"Wenn sie von einem anderen Land kämen, hätten wir ja Verständins. Aber sie sind ja nicht mal von der Erde."
Seit Ende der 80er Jahre schwebt ein Raumschiff über dem südafrikanischen Johannesburg. Zu Verwunderung der Menschheit scheinen die insektenartigen Bewohner dessen völligst ausgehungert und erinnern an eine Schar zurückgelassener Arbeiter ohne Anführer. In einem Elendsviertel der Stadt bekommen die Einsiedler ein neues Heim zugewiesen, abseits der Einwohner Johannesburg's, die sich durch die Neulinge bedroht und belästigt fühlt. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung wird die privatisierte Behörde Multinational Unit (MNU) ins Leben gerufen, die mit militärischer Gewalt für Ruhe in den Ghettos sorgen soll.
20 Jahre später findet eine Umsiedlung statt. Die abfällig als "Shrimps" bezeichneten Außerirdischen sollen das als District 9 bezeichnete Ghetto verlassen und zu dem neuen District 10, was einzig aus kleinen Zelten besteht, umgesiedelt werden. Zu diesem Zweck informiert Wikus Van Der Merwe (Sharlto Copley) die Außerirdischen mit einem großen Aufgebot des Militär einzeln vor Ort. Alles andere als sauber verläuft die Zustimmung der Aliens, denn neben Verständigungsproblemen und Brandschatzungsmethodik infiziert sich Wikus durch eine nicht irdische Substanz, die ihn langsam zu einem Außeridischen wandelt. So wird er Ziel des Militärs, die ihn zur Nutzung außerirdischer Technologie zweckentfremden will.
Ähnlich dem Fantasy-Genre vor der Jahrtausendwende mag sich das Science-Fiction-Genre in einer Krise befinden, die eine rare Würdigung der Hollywood'schen Traumfabrik sowie dem Mainstream-Publikum nach sich zieht. Damals war es der Name Peter Jackson, der mit seiner "Herr der Ringe" Trilogie wieder Leben in das Genre hauchte und eine wahre Flut an mehr oder minder gelungenen Fantasyfilmen erweckte. 2009 steht einmal mehr der Name des hiesigen Regisseurs in Verbindung eines Films, diesmal im Science-Fiction Gewand. Allerdings nahm Jackson nicht auf dem Regiestuhl Platz, sondern zog lose die Fäden als Produzent und werbeträchtige Figur.
Werbe- und Kurzfilmer Neill Blomkamp schuf im Jahre 2005 den knapp sechsminütigen Kurzfilm "Alive in Joburg", in dem er oben genannte Ankunft der Außerirdischen bereits beschrieb und sich den daraus resultierenden Problemen widmete. Durch seine optisch so eindrucksvolle Aufmachung übergab Jackson ihm die Aufgabe einer Spielfilmversion seines Kurzfilmes.
"District 9" ist dabei zu Beginn fast eine Art Remake des Kurzfilmes und beleuchtet nochmal kurz die Geschehnisse der Vergangenheit, um dann ein neues Kapitel aufzuschlagen. Dabei fallen vor allen Dingen die Parallelen zu politischen Verhältnissen in Südafrika auf, die Blomkamp überhaupt erst zu dem Drehbuch inspirierte. Er beschönigt nichts, sondern zeigt explizit, zu welch radikalen Mitteln die Menschheit fähig ist. Eingangs äußert sich dies in einer als Reportage aufgezogenen Vorstellung der Unterdrückung der außerirdischen Wesen.
Rassenproblematik ist da ein Thema, das immer wieder aufblitzt und von der fiktiven Dokumentation in einer skurrilen Montage präsentiert wird. Denn "District 9" ist gerade in der ersten halben Stunde alles andere als bierernst. Zynischer Witz durchtränkt die Wanderung durch das Ghetto, geht sogar bis zu schwarzhumorigen Momenten in denen schwierig zu unterscheiden ist, ob nun ein Lacher oder ein Kopfschütteln angebracht wäre. Eine gefährliche Zumutung der nicht jeder Besucher Verständnis entgegen bringen wird. Ebenfalls der Fülle an Informationen, die zu Beginn abgefeuert wird.
Generell gibt die Geschichte von "District 9" mehr her als nahezu jeder Blockbuster der letzten Zeit, da es der Drehbuchschreiber verstand, nicht nur in gut und böse zu kategorisieren, sondern auch die äußeren Umstände für das jeweilige Verhalten zu berücksichtigen. Daher gefällt die, abgesehen von einigen unumgänglichen Stereotypen, durch die Bank gelungene Entwicklung der Charaktere. Geschickt gelang ihm auch die Themen Freundschaft, Kollegialität und Vertrauen, sowie deren Folgen in die Geschichte einzubinden, die gerade im Finale und zum Ende hin eine der größten Stärken des Drehbuchs sind. Damit überlässt er es dem Zuschauer selbst, sich eine Meinung zu den Charakteren zu bilden.
Eine Überaschung passiert dann in der zweiten Hälfte. Die bisher sich langsam entwickelnde Gesellschaftssatire wandelt sich kurz bevor es eintönig wird in ein entfesseltes Actiongewitter, das fast schon etwas zu ungebremst über den Zuschauer hereinbricht. Hier feuert "District 9" wortwörtlich aus allen Rohren. Und obwohl es zuvor teils schon nicht gerade zimperlich zur Sache geht, haut Blomkamp noch eine Kelle drauf. Hier halten Elemente des Splatterfilms Einzug, so zerplatzen einige Körper oder werden Teile von diesen abgetrennt.
Die Effekthascherei geht aber noch weiter und weist erschreckend reale, insektenartige Aliens auf, deren Herkunft aus dem Rechner nicht anzusehen ist. Das befremdliche Gefühl zu diesen wird immer wieder durch diverse Ekelfaktoren verstärkt, die in der graphischen Mutation der Hauptperson ihren Höhepunkt findet. Parallelen zu "Die Fliege" sind nicht von der Hand zu weisen.
Zu den richtigen Zeitpunkten akzentuiert der Spannungsbogen seine Höhepunkte. Hilfreich ist dabei der gewählte dokumentarische Erzählstil, der ein unheimlich dichtes Mittendrin-Gefühl projiziert. Wie in "Redacted" bietet "District 9" Aufnahmen aus Überwachungskameras und häufigen Einsatz der Handkamera, die hin und wieder übermäßig verwackelte Bilder produziert.
Wie von diversen TV-Dokus bekannt, kommen auch Augenzeugen der Geschehnisse bzw. den Protagonisten nahestende Figuren in Interviewsequenzen zu Wort, eingeblendete Zeitangaben leiten neue Szenen ein und fügen sich wie selbstverständlich in die eigentliche Spielfilmhandlung ein, die auch eindrucksvolle Hochglanzbilder liefert.
Für eine so große Produktion ist es unüblich, dass sich nicht eine bekannte Person in der Darstellerriege findet. Die frischen, noch unverbrauchten Gesichter verstärken den Eindruck einer Dokumentation über völlig gewöhnliche Menschen, die in einen Strudel von Lügen, egoistischem Wahn und Selbstgerechtigkeit geraten.
Hauptdarsteller Sharlto Copley war bereits zuvor im Vorgängerkurzfilm "Alive in Joburg" dabei und übernahm wohl aufgrund dessen die Rolle des Hauptprotagonisten. Sein überzeugendes Schauspiel weiß in nahezu jeder Szene zu gefallen. Ihm gelingt es außerordentlich gut die facettenreiche Wandlung seiner Figur darzustellen. Wenn man bedenkt, dass es sich bei ihm um einen Schauspieler ohne Erfahrung handelt, ist dies schon außergewöhnlich.
Dass Neill Blomkamp für sein Langfilmdebüt gerade mal 30 Millionen Dollar zur Verfügung hatte, kann man nach Sichtung des Filmes eigentlich kaum glauben, steckt er optisch doch nahezu jede millionenschwere Blockbusterproduktion locker in die Tasche. "District 9" ist eine ungewöhnliche, frische Mixtur aus Rassendrama, Gesellschaftssatire und zugleich lineares Action-Kino, dass mit seiner tristen Stimmung nicht zu abgehoben daherkommt. Getragen wird der Film nicht nur durch den etwas anderen Erzählstil des Films, sondern auch durch seine gelungenen Effekte und der glaubwürdigen Heldendarstellung von Sharlto Copley. Wer aufpasst erkennt Parallelen zu den Trashkinotagen Peter Jackson's, die geschmacklich sicher etwas abgedreht sind und zu Beginn eine gefährliche Gratwanderung begehen.
9 / 10