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Vor Jahrzehnten tauchte über Johannesburg ein außerirdisches Flugobjekt auf, auf dem sich Hunderte von Aliens befanden, die nun in örtlichen Elendsvierteln leben, von ihren menschlichen Nachbarn abgeschottet und nicht so recht akzeptiert. Da sie über eine Waffentechnik verfügen, die der menschlichen relativ weit voraus ist, nimmt sich ein Großunternehmen ihrer an und lässt den Alien-Slum räumen, in der Hoffnung, Anhaltspunkte zu finden, wie die Waffen auch für Menschen zu benutzen sein könnten. Dabei kommt der Leiter der Mission, gespielt von Sharlto Copley, mit einer Flüssigkeit in Kontakt, die ihn nach und nach zu einem Alien mutieren lässt. Damit wird er zum Schlüssel zur Kontrolle über die außerirdische Waffentechnik, weswegen er, von den Menschen verfolgt, lediglich mit Hilfe der Aliens eine Chance auf ein normales Leben bekommen kann.

Die Handlung lässt es in groben Zügen erahnen, das relativ hohe Budget von 30 Millionen Dollar bestätigt es und die Tatsache, dass niemand Geringeres als Peter Jackson die Produktion von "District 9" übernahm, spricht ebenfalls dafür, dass es sich bei diesem Werk um einen Blockbuster handelt; und genau das ist er auch. Allerdings ist "District 9" in jeder Hinsicht ein kompromissloser Blockbuster, der innovativer und anspruchsvoller als viele andere Genrefilme daherkommt und durchaus ein Meisterwerk hätte werden können, wenn nicht zahlreiche, zum Teil vermeidbare Fehler gemacht worden wären.

Aber erst mal zum größten Plus des Films: "District 9" hat durchaus Blockbuster-Qualitäten und unterhält so auch über weite Strecken. Das Erzähltempo ist von Anfang an relativ hoch gehalten, ohne längere Erklärungen oder eine handelsübliche Exposition wirft Regisseur Neill Blomkamp, der hier sein Spielfilm-Debüt abliefert, den Zuschauer ins Geschehen und hält das Tempo von da an durchgehend hoch, sodass kaum Längen entstehen. Dabei werden so ziemlich alle Register gezogen, die einen unterhaltsamen Kinoabend garantieren, so werden stellenweise ein paar kleinere Gags eingestreut, die der Ernsthaftigkeit des Films kaum schaden, die Action-Szenen können sich sowohl tricktechnisch, als auch inszenatorisch durchaus sehen lassen, genauso, wie der Showdown, der dem Blockbuster einen starken Abgang verschafft und dann wären da auch noch ein paar überraschende Wendungen, die das Geschehen durchgehend interessant gestalten sowie ein paar relativ brutale Splatter-Sequenzen, die durchaus stimmig eingebracht werden und sowohl bei Härte, als auch bei Quantität sehr gut Maß halten.

Ein zweites großes Plus, das die Jackson-Produktion verbuchen kann, ist die Machart. Mit Handkamera gedreht, entfaltet der Film von Anfang an ein hohes Maß an Tempo und Dynamik und erweckt mit dem pseudo-dokumentarischen Stil, zu dem unter Anderem Ausschnitte aus Nachrichtensendungen, oder Aufnahmen eines Kamerateams, das dem Protagonisten, Wikus van de Merwe, auf Schritt und Tritt folgt, gehören, zumindest teilweise einen authentischen Eindruck, der zuvor bereits "Cloverfield" zu einem der besten Vertreter seiner Zunft aufsteigen lies. Und auch bei den Action-Szenen, die sowieso meist einem Kriegsschauplatz entlaufen scheinen, verfehlt die Machart den gewünschten Effekt nicht.

Allerdings bringt der pseudo-dokumentarische Stil auch einige Nachteile mit sich. So wird Bloomkamp dem Konzept schließlich untreu, da er dem, allmählich zum Alien mutierenden van de Merwe mit seinem Kamerateam nicht mehr folgen kann und der Plot durch Ausschnitte aus diversen Nachrichtensendungen auf Dauer nicht mehr voranzutreiben ist. Damit zeigt das Konzept auf Dauer kleinere Lücken in der eigenen Logik und zeigt zudem hier und da Verschleißerscheinungen. Allerdings bleiben diese Fehler eher im marginalen Bereich.

Wesentlich ärgerlicher ist die Konstruktion des Protagonisten. Erkennbar ist hier, dass es Blomkamp vor allem darum ging, keinen klischeehaften Helden zu stricken, sondern eine widersprüchliche, ambivalente, zerrissene Figur, die mit mehreren Facetten fern ab aller Stereotypen Hollywoods zu überzeugen weiß. Dies gelingt jedoch kaum, es wirkt vielmehr, als könne sich Wikus van de Merwe (allein der Name klingt schon wie ein schlechter Scherz) nicht so recht entscheiden, ob er nun ein aufopferungsvoller Held, oder ein, lediglich auf das eigene Wohl bedachter Egozentriker sein will, ob er nun auf der Seite der Menschen, oder der Seite der Aliens steht und dann wären da auch noch vollkommen vermeidbare clowneske Züge, die van de Merwe vor allem anfangs zur Witzfigur verkommen lassen. Und so fesselt das Schicksal des Protagonisten nicht so recht, was "District 9" im Endeffekt hinter seinen Möglichkeiten zurückbleiben lässt.

Die Besetzung van de Merwes mit einem vollkommen unbekannten Darsteller und damit mit einem unverbrauchten Gesicht, ist angesichts der, voll auf Authentizität getrimmten Machart, durchaus stimmig und Sharlto Copley, der zuvor außerhalb von Südafrika eher leidlich bekannt war, macht seine Sache zudem ziemlich gut, auch wenn es ihm zu keinem Zeitpunkt gelingt, gegen die unglückliche Charakterkonstruktion anzukämpfen und seine Figur doch noch in eine Richtung zu lenken, in der ihr Schicksal wirklich fesselt. An dieser Stelle sei noch gesagt, dass auch die Nebendarsteller ihre Rollen weitestgehend souverän meistern.

Was "District 9" im Endeffekt doch noch über das Mittelmaß hievt, sind die kritischen Ansätze rund um das Thema Rassentrennung, nicht umsonst hat man Südafrika, das Land, das den Begriff Apartheid mehr oder weniger allein geprägt hat, zum Ort des Geschehens gewählt. Die Abschottung der Außerirdischen in einen eigenen Slum, die durch eine Evakuierung sogar noch erhöht werden soll, die mangelnde Toleranz der Bewohner Südafrikas, im Grunde auch der ganzen Welt, ja selbst die von hohen Politikern und Wirtschaftsbossen sowie die Ausbeutung der Aliens durch einen ortsansässigen Gangsterboss, werden offen und kritisch angeprangert, ohne, dass der Film in irgendeiner Art und Weise Stellung bezieht, denn auch die Beweggründe der Menschen bleiben weitestgehend verständlich und nachvollziehbar. Und spätestens an dem Punkt, an dem gezeigt wird, wie der Alien Christopher sieht, welche Versuche die Forscher von MNU an seinen Artgenossen durchgeführt haben, fühlt man sich den Außerirdischen mindestens genauso nah, wie den Menschen im Film. Insofern ist die Zukunftsutopie, die in "District 9" gesponnen wird, mehr als gelungen.

Fazit:
Die Rassentrennungsproblematik wird sehr gut auf den Alien-Konflikt übertragen, aber es sind auch die Blockbuster-Qualitäten, die "District 9" im Endeffekt auszeichnen und unterhaltsam gestalten. Und auch die pseudo-dokumentarische Machart wäre, auch wenn sie in sich nicht ganz stimmig sein mag, noch lobend zu erwähnen. An einem Punkt verliert das ambitionierte Projekt jedoch einiges, was an Potential vorhanden gewesen wäre: Der Protagonist ist derart unglücklich konstruiert, dass sein Schicksal nicht so recht mitzureißen vermag und so reicht es einfach nicht zu den ganz großen Momenten. Schade, aber dennoch empfehlenswert.

72%

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