Zeit für frischen Wind in den Kinos - und er weht, nicht überraschend, nicht von Westen, sondern von Osten.
Peter Jackson hat ja, trotz gemächlichen Einsatzes in den Kinos irgendwie immmer noch eine qualitative Strähne und da passen sich auch seine Produktionsarbeiten gut ein: in diesem Fall Science-Fiction aus Neuseeland, die in Südafrika spielt. Und in den Staaten zum Hit wird, so weit, so paradox.
Während die Amis ihr Weltuntergangssteckenpferd längst in die unteren Gesteinsschichten geritten haben, präsentiert uns Neill Blomkamp hier mal einen anderen Ansatz in Sachen Begegnung der dritten Art.
In einer Mischung aus normalem Erzählkino und aufarbeitendem Bericht mit Handkameraaufnahmen postuliert der Regisseur hier einen neuen geschichtlichen Ansatz, der ein wenig an die "Spacecop-Saga" erinnert. Vor 20 Jahren tauchte also ein Raumschiff über Johannesburg auf und hängt seitdem dort in der Luft. Die wenig umtriebigen Aliens hat man in ein umzäuntes Gebiet darunter verfrachtet, den titelgebenden "District 9". Generell hätte man sich mit ihnen abgefunden, aber die Jungs haben keine Vorstellung von Eigentum, klauen wie die Raben und delektieren sich an Katzenfutter, wenn sie nicht ganze Kühe verspachteln. Und nun sollen sie verlagert werden...
Das alles verdichtet Blomkamp in seinem Film zunächst zu einer beißenden Satire auf den Rassismus in Südafrika und in der Welt allgemein. Ausgerechnet im Apartheitsland wird man nun Zeuge, wie das gut gemischte Volk die Verschickung der Aliens in ein Lager gutheißt und diese mit Ureinwohnermethoden aus ihrem Zuhause vertrieben werden.
Beauftragt hat man damit einen Konzern samt Privatarmee, der über den insekten- bzw. krustentierähnlichen Aliens einen Kübel aus Herablassung, Spott, Gewalt und Rassismus ablassen. Fixpunkt für den Zuschauer wird der loserähnliche Wikus van de Merve, der von seinem konzernführenden Schwiegerpapi den Auftrag aufgedrückt bekommen hat. Irgendwo zwischen Weichei, Arschloch und Feigling trotz beachtlicher Kompetenz in Sachen Aliens einzuordnen, folgen wir ihm nun durch die Räumungsaktion, die schon bald einer gewaltsamen Vertreibung gleicht.
Das geht solange gut, bis sich Wikus mit einer Flüssigkeit infiziert, die ihn langsam aber sicher zu einer Alien-Mensch-Hybride machen wird, worauf der Konzern ihn sofortigst als Mittel zum Zweck entmenschlicht, weil er in seiner Mutantenform die hochtechnisierten Waffen der Aliens bedienen kann. Nun gerät van de Merve zwischen die Mühlsteine und wird von allen Seiten gehetzt, während er nichts als die Verwandlung aufhalten möchte.
Blomkamp gelingt eine höchst anspruchsvolle Mischung: die Ghetto/Slumszenen und der triefende Rassismus sind wie ein fieser Schlag in den Magen für jeden Zuschauer, der sich tendenziell einen üblichen Erstkontakt erwartet; die Kameraaufnahmen stürzen einen ins Geschehen, während man stückweise alles rund um die Außerirdischen und ihr Leben auf der Erde erfährt. Borniertheit und Gleichgültigkeit geben sich die Hand, bis die Mächtigen hinter den Kulissen die Maske fallen lassen: Waffenkontrolle, Milliardengeschäfte, Morde, Alienobduktionen, jede Menge Dreck wird an die Wände geschleudert.
Natürlich dauert es nicht lange, bis van de Merve auf der Flucht die Aliens richtig kennenlernt, um ein Zweckbündnis zu schaffen, das dann mit dem Start des Mutterschiffs gegen Ende um einiges konventioneller ausfällt, als der Start vermuten läßt.
Tatsächlich verliert sich der Film im letzten Drittel dann in einer überlangen Verfolgungsjagd auf den Hybriden, die van de Merve abwechselnd bei den verschiedenen Gruppierungen landen läßt, die an ihm interessiert sind.
Für Fans sind dann da auch die nötigen Kampfroboter und Schußwechsel dabei, aber Blomkamp verzichtet auf Zelebrierung der Gewalt oder das Ausleben von Rachephantasien eines Gehetzten, sondern bleibt überraschend den Charakteren treu: das Alien (samt Kind) verwandelt sich nicht in einen Weltraumkrieger und van de Merve bleibt tollpatschig.
In letzterem liegt auch die größte Schwäche des Films, denn Wikus wird uns als teils herablassender, teils naiver Trottel mit Slapstickpotential gezeigt, ein Büronerd mit vielen unsicheren Witzchen und keinesfalls eine Indentifikationsfigur. So wird aus ihm weder plötzlich ein Held, noch ein selbstloser Kerl, vielmehr ist er bis kurz vor Schluß ständig damit beschäftigt, nur seinen Vorteil (die Rückverwandlung) umzusetzen, alle anderen Parteien sind ihm dabei relativ egal.
Es bleibt jedem Zuschauer selbst überlassen, ihn zu verfluchen oder mit ihm zu fiebern, ein leichter Ritt wird es aber nicht, denn Wikus wird in der zweiten Filmhälfte dermaßen zum Punchingball sich überkreuzender Absichten, daß man schon ein wenig die Geduld verlieren kann, weil sich der Showdown endlos in die Länge zu ziehen scheint.
Mutig allerdings, nicht alle Fragen zu beantworten, die der Film aufwirft, gerade in Sachen Aliens bleiben viele Fragen offen und scheinen im Film auch niemanden zu interessieren, obwohl fast alle hier die Klick- und Knacksprache der Fremden beherrschen - daß diese an Eingeborenendialekte aus den Weiten Afrikas erinnern, dürfte wohl kaum überraschen.
Insofern sollten alle gewarnt sein, die hier nur das adrett geschnürte Invasionspäckchen erwarten, samt Hero, Mägdelein und fiesen Schleimern; das hier ist eine bittere Story auf der schmalen Linie zwischen Thriller, Drama, Satire und Sci-Fi - und im Kern höchst menschlich.
Technisch ist das alles höchst unterhaltsam aufbereitet, mit stimmigen Alienkreationen, hübschen Waffeneffeken und ein paar drastisch zersplatterten Opfern, nichts für Leute keimfreier Unterhaltung.
Offensichtlich haben die Genrefans aber von den thematischen Anforderungen nicht abschrecken lassen und den Film zu einem Erfolg gemacht - bei solchen finsteren Botschaften um so wichtiger. Und daß man Anspruch und Eventfilm in eine Story packen kann, wäre damit wohl auch bewiesen. (8/10)