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Der kleine Max ist wahrlich nicht zu beneiden. Seine Mutter ist allein erziehend und hat nie Zeit für ihn. Seine Schwester ist schon groß und interessiert sich nicht für ihn. Zu den Kindern aus der Nachbarschaft hat er auch keinen Draht.
Eines Abends kommt es zum Streit zwischen Max und seiner Mutter, der damit endet, dass Max wutentbrannt Reißaus nimmt und mit einem Boot übers Meer auf eine unbekannte Insel segelt. Dort wohnen wilde Kreaturen so groß wie Grizzlybären, allerdings der menschlichen Sprache mächtig. Da Max aber zufälligerweise sein Wolfskostüm trägt und den Monstern vorschwindelt Anführer der Wikinger zu sein, machen sie ihn zu ihrem König…

„ICH FRESS DICH AUF!“

WO DIE WILDEN KERLE WOHNEN ist die Verfilmung des gleichnamigen, kaum 20 Seiten fassenden Kinderbuches, welches 1963 erschien und mehr aus Bildern als aus Text bestand. Auf dem Regiestuhl sitzt kein geringerer als Spike Jonze, bekannt für seine schrägen filmischen Meisterstreiche „Being John Malkovich“ und „Adaption“, wie auch als Ideengeber der „Jackass“-Crew.
Was Jonze hier hinzaubert ist ein überaus Fantasie betonter Streifen, der viel Platz zum Träumen lässt und teilweise so idyllisch und harmonisch ausfällt, dass man echt Rotz und Wasser heulen könnte.
Das Highlight des Films sind ganz klar die „Wilden Dinger“, die zur einen aus Schauspielern in echten Kostümen, zur anderen Hälfte aus genialen Animationen bestehen und wohl am ehesten einem Samson aus der Sesamstrasse mit Haifischzähnen gleichkommen, allerdings ohne Reißverschluss. Die Wesen halb Grizzlybär halb Teletubbie (ein bisschen Minotaurus steckt auch mit drin) sind jedenfalls allerliebst: einerseits kindlich naiv, verspielt, ständig zu Blödeleien aufgelegt und so sanft wie Fuchur, andererseits streitlustig, sie schlagen am liebsten alles kurz und klein und sind heimliche Menschenfresser, was sie Max zuliebe allerdings nicht ausleben. Ihr zotteliges Kuschelfell dürfte jedenfalls bei jedem Kindheitserinnerungen an den ersten Schmuseteddy wach rufen.

„Als erstes machen wir KRRRAAACH ! ! !“

Um es kurz zu machen: Das Resultat ist kein Kinderfilm, jedenfalls keiner im klassischen Sinne. Klar weißt der Film viele Elemente auf, die Kinderherzen zum Jauchzen bringen dürften, den wahren Inhalt, die wahre „Aussage“ versteht man allerdings nur als Erwachsener.
Vordergründig geht es natürlich um den Wildfang Max, der dank doppeltem Knacksknacker und Traurigkeitsschutzschild mit sanften Bestien und knuddeligen Monstern eine gute Zeit verbringt. Es geht um Freundschaft, Anarchie und Dreckklumpenschlachten an einem „Ort, wo nur das passiert, was man sich wünscht“.
Beim genaueren Hinsehen handelt der Film aber von Max, der in seinen Untergebenen Hoffnungen weckt, die er nicht erfüllen kann. Max bringt die zerbrechliche Traumwelt der Wilden durch sein Auftreten, wohlmöglich auch durch sein egoistisches Verhalten aus dem Gleichgewicht. Er sät Zwietracht, aus der Eifersucht keimt und die ein Monster am Ende sogar einen Arm kostet. Man lernt, dass ohne gegenseitige Rücksichtnahme ein friedvolles Zusammenleben nur schwer möglich ist. Und als Max am Schluss die Insel wieder verlässt, ist er ein Stück erwachsener als zuvor. Tiefgründig, hm!?

„Ich schätze, wenn es so weiter geht, esse ich wohl bald meine eigenen Füße auf!“

Im Original liehen u.a. Forest Whitaker ("Ghost Dog") und James Gandolfini ("Die Sopranos") ihre Stimme den Monstern, hierzulande leider niemand bekanntes. Dafür gibt es einen Soundtrack auf die Ohren (durchgehend von „Karen O and the Kids“ mit melodischen Kinderchören), wie er passender und verträumter kaum sein könnte.
Ein weiteres Plus stellen die Kulissen der australischen Drehorte dar. Steile Felsküsten, sandige Wüsten, dichte Wälder mit hohen Wipfeln… wie man sich eine unentdeckte Insel eben so vorstellt.
Ob der Streifen nun als Leinwandadaption geglückt ist, ist schwer zu sagen. Er macht auf jeden Fall ungemein Spaß, öffnet einem das Herz und versetzt einen in eine Zeit zurück, in der es noch cool war mit Holzklötzen zu spielen.

„Hey, ich werde meine Füße nicht mehr auffressen!“ – „Wieso nicht?“

Fazit:
Hach, endlich wieder Kind sein dürfen! Eine Reise an den Ort, wo nur das passiert, was man sich wünscht. So fast zumindest. Der Zappelphilipp segelt ins Land der sanften Monster, um erwachsen zurückzukehren.
Ziemlich abgefahren und doch bodenständig. Naiv, harmonisch, albern und auch traurig.
Ein Kinderfilm (auch) für Erwachsene.
Ich geh’ jetzt 'ne Runde mit den Monstern heulen – Aaaauuuuuu!!!

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