Aufstieg → Höhepunkt → Fall. So gut wie jedes Epos über schillernde Persönlichkeiten definiert sich über diese drei unverrückbaren Eckpunkte. Der Tagesstand der Sonne am Firmament, vielleicht aber auch das Leben an sich muss Pate gestanden haben für die dahinterstehende Dramaturgie, deren Beginn stets von Schwäche geprägt ist, die dann zu voller Stärke heranreift und schließlich wieder zu ihrem Ursprungszustand zurückkehrt.
Filme, die einem solchen Aufbau folgen, bilden in der Regel geschlossene Kreise, die sich nicht dazu eignen, fortgesetzt zu werden. Da macht auch „Black Caesar“ von 1973 keine Ausnahme. Larry Cohens Mafia-Drama, das den Begriff „Blaxploitation“ wohl stärker auf die Probe gestellt hat als jeder andere Vertreter dieser Gattung, hat zwar durchaus seine Ecken und Kanten, lässt aber zu guter Letzt wieder einen Kreis entstehen. Es ist überhaupt nur das alternative Ende, das den Weg freimacht, um das Leben von Tommy Gibbs (Fred Williamson) gegen jede Vernunft doch noch weiter zu begleiten… und damit die Geschichte eines Mannes, der als Schuhputzer begann, zum Kopf eines Verbrechersyndikats aufstieg und nach einem Anschlag auf sein Leben auf einer Straßenkreuzung in New York verblutete. Oder, je nach Betrachtungsweise, beinahe verblutet wäre.
Für die zweigleisige Filmrealität im Ausgang der Handlung gibt es einen guten, den wohl besten, den vielleicht einzigen, nämlich einen kommerziellen Grund. Nachdem „Black Caesar“ gestartet und zum Kassenschlager avanciert war, bedrängte man Cohen, umgehend zu reagieren und ein Sequel auf die Beine zu stellen. Und Cohen war unvorbereitet, zusätzlich mit weiteren Projekten beladen, aber dazu in der Lage, schnell zu schalten. Binnen weniger Monate und vieler Wochenendeinsätze hatte er das Ding geschrieben, produziert und im Kasten, so dass es noch im Dezember desselben Jahres in die Kinosäle einziehen konnte.
Es ist kein Wunder, dass sich die gehetzte Arbeitsweise auch auf das finale Produkt überträgt. „Hell Up In Harlem“ beginnt wenig elegant mit Stock Footage aus seinem eigenen Vorgänger. Cohen greift die Schlüsselsequenz auf, in der sein Protagonist blutüberströmt durch eine anonyme Masse aus New Yorker Passanten wankt. Hektischer Einstieg dank hektischer Kamera, Close Ups und Weitwinkel-Aufsicht im permanenten Wechsel, es werden Kreisel gezogen, alles dreht sich. Jeder Zuschauer, der „Black Caesar“ nicht vorab gesehen hat, ist ohnehin schnell abgeschüttelt, alle anderen drohen ebenfalls bereits abzurutschen. Schließlich wird man übergangslos in den Hauptteil geschleudert, als Gibbs, während sich immer noch alles dreht, in einer durchaus erinnerungswürdigen Sequenz einmal quer durchs Krankenhaus geschoben und von den Ärzten unter Waffengewalt wieder zusammengeflickt wird. Der schwarze Cäsar von Harlem ist zurück im Viertel, und die Lumpen können sich schon mal auf blaue Bohnen freuen.
Dass Cohen hier eher aus dem Affekt heraus reagiert anstatt einen wohlüberlegten Plan in die Tat umzusetzen, kann er nicht lange verbergen. Er versteckt sich im Rausch des Augenblicks, um nicht in die Verlegenheit zu geraten, einen übergeordneten Erzählrahmen auf den Weg zu bringen. Anstelle einer möglichen Phoenix-aus-der-Asche-Mythologie, die den geschlossenen Kreis des Vorgängers mit theatralischer Bedeutung beladen und auf diese Weise hätte aufbrechen können, vermittelt das durchweg hohe Tempo der Regie vielmehr etwas Zufälliges, als solle verwischt werden, dass da nur ein nutzloser Wurmfortsatz entsteht, der aus künstlerischem Antrieb heraus gar nicht hätte entstehen dürfen.
Auch nach dem Einstieg wird kaum mal auf die Bremse getreten. Keilereien wechseln sich ab mit Autostunts, Männer werden in schwarze Wagen gestoßen und auf Dächer von Hochhäusern gezerrt, die Kofferbänder am Flughafen dienen als Kampfarena, zwischendurch wälzt sich Williamson auch mal mit seiner Geliebten in den Laken. In einem besonders tollwütigen Moment wird sogar die berühmte „Say Hello to My Little Friend“-Sequenz aus Brian De Palmas „Scarface“ vorweggenommen und eine komplette Inneneinrichtung mit Schusslöchern neu dekoriert. Wieder sind solche Höhepunkte durchaus angereichert mit Intensität, sie strahlen etwas Überlebensgroßes aus, sind dabei aber eher off- als onbeat getaktet, weil sie gegen jeden geltenden Rhythmus nur um ihrer selbst Willen in den Fluss der Handlung gezwängt werden, so dass sie jedweder Kontextualisierung entbehren. Das war streckenweise schon ein kleiner Mangel des Vorgängers, hier jedoch entwickelt es sich zu einem handfesten Problem, das den Genuss des immerhin recht kurzweiligen, nach wie vor authentisch im Guerilla-Stil an Originalschauplätzen gedrehten Streifens durchaus erschwert.
Das Augenmerk liegt so sehr darauf, überhaupt die Machbarkeit des Unmöglichen binnen kürzester Zeit zu gewährleisten, sich also aus der misslichen Lage zu befreien, die das Ende von „Black Caesar“ als schweres Erbe hinterlassen hat, dass für eine Weile vor lauter Wellengang gar nicht zu erkennen ist, in welche Richtung es inhaltlich gehen soll. Cohen entscheidet sich schließlich dafür, das Verhältnis zwischen Tommy Gibbs und seinem Vater weiter auszuleuchten. Er greift damit eine der vielen Nebenhandlungen auf, die im ersten Film angerissen wurden. Wie aus dem Nichts gerät somit Julius Harris in den Vordergrund und mimt den schlagfertigen Senior, der gleich in seinem ersten größeren Auftritt fast im Alleingang eine halbe Mobsterbande auseinandernimmt. Im Zusammenspiel mit dem Hauptdarsteller werden aus heutiger Sicht Erinnerungen wach an das Generationen-Bündnis, wie es im bis dato letzten „Shaft“ (2019) zwischen Großvater (Richard Roundtree), Vater (Samuel L. Jackson) und Youngster (Jessie Usher) durchexerziert wurde. „Hell Up In Harlem“ spielt die Blutsverwandtschaft nun als Karte aus und versetzt die insgesamt eher zwischen Actionkrimi und Thriller einzuordnende Gangsterstory dadurch auch mit einigen komödiantischen Impulsen.
Fred Williamson allerdings lässt sich von diesen Manövern nicht aus der Fassung bringen und spielt seinen Stiefel so cool runter wie immer, was die These untermauert, dass er ein Instrument in den Händen des Regisseurs ist, das nach Bedarf eingesetzt werden kann. Für den Soundtrack ist nicht mehr James Brown verantwortlich, sondern Edwin Starr mit seiner letzten Platte für Motown Records. Mit dem Title Theme „Ain’t It Hell Up In Harlem“ kann Starr zwar einige Akzente setzen und liefert auch sonst solide Arbeit ab, im Vergleich zu Brown-Krachern der Marke „Down And Out In New York City“ und „The Boss“ ist er aber letztlich bloß ein Komparse bei der Bedienung einer aus dem Boden geschossenen Nachfrage, die niemand auf der Rechnung hatte.
Natürlich kann man „Hell Up In Harlem“ gerade retrospektiv trotzdem noch einiges abgewinnen, wenn man auf unverfälschtes Straßenkino der 70er Jahre steht. Handwerklich holt Cohen das Beste aus den Umständen heraus. Abgesehen von einigen merkwürdigen Abläufen im Schnitt gelingt es ihm einmal mehr auch unter erhöhtem Druck, wie aus dem Nichts kurze Klassiker-Momente entstehen zu lassen. Auch er weiß aber nicht zu verhindern, dass sie keine Halbwertszeit entwickeln, sondern kurz danach einfach wieder verpufft sind. Zurück bleibt aufgrund des mangelnden Unterbaus am Ende nur ein halbgares Actiondrama mit familiärem Unterbau, eingearbeitet in den Kontext eines Mafia-Thrillers, das aufgrund des offenen Endes sogar noch einen dritten Teil ermöglicht hätte. Da hatte man diesmal von Produzenten-Seite wohl vorausgeplant. Doch der hatte sich nach dem enttäuschenden Box-Office-Ergebnis dann auch schnell wieder von selbst erledigt.