Das mit nur wenig Text versehene Kinderbilderbuch "Wo die wilden Kerle wohnen" ist von unmittelbarer Direktheit, was seinem Schöpfer Maurice Sendak, 1963 beim Erscheinen des Buches, neben viel Lob auch einige Kritik einbrachte. Nicht nur die schrecklichen Monster, die als zu gruselig für Kinder erachtet wurden, auch die - aus damaliger Sicht - fehlende pädagogische Konsequenz wurde dem Buch angekreidet.
Max, der einfach nur Unfug macht, wird zur Strafe ohne Abendessen ins Bett geschickt. Dort lebt er seine Fantasien nur noch wilder aus, so dass er selbst von den wilden Kerlen auf der Insel als ihr König angesehen wird. Doch dann wird auch ihm deren Treiben zu viel und er schickt sie ohne Abendessen ins Bett. Sendak gesteht Max den freien Willen zu, sowohl Lärm zu machen, als auch, aus einem eigenen Entschluss heraus, damit wieder aufzuhören. Der warme Teller Essen wird dadurch am Ende zum Liebesbeweis ohne Erwartungshaltung.
Im Grunde ist jede Interpretation zu viel, angesichts einer Bildergeschichte, die nur einen Protagonisten kennt, auf jegliches Umfeld verzichtet, und ihre Attraktivität für Kinder daraus gewinnt, dass ein kleiner Junge eine Gruppe gefährlich und gruselig aussehender Monster anführt, Lärm und Unfug macht und am Ende doch geliebt wird - "und es war noch warm" ist die letzte Seite untertitelt, ohne das dort noch ein Bild die Fantasie beeinflusst. Tröstlicher kann eine Geschichte nicht enden.
Die Idee, aus einer solchen Kurzgeschichte einen Langfilm zu machen, wird durch zwei widersprüchliche Voraussetzungen beeinflusst. Die Story selbst ist so auf das Wesentliche reduziert, dass sie kaum Ausschmückungen verträgt, aber gleichzeitig voller Emotionen. Spike Jonze hat sich seinen Fantasien hingegeben, hat die Insel mit einer wunderschönen, abwechslungsreichen Landschaft aus dem Meer aufsteigen lassen, hat die von Sendak ersonnene Gruppe "Wilder Kerle" zu individuellen Persönlichkeiten geformt und betrachtet die Beziehung zwischen ihnen und Max (Max Records) aus einem psychologisch komplexen Standpunkt heraus.
Auch die Rahmenhandlung wird bei Jonze um wesentliche Elemente erweitert, was angesichts der knappen Vorlage zwar nachvollziehbar ist, die eigentliche Intention des Buches aber aushöhlt. Durch die Einordnung von Max in ein typisches, modernes Familienleben, mit alleinerziehender Mutter (Catherine Keener), derem neuen Freund (Mark Ruffalo) und einer großen Schwester (Pepita Emmerichs), bekommt sein Ausflippen den Charakter einer Reaktion auf seine Umwelt. Schon das Max allein im Schnee spielt, während seine Schwester mit vier Freunden auftaucht, die ihn dazu noch ärgern, verleiht dem Geschehen eine Dimension von Einsamkeit und Ablehnung (die noch durch das Schmusen seiner Mutter mit ihrem Freund verstärkt wird), die sein Verhalten vor den Augen des Publikums legitimiert.
Genau das wollte Sendak nicht, denn Max treibt in seinem Buch einfach Unfug, der sich ja darin begründet, keinen Grund zu brauchen. Auch die Verbannung ins Bett ohne Essen ist ebenso direkt, weshalb Max' Reaktion, es jetzt erst recht wild zu treiben, eine Auflehnung gegen diese Bestrafung darstellt, während der Film klischeehafte Reaktionen aneinanderreiht, vom hilflosen Versuch der Mutter, Max zu bestrafen, bis zu dessem Davonlaufen. Diese "Verfälschungen" hätte man noch als Relikt an eine Filmumsetzung akzeptieren können, wenn Sponze sie nicht komplett auf das Geschehen auf der Insel übertragen würde.
Dort angekommen, beginnt "Wo die wilden Kerle wohnen" erst einmal so, wie man es sich erhofft hatte - mit viel Radau. Aber schnell splittet sich die im Buch homogene Gruppe von Monstern in Charaktere auf, die unterschiedliche Typen personifizieren, die zudem über weibliche oder männliche Verhaltensmuster verfügen. Max wird auch nur durch die Behauptung, er wäre ein König, ihr Anführer, während im Buch ein Blick aus seinen Augen genügt, dass die wilden Kerle ihn als den wildesten akzeptieren. Sponze entwickelt aus dieser Konstellation heraus gruppendynamische Prozesse, die Max' realer Situation entsprechen. Als ihr Anführer erfährt er so die Situation seiner Mutter und bekommt zu spüren, wie schwierig und teilweise unmöglich es ist, allen Emotionen und Wünschen der Beteiligten gerecht zu werden.
Das Geschehen auf der Insel verfügt in einigen Momenten, in denen die Monster übereinander springen, sich fallen lassen oder sich einfach ihrer Zerstörungswut hingeben, über Momente, die dem Buch sehr nah kommen, so wie die Kerle selbst in ihrer Gestaltung sehr überzeugend sind. Aber regelmässig wird die Handlung von psychologisierenden Verhaltensmustern und Gesprächen überschattet, die Max zum Schluß sogar dazu zwingen, zuzugeben, dass er nur ein einfacher Junge ist. In diesem Zusammenhang wird auch die Gefahr heraufbeschworen, dass Carol, einerseits der wildeste, aber auch empfindlichste Kerl (Max' alter Ego), entsprechend böse reagieren könnte, wenn er davon erfährt.
In der Selbsterkenntnis des Jungen werden wieder Parallelen zur Buchvorlage sichtbar, aber, anders als dort, auch die Begründung dafür. Insgesamt hinterlässt Jonzes Umsetzung einen zwiespältigen Eindruck, da sie den kindgerechten Charakter der Vorlage zu sehr hinter sich lässt (auch wenn Kinder sicherlich Spaß an den Monstern haben werden), gleichzeitig für Erwachsene zu wenig eigenständig ist in der psychologischen Anlage.
Fast bekommt man den Eindruck, dass sich Jonze, der bisher gerade dadurch auffiel, sich keinen erzählerischen Regeln zu unterwerfen, aus Respekt vor dem Buch, vor allem auf das visuelle Austoben konzentriert hat, während die Story eher konventionell geraten ist. Denn das Verrückte, das Wilde stammt aus dem Buch, aber den dort verankerten Anarchismus, hat Sponze der Geschichte mit seinem Film ausgetrieben (5/10).