Vorabkritiken und Internetberichterstattungen ließen die Erwartungen an das von Peter Jackson produzierte Projekt „ District 9“ ansteigen, ein immenser Kartenvorverkauf war die Folge, doch es blieb die Frage, ob der fertige Film die Erwartungen erfüllen konnte.
Es fängt erfrischend ungewöhnlich an, im Doku-Stil klärt „District 9“ über eine Alienlandung auf, die eben nicht in den USA oder Westeuropa stattfand, sondern in Johannesburg. Das Schiff wurde evakuiert, die dort vorgefundenen, halbverhungerten Aliens aufgepäppelt und in einem Ghetto, dem District 9, interniert. In einem wilden Zusammenschnitt aus Interviews, Nachrichtensendungen und Amateurvideos weist „District 9“ und fährt dabei jene Authentifizierungsschiene wie „Cloverfield“ im Jahre 2008.
Inmitten der Montage lernt der Zuschauer auf fast „Stromberg“-artige Weise die Hauptfigur kennen, Wikus van de Merwe (Sharlto Copley) von der Behörde UMN. Besagte Institution soll die Aliens aus dem District 9 in eine neue Zeltsiedlung umsiedeln, die weiter von der Innenstadt entfernt liegt, da die Zivilbevölkerung den Fremden misstraut. Es gibt Unruhen und Auseinandersetzungen, die Implikationen reichen von der Apartheid über Rodney King bis hin zu Parallelen zur Nazi-Zeit.
Während Wikus und seine Mannen versuchen das Ghetto zu räumen, stellen sie einiges an Alienartefakten sicher – darunter auch einen Zylinder mit Flüssigkeit. Als Wikus etwas von der Flüssigkeit abbekommt, beginnt er selbst zum Alien zu mutieren und wird gejagt...
Mut zur Andersartigkeit kann man Neill Bloomkamps Film jedenfalls attestieren, denn der Doku-Stil wird in der ersten Hälfte extrem konsequent umgesetzt, wobei diese Schiene ja bereits von Vorgängerfilmen wie „Diary of the Dead“ oder eben „Cloverfield“ befahren wurde. Auch die Interviewschnippsel sind nicht unbedingt eine Neuerung, doch es verkauft das Sci-Fi-Szenario auf ungeheuer realistische Weise, zumal das Gedankenspiel mal über die beiden Pole der Alien-Invasion bzw. des E.T.-Knuddelaußerirdischen hinweggeht und einen Mittelweg wählt. Es ist durchaus glaubwürdig und die Machart verstärkt diesen Eindruck nur, gerade die Szenen, in denen Wikus im Ghetto arbeitet, erinnern an Reality-TV-Shows Marke „Cops“.
Ebenfalls recht mutig ist die Wahl eines opportunistischen Feiglings als Hauptfigur, denn Wikus ist alles andere als ein strahlendes Vorbild. Anfangs ein steifer, unsicherer Bürohengst, später vor allem auf seine eigene Heilung bedacht und die meiste Zeit ignorant den Problemen anderer gegenüber – wenngleich die letzten 10 Minuten ihn dann noch einen Sinneswandel durchmachen lassen und er tatsächlich heroisch handelt. Tatsächlich verzichtet „District 9“ weitestgehend auf Sympathieträger, sowohl auf Menschen- als auch auf Alienseite, wenngleich immerhin der Alientüftler und sein Sohn als Idealisten dargestellt werden – die restlichen Charaktere sind meist Verbrecher, Karrieristen oder oberflächliche Arschlöcher.
Die Actionkeule schwingt „District 9“ dabei nicht groß, gegen Ende geht es dann aber schon zünftig rund. Mit Menschen- und Alienwaffen wird sich da beharkt, im Finale kommt sogar eine Art Mech-Krieger zum Einsatz, was für einen zünftigen Showdown sucht. Inszenatorisch ist das alles in Ordnung, die FX für einen Film, der die für Hollywoodverhältnisse lächerliche Summe von 30 Millionen Dollar kostete, extrem gut und der Härtegrad überraschend hoch, wenngleich die derben Auswirkungen der Alienwaffen gerne mal etwas selbstzweckhaft ins Bild gerückt werden.
Und doch hat „District 9“ so seine Schwierigkeiten. Die Assoziationen sind reich und es ist schön einen Blockbuster mit Message zu sehen, teilweise fehlt es allerdings an Subtilität: Da muss Wikus die geplante Aliensiedlung noch laut als KZ-ähnlich bezeichnen, obwohl die Implikation für den Zuschauer längst auf der Hand liegt usw. Schwäche Nummer zwei ist banaler, aber schwerwiegender: „District 9“ hat öfter Tempoprobleme, gerade beim Wechsel von ruhigen Stellen zu Actionpassagen. *SPOILER* Da geht es in Rekordzeit von der Idee die Flüssigkeit zurückzuerobern zur tatsächlichen Tat, ein unvermittelter Zwei-Mann-Angriff auf das MNU-Hauptquartier, ganz offensichtlich ungeplant, was bei einer derart wichtigen Mission schon wieder verwundert. *SPOILER ENDE* Derartige Stellen gibt es leider ein paar und diese reißen unschön aus dem Fluss des Filmes heraus.
Darstellerisch waren bei dem Budget keine großen Namen eingeplant, aber das stört auch nicht, zumal die meisten Figuren eher Support sind. Support für Sharlto Copley in der Hauptrolle, der Wikus einfach als Würstchen anlegt, der einem oft bestenfalls dadurch sympathisch ist, dass er von noch unleidbareren Figuren umgeben ist. Doch genauso scheint die Hauptfigur auch funktionieren zu wollen, sie soll eben kein klassischer Held sein und insofern darf man seine Darbietung wohl als recht gelungen bezeichnen.
Der groß angekündigte Indie-Blockbuster mit Tiefgang und Megaaction mag „District 9“ dann vielleicht nicht geworden sein, ein ambitionierter Science-Fiction-Film mit erfreulich andersartiger Inszenierung und schicker Action ist dem Team aber doch gelungen.