"Lauf, ich halte sie auf! - Wofür hätte das alles einen Sinn, wenn du es nicht schaffst?"
Schon unzählige Male konnte man im Film eine ähnliche Szene sehen. Der Held hält dem Kameraden den Rücken frei und stellt sich alleine der anstürmenden Übermacht. Er opfert sich für die Rettung des Anderen. Auch "District 9" leistet sich am Ende diese konventionelle Dramatik, aber was wie eine Abschwächung der originellen Ausgangssituation wirkt, ist nichts anderes als der Abschluss einer Metamorphose - nicht nur der Hauptfigur, sondern des gesamten Films.
"District 9" beginnt wie eine Dokumentation. Schon seit 20 Jahren schwebt ein riesiges Raumschiff über der Stadt Johannesburg, was aktuell kaum noch Interesse bei der Bevölkerung hervorruft. Im Gegenteil nerven zunehmend die sich ständig vermehrenden Aliens, die man damals im ausgehungerten Zustand im Bauch des Raumschiffs fand. Man hat sie in ein Ghetto gesperrt, "District 9", das zu einem dreckigen Slum verkommen ist, und schaut mit Verachtung auf deren primitiven, nur von Gier geprägten Lebensgewohnheiten. Natürlich gibt es auch Profiteure dieser Situation, die mit den Aliens gute Geschäfte machen und deren futuristische Waffen erwerben, auch wenn sie diese nicht bedienen können. Überhaupt war es trotz intensiver Forschung bisher nicht gelungen, hinter die technologischen Geheimnisse der "Shrimps" zu kommen, wie sie verächtlich wegen ihres insektoiden Aussehens genannt werden.
Die eigentliche Handlung des Films beginnt mit dem Auftrag an den internationalen Konzern MNU, die Aliens in ein zweihundert Kilometer entferntes Gebiet zu verfrachten, um diese damit noch stärker auszugrenzen. Die Parallelen zu den früheren Apartheid Gesetzen Südafrikas werden dabei offensichtlich, denn der Konzern wird ausschließlich von weißen Männern, deren Namen auf die eingewanderten Buren weisen, befehligt. Auch ihre Haltung gegenüber den Aliens, erinnert stark an die damaligen Begründungen, mit denen man schwarze Bürger von Ausbildung und bürgerlichem Lebensstandard fernhielt. Doch den Film auf diese Phase Südafrikas zurückzuführen, wäre angesichts der Überwindung der Apartheid vor knapp 20 Jahren zu schwach. Viel mehr nutzt "District 9" die Ereignisse aus dem Jahr 2008, als in Südafrika Immigranten verfolgt und getötet wurden, für eine allgemeine Betrachtung der Angst vor dem Fremden.
Anders als in vielen früheren kritischen Apartheid Filmen, in denen das Unrecht gegenüber den schwarzen Menschen auch dadurch betont wurde, indem man deren Qualitäten heraus stellte, scheint das Leben und das Aussehen der "Shrimps" die Vorurteile der Menschen zu bestätigen. Ganz bewusst setzt der Film auf eine hässliche, insektenartige Optik, eine verdreckte und heruntergekommene Umwelt und Lebensgewohnheiten, die sich in Gewalt und der Jagd nach Katzenfutter erschließen. Von Kultur, Moral oder Intelligenz scheint keine Spur. Geschickt erzeugt der Film diesen Eindruck, indem er in seinem Dokumentationsstil nur die Menschen zu Wort kommen lässt. Was wirklich in den Aliens vorgeht, erfährt man erst mit der Zeit.
Während die menschliche Rasse dagegen zuerst seriös erscheint, werden zwei Stereotypen als Protagonisten erkoren, die den manipulativen Charakter des Films deutlich machen. Da ist zum einen der Loser Wikus Van De Merwe (Sharlto Copley), der die Umsiedelungsaktionen leiten soll. Schon die ersten ungeschickten Kameraversuche kennzeichnen einen Menschen, der seiner Aufgabe nicht gewachsen ist. In einer Mischung aus Selbstüberschätzung, Verkennung der tatsächlichen Gefahr und einer Denkweise, die von übernommenen Vorurteilen geprägt ist, wird er zum klassischen Opfer. Man fragt sich zuerst, warum ausgerechnet ihm - auch wenn er der Schwiegersohn des Chefs ist - diese Aufgabe übertragen wurde, aber sobald er sich in die Slums begeben hat, wundert man sich nicht mehr, denn ein undankbarerer Job ist schwer vorstellbar. Doch Wikus fühlt sich in seiner unsicher, naiven Art noch geehrt. Als Identifikationsfigur ist er in seiner uncoolen Art, mit der er ständig peinlich seine Frau grüßt, gänzlich ungeeignet.
Dagegen scheint Colonel Koobus Venter (David James) von anderem Kaliber. Als Anführer der Privatarmee des Konzerns, die Van De Merwe bei seiner Aufgabe unterstützen soll, spielt er in der Tradition knallharter Militärs, die noch in den schwierigsten Situationen eine Antwort wissen. Zu Beginn wirkt sein Verhalten noch angemessen, angesichts der in den Slums lauernden Gefahren, aber seine rücksichtslose Art, wehrlose Aliens zu töten, wirkt menschenverachtend. Menschenverachtend ? - Es handelt sich schließlich um Aliens, aber in dem Moment, als Wikus eine geheimnisvolle Flüssigkeit ins Gesicht sprüht und er langsam zum Alien mutiert, beginnt die Metamorphose des Films.
"District 9" ist trotz gewisser inszenatorischer Anleihen an dokumentarische Filme, ein klassischer Actionfilm mit einer äußerlich linearen Story. Er nutzt diesen Genrehintergrund, sein kritisches Potential ohne den üblichen Zwang zur Differenzierung zu entfalten. Die menschliche Rasse outet sich immer mehr als überhebliche Horde, die - aus ihrer Sicht - minderwertige Wesen ohne Rücksicht ausbeutet und wenn nötig auch tötet. Dagegen lernt man die Aliens in der Figur des "Christopher" und seines kleinen Sohnes besser kennen und beginnt deren Beweggründe zu verstehen. Diese Plakativität, die sich klassisch zuspitzt, ist in "District 9" notwendig, da sie im völligen Gegensatz zu der Ausgangssituation und der optischen Umsetzung steht.
Die wichtigste Figur bleibt aber Wikus Van De Merwe, denn die Veränderungen des Körpers verändern auch seinen Charakter, und so wie sich der menschliche Körper gegen das Neue wehrt, ist auch Wikus ständig hin und her gerissen. Als Identifikationsfigur bleibt er damit auch weiterhin problematisch, aber die Annäherung an ihn, geht einher mit der Annäherung an die Aliens. Diese vollendet sich in dem oben beschriebenen Moment, als Wikus sich für seinen Kameraden opfert, und der Film in scheinbare Profanität abgleitet. Wer das als Anpassung an Hollywood-Regeln kritisiert, hat noch nicht begriffen, dass die größte Form der Gleichberechtigung im Zulassen des Gewöhnlichen liegt. Es ist hier nicht der typische Moment, in dem sich der Held rettet. Es ist der Moment, in dem der Fremde für den Betrachter nicht mehr beweisen muss, warum er dazu gehört.
"District 9" verpackt seine finstere Botschaft nicht in Parolen, so dass Viele den Film als typischen Genrefilm ansehen werden, für den sie sich vielleicht sogar eine Fortsetzung wünschen. Doch das Ende ist in seiner unkonkreten Art nur konsequent und bedarf keiner weiteren Erklärungen. Im Gegenteil würde das nur die emotionale Manipulation beschränken, der sich letztlich Niemand entziehen kann (8,5/10).