Gewohnheitsgemäß hat man es schwer mit modernen Tanzfilmen für Teenager, wenn es ums Künstlersein, die große Karriere, die besondere Stimme, die tollen Moves und die krassesten Lines geht. Zielgruppenorientiert wird da gearbeitet, die ordnungsgemäße Hollywood-Visualisierung vom großen Traum, den der talentierte Nobody mit viel harter Arbeit und Schweiß dennoch erreichen kann. Das Kino hinkt der tatsächlichen Entwicklung trotz aller gelackten Bilder hinterher, eine biblische Flutwelle von Castingshows hat den letzten Blick auf die Realität, bzw. den Willen dazu, längst verstellt, überspült und ersäuft, insofern ergehen sich die Filme eher darin, immer neue Generationen heranzuzüchten und zu infizieren, ein Star zu werden.
Bei der Neuauflage von "Fame" war ich gewillt, eine Ausnahme zu machen.
Schließlich gilt Alan Parkers Film von 1980/81 nicht nur als Meilenstein und einer der Ursprünge des Teenagerkinos, es hatte auch Stil, Klasse, schauspielerisches Talent und jede Menge Atmosphäre, die vorzugsweise von der realistischen Darstellung des New Yorks der Spätsiebziger herrührte. Parkers Film hatte Dreck unter den Fingernägeln, beschönte nichts und hübschte nichts auf, arbeitete konzentriert das Panoptikum des Künstlerlebens mit allen Licht- und Schattenseiten ab.
Daß man knapp 30 Jahre später bei einem "Reboot" eventuell auf die gleichen Inhalte Wert legen würde, war bei bestem Willen nicht zu erwarten und nein, man hat es auch nicht.
Sucht man nach einer guten Umschreibung könnte man von Verwässerung sprechen, allerdings bin ich mir nicht zu schade zu betonen, daß die Macher sich der Stärken des Originals vermutlich mehr als bewußt waren, denn während der gesamten Sichtung hat man stets das Gefühl, als hätte man sich arg bemüht, wenigstens ein paar der Stärken des Parker-Originals auch in diesen Film zu retten.
Das ist aber nur bedingt gelungen, denn was soll aus einer Neuauflage werden, die von einer Autorin geskriptet wurde, die normalerweise zwischen Kampfsport, Thrillern und sülzigen Romanzen schwankte, umgesetzt von einem Musikvideo- und Choreographie-Regisseur, der seine Qualitäten mit Sicherheit einbrachte, nämlich Tanz- und Gesangsnummern zu inszenieren.
Letztere sind dann auch recht ordentlich gelungen, manche tänzerisch sogar ausgezeichnet, nur brauche ich nicht einen Film über vier Jahre an einer Akademie der Künste, um mir verschiedene Spears-meets-Aguilera-Videos anzusehen. Und wenn ich das schon tun will - nehmen wir mal an, ich wäre noch 16 und total begeistert von so etwas - dann sollte mir musikalisch wenigstens etwas präsentiert werden, daß nicht an obligatorischer R'n'B- und Hiphop-Beliebigkeit mangelt. Von den Songs geht so gut wie keiner ins Ohr und verbleibt da für länger als ein paar Sekunden, wo man den "body electric" aus dem Original noch nach Wochen summte.
Unglaublich dabei ist, daß man das Originalskript von Christopher Gore (toller Name) übrigens im Film immer noch wieder erkennt (der Credit wurde in diesem Fall vergeben, alles andere wäre Plagiat gewesen). Natürlich hat sich so einiges verändert, aber die generellen Abläufe blieben unangetastet. Auch hier geht es vom Bewerbungs- und Aufnahmetag und den Vorstellungen aus durch die vier Jahre, Triumphe und Tränen, erste Schritte ins Berufsleben, Enttäuschungen, Beziehungen und ihre jeweiligen Enden, Leben für die Kunst, Hadern mit dem Rest der Realität.
Alles ist vorhanden, allerdings längst nicht mehr in so ruhiger, ausgiebiger Form, daß sich aus den Figuren auch Charaktere formen könnte. Für Parker waren die Musicalnummern ein schönes Extra, die den Film praktisch kurzfristig aus der trüben, graubraunen Realität der halb heruntergekommenen Schule herausrissen, ansonsten war der Film ein Drama mit etwas Musik. Der 2009er-Jahrgang dagegen ist hauptsächlich an der Präsentation der Tanzszenen interessiert, weswegen die klassische Ausbildung, die Musiker und die Schauspieler auch rechtschaffend zu kurz kommen. Aus der Musik baut sich nur der Strang um die talentiert-stimmgewaltige Denise auf, die ja eigentlich klassische Konzertpianistin werden sollte und sonst regieren die Beats.
Die Figuren ansonsten: Schlaglichter, angerissene Figuren mit einem oder zwei Problemen, hausgemachter Beziehungsmüll, etwas Elternkonflikt, aber fast immer ohne Bearbeitung, ohne Auflösung, ohne Auseinandersetzung. Alles wird irgendwie schon. Sexuelle Komponenten hat man fast völlig eliminiert, Homosexualität ist angesichts der modernen Zeiten offenbar kein Reizthema mehr und die kameraüberwachte Szene auf der "Besetzungscouch" geht nicht mal bis in die Unterwäsche - hier war man fürs Rating sozusagen superprüde. Nicht mal der probate Selbstmordversuch eines Schülers nach dem Zerstören der Karrierehoffnungen funktioniert wirklich, zum Teil auch, weil die Szene (abgesehen vom Geschlechtertausch) eins zu eins aus dem Original abgeschrieben ist.
Immerhin ist noch zu spüren, wie interessant das wäre, etwas mehr über die Figuren zu erfahren, die sich in vier Jahren übrigens nicht für 10 Cent altersmäßig verändern - jedoch wirkt der Film mehr wie der discotaugliche Zusammenschnitt einer sehr viel besseren Fernsehserie. Aber da man die Fortschritte der Figuren nicht wirklich sehen kann, ist es vielleicht für ein amüsierwilliges Publikum mit Tanzfokussierung gar nicht so schlecht, wenn nur die Typisierung für sich spricht: der rebellische Schwarze, die neue Beyoncé, das Komponistengenie, das naive Mädchen, der erfolglose Tänzer, die talentierte Balleteuse, die Asiatin, das sind Klischees, über die man kaum nachdenken muß.
Es fehlt also an Komplexität und an Tiefe, ein paar Konflikte hat man kopiert (Sex gegen Schauspielrollen, Unerfahrenheit geht Profis auf den Leim, Selbstmord, Beziehungsschwierigkeiten, Klassik vs. Moderne), aber außer einem Auf- und Abblenden bleibt da nicht viel, weswegen auch namhafte Darsteller wie Kelsey Grammer, Bebe Neuwirth (nach "Frasier" hier endlich wieder vereint) oder Charles S. Dutton ziemlich verloren wirken, als gehörten sie eigentlich in einen anderen (besseren) Film.
Obwohl man sichtlich bemüht ist, den rauhen, realistischen Look zu kopieren, fehlt dem NYC von 2009 sichtlich jegliche Street Credibility, was sich deutlich zeigt, weil ein exemplarisch-lebendiges Herzstück wie die "Rocky Horror"-Szene aus dem Original (die das Sicher-Befreien und Lernen visualisierte) oder das Drogenschicksal des kommenden Comedy-Stars, hier deutlich fehlen. Eine Karaokesequenz kann das nicht ersetzen und weil bis auf etwa sechs bis acht Figuren der Rest nur graue Masse bleibt, wirkt auch der Film steril, künstlich und - besonders schlimm - inszeniert, in der Hoffnung, man hätte sich erfolgreich als etwas Besseres oder Substanzielleres getarnt.
So gerät "Fame" zwar nicht zum Fiasko, hat aber maximal Ansätze zu bieten, die letztendlich nur in das münden, was man vielleicht nicht sein sollte, nämlich noch ein beliebiger Tanzschulenfilm mit Teenies, möglicherweise mit etwas gehaltvolleren, aber in der Präsentation abgedroschenen Dialogen. Und daher auch schnell wieder vergessen. (4/10)