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Der Weltuntergang ist wahrlich keine allzu unterhaltsame Angelegenheit, und dennoch nahmen die postapokalyptischen Streifen der letzten Jahre ihr schreckliches Szenario nur selten wirklich ernst; sei es nun “Doomsday” mit seiner überzogen-spaßigen Herangehensweise oder “The Book of Eli”, welcher Denzel Washington zum christlichen Action-Helden hochstilisierte. Wer sich nach einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem tragischen Thema sehnt, dürfte mit der Verfilmung von Cormac McCarthys hochgelobten Roman genau das finden, wonach er sucht: “The Road” präsentiert sich als ebenso realistisches wie rührendes Endzeit-Drama, dessen düstere Dramatik einen schier sprachlos macht - dieses beklemmende Meisterwerk über Menschlichkeit und Moral kann einen nur schwerlich kalt lassen.

Die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr: Ein entsetzliches Ereignis hat den Himmel verdunkelt, die Flora verdorrt und die Fauna folglich aussterben lassen. Inmitten dieser verkommenen Ödnis fechten die letzten Menschen einen gnadenlosen Überlebenskampf aus; Mord und Kannibalismus sind in dieser von jeglicher Moral befreiten Hölle mittlerweile zum Alltagsgeschäft ausgeartet. Nachdem ihn seine Frau (Charlize Theron) verlassen hat, versucht ein verzweifelter Vater (Viggo Mortensen) nun gemeinsam mit seinem jungen Sohn (Jodi Smit-McPhee) jeglichem Ärger fernzubleiben und die Südküste der Staaten zu erreichen. Der beschwerliche Weg dorthin ist jedoch von kräftezehrenden Zwischenfällen geprägt, die die beiden immer wieder an die Grenze ihrer physischen wie auch psychischen Belastung bringen…

Jedwede Farbe und Freude ist dem Erdball abhanden gekommen: Grau-braune Töne beherrschen die finstere Umgebung, welche höchstens von dem wärmenden Gelb einer flammenden Feuerstelle erhellt wird. Diese triste Trostlosigkeit offeriert eine Vielzahl packender Panoramen, die auf wundersame Weise von erschreckender Schönheit sind. Wie es zu diesen apokalyptischen Auswüchsen kam, ist hier nicht von Interesse; lediglich der Umgang mit dem Untergang der Zivilisation wird thematisiert. Dies geschieht auf beklemmend-ruhige und realistisch-raue Art: Adrenalinfördernde Action-Einlagen gibt es genauso wenig wie ein stringentes Handlungsgerüst - episodenhaft beleuchtet man den bestialischen Überlebenskampf, welcher durch spärlich eingestreute, aber äußerst effiziente Spannungsmomente angereichert wird.

Fernab jeglicher Effekthascherei und unbeschwerter Unterhaltung wird das namenlose Vater-Sohn-Gespann in den Fokus gerückt. Solch subtile, aber dennoch enorm ergreifende Sentimentalität hat man selten gesehen: Ohne viele Worte entfaltet sich eine beeindruckende Beziehung, die der verwahrlosten Welt einen letzten Funken Wärme spendet. Kodi Smit-McPhee beweist hier ebenso wie im später folgenden “Let Me In”, dass er der richtige Jungdarsteller für solch schwere Stoffe ist; die Verbindung von neugieriger Naivität und dem erforderlichen Maß an Reife gelingt dem Nachwuchstalent ohne Probleme. Noch eine Klasse höher agiert Viggo Mortensen, welcher dank seiner völlig fertigen Erscheinung seinen zutiefst tragischen und ambivalenten Charakter aufs Eindringlichste zum Leben erweckt.

Immer wieder predigt er, dass man das Gute in sich bewahren muss - doch wie soll das möglich sein, wenn Menschlichkeit gegen den puren Überlebensinstinkt verloren hat, wenn Anstand und Moral nichts weiter als leere Worte darstellen? Seinen Sohn sieht der Vater als Erlöser, als seinen persönlichen Gott an, doch Werte wie Nächstenliebe haben keine Bedeutung für ihn - Misstrauen und Gnadenlosigkeit sichern das eigene Wohl, hier kämpft jeder für sich allein. Nur: Für was kämpft man eigentlich? Die Reise gen Süden soll dem ziellosen Leben einen trügerischen Schein von Sinnhaftigkeit verleihen, eine Illusion von Hoffnung schaffen. Stets wird der Zuschauer gezwungen, sich selbst mit den fragwürdigen Entscheidungen und Taten auseinanderzusetzen - wie würde man selbst in solchen Extremsituationen handeln? Wo ist die Grenze zwischen Gut und Böse, falls es denn eine solch einfache Einteilung überhaupt geben kann?

Einen gänzlich anderen Ansatz präsentiert die restlos resignierte Ehefrau bzw. Mutter, welche mit ihrem Überlebenswillen schlicht am Ende ist. Selbst die Liebe zur Familie ist für sie nicht ausreichender Lohn, um den entbehrungsreichen Kampf fortzusetzen. Charlize Theron weiß in dieser kleinen, aber dennoch kraftvollen Rolle ebenso zu überzeugen wie die weiteren, nur kurz zum Zuge kommenden Nebendarsteller, bei denen allen voran ein kaum zu erkennender Robert Duvall heraussticht. Als Glücksgriff erweist sich auch die von Nick Cave beigesteuerte musikalische Begleitung: Die getragenen Klänge untermalen das Geschehen passend, wirken jedoch nie aufdringlich - die bedrückenden Bilder und schrecklichen Situationen dürfen nach wie vor für sich selbst sprechen.

Fazit:The Road” ist beileibe kein unbeschwerter Unterhaltungsstreifen, der ohne weiteres konsumiert werden kann: Das vor depressiver Düsterkeit berstende Werk verlangt ein Hineinsteigern in die hilflose Lage, eine Reflexion der realistisch-rauen Gräueltaten. Wer dazu bereit ist, bekommt eine von beklemmenden Bildern geprägte Apokalypse geboten, welche einen mit ihrer tieftraurigen Trostlosigkeit bedingungslos in ihren Bann zieht. Ein melancholisches Meisterwerk, das neue Maßstäbe im Bereich des Endzeit-Dramas setzt.

10/10

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