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Manchmal hat man das unbestimmte Gefühl, etwas Großes in der Hand zu haben und doch nicht zu wissen, wohin damit.
Im Falle von John Hillcoats "The Road" sorgt allein schon der Hintergrund für ein Raunen im herbstlichen Wald: Vorlage von Cormac McCarthy ("No Country for Old Men"), Pulitzerpreis für eben jenes Buch, eine beklemmende Endzeitvision bar jeder Hoffnung, eine hervorragende Besetzung. Und keine Zielgruppe, die den Happen schlucken könnte.
McCarthys Buch, Hillcoats Film sind so grimmig, so niederschmetternd, so unzeitgemäß und universell, daß es ein Jahr und diverse Terminverlegungen dauerte, bis sich jemand erbarmte, den Film doch in unserem Land zu zeigen.
Endzeitvisionen sind nicht mehr up to date, in der Welle der Katastrophenfilme und dem allgemeinen Zynismus der Kapitalismusgesellschaft untergegangen, jeder gute Dokumentarfilmer kann mit der Realität und den Folgen schlimmere Schreckensbilder malen und doch gibt es hier und da noch Ausnahmefälle, die das Publikum trotzdem mitreißen und überzeugen, wie etwa "Children of Men".
Doch in diesem Fall wird es noch eine Runde ungenießbarer, denn weder Ursache noch Wirkung stehen im Vordergrund von Hillcoats Film, der GAU ist längst eingetreten, alles dreht sich lediglich um die Verarbeitung der Folgen, nicht die Frage nach Schuld oder Unschuld oder wie man die Welt wieder auf richtige Bahnen lenken kann.

McCarthy behandelt in seiner Geschichte eine beinahe biblische Katastrophe, läßt von einem grellen Licht sprechen, die Pflanzen und Tiere absterben, den Himmel verdunkeln und Erdbeben das Land überziehen. Wenn man einsteigt, ist diese ganze Chose längst gelaufen, die Menschheit hat sich aufgelöst, der Kampf um Nahrung oder die Alternative des Kannibalismus sind längst überall an der Tagesordnung.
Anhand zweier Namenloser, Vater und Sohn, muß der Zuschauer einem schier endlosen Weg aus dem Norden in den Süden der Vereinigten Staaten folgen, durch eine aschebedeckte Ruinenlandschaft aus allen Nuancen von Grau, Städte in Trümmern, zerfallene Zivilisation, verdorrte Natur, kahle gestorbene Bäume.
Und mittendrin, wie ein bitterer bis lächerlicher Gegenentwurf, der Mann, offenbar gebildet, vielleicht ein Arzt, der nach dem Ableben seiner Frau, die den Freitod in der Natur wählte, weil sie den Zustand der Welt nicht mehr ertrug, alle Hoffnung auf seinen Sohn projeziert. Wo sonst Heilbringerlehre und Erlöserphantasien (wie auch in Cuarons Endzeitvision) regieren, wirkt das Beharren des Mannes auf eine strikte Trennung in gute und böse Menschen, auf menschliche, soziale Werte, auf Menschlichkerit wie ein Anachronismus, der seinen doch recht naiven und ängstlichen Sohn vor dem inneren Absterben bewahrt hat. Religion wird hoffnungsfrei abgetan, maximal das alte Prinzip von "die Zukunft ist in den Kindern" soll weiterleben, während man durch das Land zieht auf der Suche nach Nahrung.

Hillcoat hat keinen Film wie ein schlimmes und hartes Abenteuer gemacht, seine "Road" ist für auf Unterhaltungswerte ausgerichtete Zuschauer praktisch unerträglich. Es gibt Fragen, aber es gibt keine Antworten, es gibt Szenen, Begegnungen, Verhalten und Entscheidungen, es gibt Vorgehensweisen, falsche wie richtige - und alles was die Existenz noch rechtfertigen soll, ist das Beharren darauf, daß es sich lohnt, weiterzumachen, auch wenn diese innere Stärke etwas ist, auf das sich nur noch wenige besinnen können.
Und so streifen unsere Figuren die verschiedenen Arten von Menschen, die versuchen, die Katastrophe zu überstehen: Diebe, Verfolgte, arme Seelen; Vergewaltiger und Menschenschlächter, die sich für den Kannibalismus Menschendepots in Kellern eingerichtet haben; Unsicherheit allerorten, ob man begleitet oder verfolgt, Zynismus und Alterweisheit in demselben Satz.
Zwischendurch werfen geträumte Rückblenden einen Blick in die menschliche Seele: die Mutter, die mit der Geburt ihre Lebensessenz aufgibt; die Idylle der Liebe; die Furcht vor dem Alleinsein, innen wie außen.

Dabei bieten die einzelnen Szenen immer wieder Stoff zum Denken, zum Philosophieren, allein die wenigen lichten Augenblicke, ein Bad unter einem Wasserfall, ein gefundenes Nahrungsdepot in einem Bunker rechtfertigen das Weitergehen des langsamen Sterbens - und zwingen den Zuschauer zur Auseinandersetzung mit den eigenen möglichen Entscheidungen.
Dabei schreckt Hillcoat vor der realistischen Überhärte allerdings filmisch immer wieder zurück und bleibt stets beim theoretischen Diskurs, der wahre Horror, die brutalste Gewalt spielt sich im Kopf ab, die Flucht ist allgegenwärtig.
Der Film folgt dem Buch dabei nah auf den Fersen, stets den einzigen Ausweg präsent: eine Kugel in einem Revolver, die letzte Flucht. Schlußendlich wird sie nie abgefeuert, soviel Durchhaltevermögen, soviel naiven Idealismus traut McCarthy seinen Figuren zu - am Ende ein bitteres Belohnungsprinzip, da es tatsächlich zum avisierten Ziel führt.
Selbst das Ende, das für den Mann den Tod und für den Sohn eine neue Familie kreiert, verliert dabei nie das Stigma der Hoffnungslosigkeit - hier ist es nicht sicher, ob man etwas Besseres als Tod irgendwo finden kann, maximal die Gewißheit, daß es gemeinsam leichter zu ertragen ist. Ob man dieses, angesichts von Tod, Verderben und steter Unmenschlichkeit, irgendwie künstliche Beinahehappyend als solches dann auch zu nehmen versteht oder eher als idealistisch-verklärten Tritt ins Gesicht mag jeder entscheiden, der bis zum Ende des Films durchhält.
Und da werden sich die Geister scheiden, denn für ein breites Publikum ist der handlungsreiche, aber eben Konventionen vermeidende Film sicherlich zu anstrengend oder zu nihilistisch, was aber auf den zweiten Blick auch eher eine kurzsichtige Definition ist.

"The Road" ist so ein perfekter Schulfilm geworden, eine reichhaltige Basis für Diskussionen über Moral und Humanismus und nicht zuletzt Konsequenz. Die theoretisierten Inhalte qualifizieren ihn in seiner Sperrigkeit geradezu für die Arthaussparte, da weder optische Mätzchen, noch betonte Action vorkommen, die die innere Spannung zugunsten einer äußeren aufgeben. Es ist kein Reißer, kein Hoffnungsmacher, auch kein Aufrüttler, er konstatiert nur, was vermutlich wird, wenn die Welt in den Arsch geht und am Ende reißen keine Wolken auf, so weit hat man die Konsequenz immerhin gedeihen lassen. Was gut und richtig oder schlecht und falsch ist, bleibt ungeklärt, ebenso wie weit man damit ggf. kommt. Entscheiden muß man selbst, welchen Weg, welche Straße man geht.
Daß dieser Brocken dann mehr beeindruckt, als befriedigt, ist da nur die logische Folge - als Zuschauer muß man den Film selbst überstehen, überleben und sich dann (hoffentlich) lebendig fühlen. Ansonsten macht das alles keinen Sinn. Wenn nach "The Road" überhaupt noch etwas Sinn macht. (8/10)

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