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Kaum etwas assoziiert man so immens mit Hitchcocks „Psycho“ wie die Rolle von Anthony Perkins als Norman Bates und seiner gespaltenen Persönlichkeit.
Regieneuling Michael Lander will es ihm ein wenig gleich tun und versucht es mit einem Drama über eine dissoziative Identität, welche sich nach einem einschneidenden Ereignis selbst unterwandert.
Problem ist: Toll gespielt, aber die Geschichte führt zu keinem befriedigenden Ergebnis.

Der Bankangestellte John (Cillian Murphy) verlor seine Mutter vor einem Jahr, seither lebt er allein in dem großen Haus in dem kleinen Örtchen Peacock, Nebraska.
Doch niemand ahnt etwas von seinem Alter Ego als Emma, die John allmorgendlich das Frühstück zubereitet und sich um den Haushalt kümmert.
Als ein Eisenbahnwagon mitten in Johns Garten prescht und der angehende Senator diesen als Podium für seine Wahlveranstaltung nutzen will, wird Emma erstmals in der Öffentlichkeit gesehen und fälschlicherweise für Johns geheime Ehefrau gehalten.
Doch damit beginnen erst die Konflikte in John…

Die grundlegende Frage, die dem gesamten Konstrukt derbe Einbußen in Sachen Glaubwürdigkeit beschert: Sind sämtliche Einwohner so blind und erkennen unter der weiblichen Maskerade nicht John, den sie seit Jahrzehnten kennen?
Und weiter: Wundert sich niemand, dass man das vermeintliche Paar niemals gemeinsam sieht und Emma nur dann in Erscheinung tritt, wenn John gerade nicht in der Bank arbeitet und umgekehrt?
Schon ein wenig dubios bis kurios.

Ansonsten bietet die Kernidee gute Ansätze einer Charakterstudie. Das ist primär der grandiosen Vorstellung von Cillian Murphy zu verdanken, der es hundertprozentig versteht, die typischen Körperhaltungen und Gesichtsausdrücke einer schüchternen, aber wohlgesonnen und hilfsbereiten Hausfrau darzustellen. Das hervorragende Make-up und die erstklassige Wahl der kaschierenden Kleidung tun ihr Übriges.
Aufgrund einiger Flashbacks erfahren wir gleich zu Beginn vom traumatischen Hintergrund: Als Kind wurde John von seiner Mutter arg drangsaliert und phasenweise gequält, was bis vor zwei Jahren, kurz vor ihrem Tod anhielt.
Von da rührt auch die vage Beziehung zu Maggie (Ellen Page), die in arger Finanznot steckt und sich abwechselnd mit John und Emma trifft, die jeweils unterschiedliche Problemlösungen anbieten, jedoch nichts voneinander wissen.

Am Rande mischen überwiegend oberflächlich gezeichnete Figuren mit, auch wenn eine Susan Sarandon als engagierte Frauenrechtlerin ihr routiniertes Programm abspult, Bill Pullman als süffisanter Abteilungsleiter unterfordert wirkt und Ellen Page als jene Maggie annähernd verheizt wird.
Das Umfeld von John fungiert allenfalls als Stichwortgeber, wenn es darum geht, mit dem anderen Teil der Persönlichkeit konfrontiert zu werden, denn John weiß nichts von Emmas Entscheidungen und umgekehrt.
Es folgen Aktion und Reaktion, bis sich der schwächere Part in John langsam zurückzieht und der anderen Hälfte, auch rein äußerlich die Oberhand überlässt.

Dabei setzt die Inszenierung überhaupt nicht auf Schockmomente oder extreme Situationen, sondern auf die latent beklemmende Stimmung um das Geheimnis und des Versteckens rund um John in seinem Haus.
Interessant ist dabei noch, wie sich der Konflikt zuspitzt und die gespaltene Persönlichkeit zumindest auf einer Ebene eine Entwicklung durchmacht, während die andere immer passiver wird. Das wirkt im Gesamtbild halbwegs authentisch und vom Background her glaubhaft, führt jedoch zu keiner eindeutigen Entscheidung, sondern überlässt dem Betrachter Raum für Interpretationen, da der Ausgang recht offen gehalten wird.

„Ich habe Emma an dem Tag getroffen, als Mutter von uns ging.“
Das klingt schlüssig und deutet auf die schlichte Begründung des Traumas hin, entwickelt im Verlauf aber zu wenige Facetten, um auf Dauer Spannung zu erzeugen.
Zumal viele lange Einstellungen ohne Pointe die sehr ruhige Erzählweise noch unterstreichen.
Lediglich der anschwellende Score verweist auf anstehende Konflikte, die aber weitestgehend außen vor bleiben.

Als Charakterstudie ist „Peacock“ somit ein ordentliches Stück Schauspieler-Kino geworden, in dem Cillian Murphy eine eindrucksvolle Performance hinlegt.
Als Thriller mangelt es ihm jedoch eindeutig an Suspense und prekären Situationen, während die Story irgendwo im Nichts strandet und weder eine Pointe, noch eine eindeutige Aussage hinterlässt.
Durchaus sehbar, insgesamt aber ein wenig unausgegoren.
5,5 von 10

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