Clive Barkers berühmte Horror-Kurzgeschichten aus den "Büchern des Blutes" sind gerade hoch angesehen bei Filmemachern, also verfolgen wir ruhig den "Lauf" nach "Midnight Meat Train" und "Book of Blood" weiter.
Mit "Dread" (in Deutsch: "Moloch Angst") wird eine weitere Geschichte Barkers für die Leinwand adaptiert (na gut, eher für den heimischen Videomarkt), die eine komplette Abkehr vom Phantastischen nimmt, aber dafür schon in der literarischen Form bedeutsam abgründiger daherkommt.
Inhaltlich geht um die Konfrontation mit den tiefsten Ängsten und Schrecknissen, die uns ein Leben lang begleiten; die knapp fünfzigseitige Story ist praktisch eine "menage a troi", bei der praktisch nur die Hauptfiguren Stephen und Quaid die Hauptrolle und ein Mädchen namens Fiona eine indirekte Nebenrolle spielt. Erzählt wird von einem unheiligen Abhängigkeitsverhältnis, bei dem der jüngere Stephen von den fast nihilistischen Ansichten des alles verachtenden Quaid, einem rätselhaften älteren Studenten, fasziniert wird. Quaid thematisiert die tiefsten Traumata als einzigen wichtigen Grund des Daseins, um damit umgehen zu können, leidet aber, wie Stephen, selbst an so einem. Allerdings wendet er seine Theorien erst an der relativ arglosen Fiona mittels eines satanischen Experiments an, bei dem die standhafte Vegetarierin an die Grenzen ihrer Existenz geführt wird, um dann mit Stephen zu experimentieren, was allerdings horribel nach hinen losgeht.
Was in einer Fernsehfolge (also 45 Minuten) eine sehr dichte Story ergeben hatte, erweitert Erstlingsautor und Regisseur Anthony DiBlasi (er war jedoch bei den vorherigen Barker-Produktionen schon als Produzent dabei) zu einer vielschichtigen Story in Spielfilmlänge.
Anders als der von Anfang an unseligen Vorlage, bleibt der Zuschauer hier viel länger im Unklaren, worauf der Film überhaupt hinaus will.
Die Figurenkonstellation wurde erweitert und umfaßt neben einem weiteren weiblichen Charakter (die mit einem dunklen Ganzkörpermuttermal "entstellte" Abby) und einem großformatigen Studienprojekt zum Thema Ängste. Damit gerät die Filmversion weniger zielgerichtet, aber nicht minder ungesund, denn DiBlasi orientiert sich an dem Barkerschen Thema einer schmutzigen, vom Zerfall geprägten Welt, die sich auch in dem abgelegenen, in schmutzigen Brauntönen eingerichteten Haus Quaids niederschlägt, in dem der Film hauptsächlich spielt (die Varianten bestehen in grauen Universitäts- oder düsteren Nachtbildern).
DiBlasi wirft dem Zuschauer in der Folge Brocken zu: aus dem unberechenbaren, aber deutlich unheiligen Quaid wird ein Getriebener, dessen Eltern vor Jahren von einem Axtmörder abgeschlachtet wurden - hier wird nicht an graphischen Bildern gespart - dennoch bleibt er unkontrollierbarer und kaputter junger Mann. Stephen dagegen bleibt der unauffällige, aber leicht beeinflußbare junge Mann, dessen Trauma sich von der Vorlage her gewandelt hat - und das nicht zum Besseren. Sein literarisches Trauma (Taubheit in der Kindheit) geht hier an einen Studenten der Studie über, stattdessen verlor er seinen Bruder bei einem Autounfall und die Konfronation damit scheint in keiner Relation zu den anderen Ängsten zu stehen. Tatsächlich kommt man auch erst beim Showdown erwähnenswert darauf zurück, ohne das es wirklich Eindruck hinterläßt (hier ist "Twilight's" "Jasper" Jackson Rathbone in einer slackerhaft haarigen Rolle zu sehen). Fiona heißt jetzt Cheryl und wurde zum "love interest" aufgebaut, während die Rolle der Abby einem lebenslangen Leidenstrauma am ehesten nahekommt.
Daß der Film ins Unheil steuert, ist also weithin erkennbar, mit welcher Konsequenz er das tut, jedoch lange nicht. DiBlasi inszeniert episodisch, fügt Fascetten hinzu und erweitert die Figuren stetig, bei Quaid wird die Unentschiedenheit aber irgendwann zu einem gewissen Nervfaktor, vor allem wenn man sich seine finale Wandlung ansieht. Die düstere und beklemmende Atmosphäre (man hat ständig das Gefühl, man müsse sich bald mal wieder duschen und rasieren) hat dann aber schon seine Wirkung getan.
Das Finale erlaubt dann einiges an Veränderungen, was Kenner der Story vielleicht so nicht erwartet hätten: tatsächlich sind (fast) alle Elemente der Geschichte auch im Drehbuch enthalten, aber anders angeordnet und mit anderen Wirkungen, wobei Quaids Theorien hier noch etwas nebulöser rüberkommen - daß er sich Linderung und Aufschluß für das eigene Trauma mit seinen Experimenten erhofft, geht im Film fast unter.
Um so stärker haut der Downer von einem Ende rein, der definitiv mal NICHT das bringt, was man als Zuschauer (ungeachtet der Kenntnis der Vorlage) erwartet, eine fiese und zynische Pointe, die allerdings, und das muß man dem Autor ankreiden, in ihrer modern-sadistischen Machart so gar nicht zu Quaid paßt, der uns in Vorlage und Film präsentiert wurde. Daß man sich im Anschluß gut fühlt, ist allerdings in jedem Fall absolut ausgeschlossen.
Insgesamt eine mutige Adaption, die mehr an einer Interpretation gemahnt und eine eigene Handschrift aufweist, die auch hier Barkers Intentionen sehr entspricht, aber kein angenehmes Seherlebnis vermittelt (wenn das je die Absicht eines Horrorfilms gewesen ist). Man mag von der Pointe halten was man will (von Enttäuschung bis Aufgebrachtsein ist alles möglich), sie ist auf jeden Fall ungewöhnlich und radikal, was in Zeiten schwindender Originalität schon etwas heißen soll. Würde sich der Regisseur auch noch besser auf Tempo und Steigerungen verstehen und am Ende etwas mehr die Schraube anziehen, stände der Film wohl in einer Reihe mit den frühen Barker-Adaptionen - besser als "Train" und "Book" ist er auf jeden Fall. (7/10)