Ist das nicht ein großartiges Gefühl für jeden Filmfreund? Da schiebt man eine eben per Post eingetrudelte DVD in den Player, macht es sich auf der Couch bequem und startet ohne große Erwartungen den Film. Was soll man sich denn bitteschön auch schon groß erwarten, wenn man erstens so gut wie nichts über den Film weiß und es sich zweitens um eine nahezu unbekannte Indie-Produktion der Preisklasse B (eher C oder D) handelt? Und dann - und das meine ich mit "großartiges Gefühl" - gelingt es diesem kleinen, unbekannten Streifen, ungemein positiv zu überraschen und einen quasi aus heiterem Himmel "wegzublasen". Der Film zieht einen vom Fleck weg in seinen Bann, man wird vom Geschehen so gefesselt, daß man fast mittendrin statt nur dabei ist, man fiebert mit den Protagonistinnen mit und wagt es kaum, den Blick auch nur für einen Moment von der Glotze abzuwenden. Man hat den Eindruck, man gleitet auf der exakt selben Wellenlänge wie diejenigen dahin, die diesen Film geschaffen haben. Leider sind solche Momente ausgesprochen rar gesät, und falls sie sich tatsächlich mal ergeben könnten, werden sie oft von uns selbst vorsätzlich torpediert und zerstört. Weil wir gar nicht mehr anders können. Ich nehme mich da ja gar nicht aus. Wir brauchen halt Informationen, bevor wir unsere Kohle rüberschieben, eine gewisse Sicherheit, daß wir für das investierte Geld etwas Brauchbares zurückbekommen. Informationen in Form von Trailer, Movie-Clips, Bilder, Kritiken, und so weiter. Und eben diese Gier nach Informationen macht dieses angesprochene großartige Gefühl des unerwarteten Überwältigtseins schon im Vorfeld zunichte, weil wir einfach viel zu viel über den betreffenden Film wissen. Irgendwie schade, oder?
Im Falle von The Good Sisters hatte ich großes Glück, es fügte sich alles perfekt zusammen. Ich wußte lediglich drei Dinge, die ausreichten, um den Blindkauf zu wagen. Erstens: Debbie Rochon spielt mit. Zweitens: April Monique Burril spielt mit. Und drittens: Jimmyo Burril führte Regie. Als Fan von Chainsaw Sally genügte das, um die Kröten auf Wanderschaft zu schicken. Daß mich der Film dann so packte, war natürlich nicht zu erwarten. Ich finde Chainsaw Sally toll, keine Frage. Aber The Good Sisters ist ein gänzlich anderes Kaliber. An der Geschichte liegt es nicht; die ist ziemlich dünn. Es liegt an der eigenwilligen Umsetzung, die den unwiderstehlichen Reiz und die immense Faszination dieses Flicks ausmacht. Worum geht's? Die Good-Schwestern Breanne (Debbie Rochon) und Kindra (April Monique Burril) leben zusammen mit einer Handvoll anderer Mieter in einem mehrstöckigen Appartementhaus. Die beiden Frauen sind praktizierende Hexen und scheinen hier eine Art Versteck gefunden zu haben. Auf Gesellschaft stehen sie nicht, im Gegenteil. Sie sondern sich von den anderen Bewohnern des Hauses ab und bleiben lieber für sich. Manchmal kommen die beiden um etwas Konversation natürlich nicht herum; da heißt es dann Augen zu und durch. Breanne und Kindra trauen ihren Nachbarn nämlich nicht weiter, als sie sie werfen können. Und prompt geschehen verdächtige Dinge. Das Licht brennt in ihrer Wohnung, als sie zurückkommen, ein Gegenstand ist vom Regal verschwunden, bedeutungsschwangere Blicke werden ihnen nachgeworfen. Ist es bloß Paranoia, oder will ihnen jemand wirklich Böses antun?
The Good Sisters lebt von seiner dichten, ominösen Stimmung und ist somit ein exquisites Mood Piece, das den Zuschauer so langsam wie geschickt einlullt, bis er sich beinahe in Sicherheit wiegt, und dann... zack... geht es ans Eingemachte. Lange Zeit wird man von Autor/Regisseur Jimmyo Burril im Unklaren darüber gelassen, ob Breanne und Kindra überhaupt echte Hexen sind oder ob es sich bei ihren Gesängen, Ritualen und Seancen bloß um eine exzentrische Spinnerei handelt, die zwar ungewöhnlich ist und angsteinflößend sein kann, bei der es sich aber nichtsdestotrotz um eine harmlose Spielerei handelt. Überhaupt stellt sich die Frage, ob Breanne und Kindra jetzt eigentlich als "böse" zu klassifizieren sind oder nicht. Die beiden sind ambivalente, erstaunlich komplexe Figuren, wie man sie in B-Movies nur sehr selten findet. Debbie Rochon (Colour from the Dark) und April Monique Burril (Chainsaw Sally) harmonieren prächtig miteinander und erwecken ihre Charaktere zum glaubhaften Leben. Die beiden fühlen sich so echt an, daß man sich nicht wundern würde, wenn sie plötzlich nebenan einziehen. Und aus diesem Grund kommen gewisse Dinge, die im weiteren Verlauf des Filmes passieren, ungemein kraftvoll und wuchtig rüber. Sie hinterlassen mächtig Eindruck, zumal das Geschehen an einem bestimmten Punkt so rasant kippt, daß man ziemlich kalt erwischt wird. Verstärkt wird die angenehm verstörende Wirkung durch die famose Musikuntermalung, die mit den Bildern förmlich verschmilzt, ohne daß sie zu sehr ins Bewußtsein rückt.
Auf visueller Ebene (die Träume bzw. Visionen sind atemberaubend umgesetzt) weiß der in Maryland gedrehte Okkult-Streifen ebenso zu überzeugen wie in Bezug auf Produktionsdesign, Sounddesign, Schnitt und Spezialeffekte. Das alles ist weit besser, als man in Anbetracht des niedrigen Budgets zu hoffen wagte. Da sich die Geschichte sehr langsam entfaltet, sollte man etwas Geduld mitbringen und versuchen, in das Szenario einzutauchen. Es lohnt sich. Der Blut-und-Beuschel-Faktor wird generell niedrig gehalten, was jedoch nicht heißen soll, daß es mitunter nicht auch blutig zugeht. Die Damen Rochon und Burril agieren sehr freizügig und legen sogar eine heiße (inzestuöse) Sexszene aufs Parkett. Im Gegensatz zur trashig angehauchten Fun-Stimmung von Chainsaw Sally ist The Good Sisters ernst, düster und deutlich realistischer angelegt. Daß der Film eine Herzensangelegenheit der Macher war, verdeutlicht folgender Aspekt. Kurz vor Drehbeginn wurden bei Jimmyo Burril ein Nierentumor und bei Debbie Rochon ein Hirntumor diagnostiziert. Beide mußten operiert werden. Anstatt jedoch eine Auszeit zu nehmen oder gleich alles hinzuschmeißen, stimmten sie ihre jeweiligen Operationen so ab, daß die Produktion nicht gefährdet war und sie nach Gesundung gleich mit dem Dreh loslegen konnten. Umso erfreulicher ist es natürlich, daß das Ergebnis eine kleine Perle des B-Kinos ist, die mit dem Gros der Konkurrenz den Boden aufwischt. Für ein Doppelprogramm empfehle ich Rob Zombies The Lords of Salem (2012), einen ähnlich faszinierenden Film mit Hexenthematik.