auf die Suche nach neuem Land machen und Amerika entdecken. Dass sie ihm die Schuld geben, er habe sie angeblich in die Hölle geführt, wo er doch eher ihnen gefolgt ist als umgekehrt. Bei der Floßfahrt arbeitet Nicolas Winding Refn Topoi ab, die aus Joseph Conrads „Heart of Darkness“ stammen, das wiederum als Basis für Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ und Werner Herzogs „Aguirre, der Zorn Gottes“ dient, was Refns Film aber durch nicht ungewitzte Verweise aber auch offen zugibt.

Dabei haben die gelegentlichen Kampfszenen trotz ihrer unkomfortablen Seite eine archaische Kraft, auf Dialoge wird weitgehend verzichtet, auch wenn die anderen Figuren nicht so stumm wie One-Eye sind. Durch sechs Kapitel werden One-Eye und Are geschickt, in späteren Abschnitten kommen ihre christlichen Begleiter dazu, doch mit ihnen packt Refn dann leider eine Uraltkeule der Religionskritik aus, die relativ stumpf daherkommt: Wie oft hat man schon die Mär vom fanatischen Oberpfaffen gesehen, der die eigenen Leute lieber sterben lässt als vom missionarischen Auftrag abzuweichen? Auch die Einblendung des letzten Kapiteltitels nimmt das Ende der Geschichte vorweg, doch darum geht es andrerseits auch nicht.
Denn in „Walhalla Rising“ versucht sich Nicolas Winding Refn eher als Bildermaler denn als Geschichtenerzähler. Und in erster Hinsicht kann man ihn beglückwünschen: Einzelne Bilder des Films sind so schön, dass man sie sich an die Wand hängen möchte, der Film sieht fantastisch aus, wobei ein dröhnender, ungewöhnlicher Score und später eingesetzte Farbfilter dem Ganzen einen surrealen Touch geben. Doch gleichzeitig ist „Walhalla Rising“ auf unschöne Weise unnahbar, erzählt diese Reise von Protagonisten, die insofern nicht interessieren, da man nicht an sie herankommt (One-Eye) oder sie einfach unsympathisch sind (die Wallfahrer). Ein knapp 90minütiger Augenschmaus, aber ohne erzählerisches Fundament, ohne richtigen Zug, so verschwurbelt-mythisch Refn seinen Wikingerfilm auch präsentiert.

Ein interessanter Film, keine Frage, famos inszeniert und eine Absage an Konventionen des Mainstream- und Erzählkinos, die aber durch die Absage an narrative Konventionen auch an Zugkraft verliert und manchmal ausgelatschte Topoi beackert. Kein einfacher Film und vielleicht auch sehr vom Zuschauer abhängig – mir persönlich war die dauernde Aneinanderreihung zugegeben toller Impressionen zu wenig.

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