Corey (Alain Delon) wird aus dem Gefängnis entlassen. Während er nach Paris fährt, flüchtet Vogel (Gian-Maria Volonté) im Kofferraum von Coreys Auto. Die beiden freunden sich an und planen das nächste große Ding, den Überfall auf einen Juwelier in Paris. Dafür benötigen sie die Hilfe des früheren Scharfschützen Jansen (Yves Montand). Aber der Kommissar Mattei (Bourvil) ist Vogel hart auf den Fersen.
Zwei Männer auf einem tristen und einsamen Feld. Mann 1 hat eine Pistole. Mann 2 raucht. Sie schauen sich an. Mann 1 fragt, ob er von Mann 2 beim Verstecken im Kofferraum beobachtet wurde. Mann 2 bejaht. Mann 1 fragt leicht erstaunt, ob Mann 2 keine Angst gehabt hätte. Mann 2 fragt nur lakonisch zurück: „Wovor?“
Dergestalt sind die Beziehungen zwischen den Protagonisten – man ist schweigsam und loyal. Es gibt in dieser Welt keine Frauen, nur Männer, Waffen, und Vertrauen. So zeugt das Einverständnis zwischen Corey und Vogel während des Heists von absolutem Vertrauen und von großer Freundschaft. Es scheint als ob die beiden sich blindlings verstehen würden. Und dann kommt Jansen dazu, ebenfalls schweigsam. Er erledigt seinen Job und geht wieder. Einfach so. Er weiß, dass seine Freunde ihren Teil des Jobs problemlos abwickeln, er vertraut ihnen.
Melvilles Filme spielen oft in dieser Welt, gleich ob es sich um Kriegs- oder um Gangsterfilme handelt. Und so ist neben dem Vertrauen auch das Thema Verrat oft sehr wichtig – wenn Lino Ventura in ARMEE IM SCHATTEN nicht weiß ob er seinem Nebenmann vertrauen kann, oder ob ihn dieser an die Deutschen verraten hat, oder wenn in DER CHEF eine eingeschworene Gruppe von Gangstern aufgebrochen wird, weil einer, ein einziger, den Verhörmethoden nicht standgehalten hat. Und auch in VIER IM ROTEN KREIS ist dieses Thema Verrat wieder da. Durch die Nähe der Hauptdarsteller dieses Mal besonders schmerzhaft, weil Vogel und Corey dem Zuschauer sympathisch sind, und weil Jansen allein dadurch, dass er seine Alkoholsucht überwindet, beim Zuschauer punktet. Und weil der relativ menschliche und nicht unsympathische Verfolger, Kommissar Mattei, seine Anweisungen von einem besonders widerwärtigem Vorgesetzten bekommt, der alle Menschen unter Generalverdacht stellt, auch den Kommissar.
Dieses genaue Beobachten der Menschen und ihrer Beziehungen untereinander, das konnte Melville so gut wie wenige andere. Und während Filme von Eric Rohmer eher mal wirken wie das berühmte Trocknen von Farbe, hat Melville seine Beobachtungen in extrem spannende Krimis gepackt, die er dann mit den besten verfügbaren Schauspielern besetzt hat. Delon, Volonté, Montand, und nicht zu vergessen der Komödiant Bourvil, der hier zeigt wie gut er ernst konnte (auch wenn er mich öfters an die gallisch-lakonische Version von DIE PROFIS-Chef Gordon Jackson erinnert), alle 4 sind auf der Höhe ihrer Kunst, und es ist wirklich ein Genuss ihnen zuzuschauen. Hinzu kommen geniale Nebendarsteller (Paul Crauchet und Francois Perrier um nur zwei zu nennen), und Filmkunst die ebenfalls auf dem absoluten Höhepunkt ist. Der Einbruch beim Juwelier ist Rififi-mäßig fast in Echtzeit gedreht, ohne Musik, nur durch die wenigen Geräusche des Einbruchs begleitet. Und so was von spannend. Auch die Art, wie Melville Farben und Stimmungen eingesetzt hat, ist sehr beachtenswert – die Bilder der Fahrt von Marseille nach Paris, inmitten einer öden und oft grauen Landschaft, sind so sparsam wie beeindruckend. Vor diesem kaum existenten Hintergrund können die Schauspieler erst so richtig aufspielen, und das wortkarge Verhalten vor der leeren Landschaft hinterlässt tiefen Eindruck. Mir drängt sich öfters das Bild eines Regisseurs auf, der wie ein Chirurg arbeitet, und der mit einem scharfen Skalpell aus einer existierenden Geschichte genau die Bilder und Stimmungen freilegt, die seine Absicht bebildern, und alles andere und überflüssige einfach wegschneidet.
Fazit: Ein sehr spannender und nachdrücklicher Ausflug in eine Welt der Freundschaft und der Loyalität, aber auch der Melancholie. Ein Film, dessen Bilder hängen bleiben, und den man ohne Abnutzungserscheinungen immer wieder sehen und neue Facetten entdecken kann.