Review

"Jeder Tag ist grauer als der vorherige. Es ist kalt und es wird immer kälter, während die Erde langsam stirbt."

Nach einer Katastrophe liegen Pflanzen und Tiere im Sterben, der Himmel ist stets bewölkt und die noch wenigen überlebenden Menschen ziehen durch das Land, auf der Suche nach Nahrung. Ein Vater (Viggo Mortensen) und sein Sohn (Kodi Smit-McPhee) sind auf dem Weg Richtung Südküste, in der Hoffnung dort eine Unterkunft für den hereinbrechenden Winter und etwas zu Essen zu finden. In einem klapprigen Einkaufswagen führen die beiden ihr verbliebenes Hab und Gut mit, darunter einen Revolver mit zwei Patronen. Denn in der postapokalyptischen Welt sind sie nicht die einzigen Verzweifelten, und die meisten Anderen kennen längst keine moralischen Werte mehr.

Basierend auf dem gleichnamigen und preisgekrönten Roman von Cormac McCarthy erweckt Regisseur John Hillcoat ("The Proposition") eine postapokalyptische Welt, die deprimierender kaum sein könnte. Viele Genrevertreter glänzen durch einen hohen Actionanteil oder gar eine überzeichnete Endzeitatmosphäre. Eine essentielle Frage wird dabei oft übergangen. Die Frage, ob das Leben nach dem Ende der Welt überhaupt noch einen einen Sinn hat.

"The Road“ erforscht einen psychologisch ausgefeilten Konflikt, der fest als Kern der Geschichte verankert ist. Es geht um moralische Werte, die in einer Zivilisation ohne Ordnung und Gesetze kaum noch vorstellbar sind. Hier gibt es keinen Antagonisten, keinen sich im Filmverlauf abzeichnenden Showdown außerhalb der Vater-Sohn-Beziehung, denn diese steht im Mittelpunkt.
Hillcoats episodenhafte Reise durch eine verrottende Welt ist kein Action-Spektakel, sondern ein intimes und beklemmendes Charakterdrama. Der Film selbst verläuft verglichen mit anderen Endzeitfilmen sehr ruhig und prägt die Themen Verzweiflung, Hoffnung, Zusammenhalt sowie Überleben. Ebenso aber auch Zweifel gegenüber anderen Überlebenden, die keinerlei Moral mehr kennen und im schlimmsten Fall dem Kannibalismus und der Plünderei verfallen.

Seine Stärksten Momente hat "The Road“ zu Beginn. Die Wucht der gebotenen Bilder muss zunächst erst verdaut werden. Aschfahle Bäume, verrußte Landstriche, bewölkter Himmel, zerstörte Städte. Nichts anderes scheint die in monotonem grau getauchte Welt mehr zu bieten. Unterstrichen von einem melancholischen Soundtrack ist die trostlose Stimmung zum greifen nah. Ebenso spürbar ist die Anspannung der Hauptcharaktere bei dem Aufeinandertreffen auf gruppierte Banden oder vereinzelte Personen, die nicht immer bösartiger Natur sein müssen.
Dazwischen befindet sich leider viel Leerlauf in dem sich "The Road" nur schleppend vorwärts bewegt. Nur durch kurze Rückblenden werden unausgesprochene Gedanken der Figuren ersichtlich. Trotzdem bleibt zu diesen eine kühle Distanz gewahrt.

Nicht nur die enge Beziehung zwischen Vater und Sohn wird unzureichend oder zu überschwänglich dargestellt. Geschuldet durch den Roman finden sich nur rundimentäre Erklärungen, was der Auslöser des Niederganges der Welt gewesen sein könnte. Dies ist ebensowenig zufriedenstellend, wie das konstruierte Ende, das aufdringlich ein beruhigendes Element einführen muss.

Viggo Mortensen ("Der Herr der Ringe"-Reihe) stellt sein Gespür für emotional komplexe und ambivalente Figuren einmal mehr unter Beweis. In Form von seinen Blicken und dem rauen Gesicht stellt er subtil dar, was sein Charakter schon alles gesehen haben muss. Ein Vergleich zu Kinderdarsteller Kodi Smit-McPhee ("Let Me In") ist hier unnötig, dieser hält sich aber überraschend gut.
In Kurz-Auftritten überzeugen außerdem Robert Duvall ("Der Pate"-Reihe), Charlize Theron ("Monster") sowie Guy Pearce ("Tödliches Kommando", "Memento").

"The Road" erzeugt Bilder, die man nicht so schnell vergisst und die darstellerische Leistung von Viggo Mortensen geht unter die Haut. Auch in seinen moralischen Themen überzeugt der gemächlich erzählte Endzeitfilm. Die enorme Nähe zum Roman bricht "The Road" allerdings schließlich das Genick. Die Darstellung der Charaktere und deren Gedankengänge mag in lesbarer Form noch funktionieren, allerdings nicht in visueller. Die wenigen Rückblenden reichen nicht aus um den Charakteren ein emotionales Profil zu geben. Ebenso mangelt es an Hintergrundwissen und der damit verbundenen epischen Größe der Welt, die nur unzureichend erklärt wird.

6 / 10

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