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„Reine Zeitverschwendung!“

Nachdem der seit jeher an Jugend- und Popkultur interessierte deutsche Filmemacher Wolfgang Büld („Brennende Langeweile“) sich in diversen Filmen dem Punk gewidmet und sich am Episodenfilm „Neonstadt“ beteiligt hatte, nahm er sich zusammen mit seinem Kompagnon Georg Seitz dem Phänomen der Neuen Deutschen Welle an – und wollte unter Mitwirkung Trios und Falcos eine Parodie auf Schlagerfilme drehen. Doch es kam anders: Trio und Falco sagten ab. Nun waren Improvisation und Spontaneität gefragt, das Drehbuch wurde flugs um- und auf Markus und Nena, die sich parallel gerade in den Aufnahmen zu ihrem ersten (!) Album befand, zugeschrieben. Als „Gib Gas – Ich will Spaß!“ Anfang 1983 in die Kinos kam, war Nena bereits zum gefeierten Superstar der NDW avanciert.

Robby (Markus) ist der Neue an einer Münchener Schule, wo er sich überstürzt in die attraktive Tina (Nena) verguckt. Doch Tina ist bis über beide Ohren in den Draufgänger Tino (Endrick Gerber von der Berliner Rockband Morgenrot) verknallt, der auf dem Rummelplatz jobbt. Als Tino seinen Job verliert, will Tina die Schule sausen lassen und mit ihm durchbrennen, um einem unsteten Leben voller Abenteuer zu frönen. Für den grundsoliden Robby ist kein Platz in ihrer Welt, bis Tino einfach ohne sie loszieht, weil sie es nicht pünktlich zum verabredeten Ort geschafft hat. Darin, den um sie buhlenden Robby auszunutzen, wittert sie ihre Chance, ihren Traummann einzuholen, und so macht sie dem hilfsbereiten Knaben schöne Augen, damit er mit ihr auf seinem Motorroller die Verfolgung aufnimmt – während er nichts von ihren wahren Motiven ahnt. Doch im Zuge der gemeinsamen Irrfahrt beginnt Tina tatsächlich, Sympathien für Robby zu entwickeln…

„Gib Gas – Ich will Spaß!“ als trashiges Kommerzfilmchen zwecks NDW-Starpromo abzutun, wäre ebenso naheliegend wie wohlfeil. Weitaus interessanter ist es, Bülds Film als Zeitdokument zu betrachten, als ein Jugendkino-Artefakt, das gerade in der Retrospektive mit seinem leichtfüßigen Charme und seiner Unbedarftheit zu umgarnen versteht. Zudem war nach ihren ersten TV-Auftritten damals fast jeder in Nena verknallt, was das Identifikationspotential mit Markus enorm steigerte. Die Mischung aus Roadmovie, NDW-statt-Schlager-Revue, Teenie-Romanze und Komödie transportiert allein schon aufgrund ihrer popkulturellen Ausrichtung ein Höchstmaß an Zeitkolorit und wirkt zugleich wie eine Art verfilmte Bravo-Foto-Lovestory.

Nena, so die Filmemacher, habe Markus zunächst nicht leiden können, was ironischerweise gut zur Handlung passt. Büld eröffnet seinen Film mit Markus bzw. Robby, der im Straßenverkehr seinen größten Hit schmettert, allerdings nicht im Maserati, sondern in kurzen Hosen und weißen Tennissocken auf seinem Motorroller. In seiner neuen Schulklasse macht er Bekanntschaft mit dem rüpelhaften und verfressenen Punk Eckelmann (Peter Lengauer, „Disco Fieber“) sowie mit der quirligen Raucherin (heute unvorstellbar!) Tina. Seltsamer Jugendslang und albernes Gekicher dringen von der Tonspur an die Ohren – und schließlich auf dem Rummelplatz eine weitere unvermittelte Gesangseinlage Robbys.

Man lernt Tino kennen, ein verwegener Vokuhila-Typ vom Autoscooter in roter Lederjacke, auf den Tina steht, während alle Jungs auf Tina stehen. Diese trägt den legendären roten Minirock aus Nenas erstem TV-Auftritt und singt beim Fahrradfahren „Nur geträumt“, während Tino ihr „Wenn du willst“ von Morgenrot bei der gemeinsamen Runde im Autoscooter vorsingt und mit Robby nicht gut Kirschen essen ist: „Ich bin heut‘ böse“, ließ er in Liedform wissen. Anschließend ist schon wieder Robby an der Reihe, „Dampfer dampfen auf See, Flieger fliegen hoch im Himmel“ trällert er mit Nena auf seinem Roller. Anderer Ort, andere Kirmes: Tina wird von fiesen Rockern überfallen, die aber von den „Phantastischen 5“ in die Flucht geschlagen werden – eine Anspielung nicht nur auf die Marvel-Superheldenreihe, sondern auch aufs dritte Extrabreit-Album „Rückkehr der phantastischen 5!“, und so werden jene Helden dann auch tatsächlich von den Bandmitgliedern gespielt.

Nächster Gastauftritt: Karl Dall („Quartett im Bett“)! Dieser wird als Lkw-Fahrer von Hare-Krishna-Anhängern belästigt und fährt Robby und Tina kalauernd zum nächsten Hotel. Dort zeigt sich, dass Nena unter ihren ausladenden Übergröße-Pullis auch einen Körper besitzt, dessen nackten Rücken sie der Kamera zuwendet. Bei der Weiterfahrt trifft man erneut auf Karl Dall, der nun als Busfahrer einer Kaffeefahrt fungiert. Zusammen mit den Omis im Bus singt Robby „Schön sind wir sowieso“ (und damit einen der Markus-Songs, die den Test der Zeit ganz gut bestanden haben). Weiter geht’s im Auto, „Ich will Spaß“ ertönt zum zweiten Mal, diesmal mit in die Handlung integriertem, visualisiertem Songtext. Dann ist Nena wieder an der Reihe, „Ganz oben“ interpretiert sie auf dem einem Flugplatz und macht Bekanntschaft mit Karl Dall als betrunkenem Pilot. In einer Waldhütte kommen sich Robby und Tina endlich näher, woraufhin die eigens für den Film geschriebene Schmachtnummer „Kleine Taschenlampe brenn“ duettiert wird. Doch das Idyll ist nicht von Dauer, denn endlich durchschaut Robby Tinas perfiden Plan und haut ab, zum Bahnhof, wohin ihm Tina folgt und den Zug nach ihm durchkämmend „Leuchtturm“ auf den Lippen hat. Wer sich als Schaffner des Zugs entpuppt, bedarf wohl keiner gesonderten Erwähnung mehr…

Die Bahn bringt die beiden schließlich nach Venedig, wo Robby auf einem Boot von vier liebeshungrigen Frauen entführt wird und Büld eine „Wenn die Gondeln Trauer tragen“-Reminiszenz unterbringt. Und zu allem Überfluss treibt sich auch Tino in Venedig herum, singt „Feuerwehrmann“ auf einem Boot, während er Tina nachstellt. Wer darf da nicht fehlen? Natürlich: Karl Dall, das Boot steuernd und schlechte anzügliche Wortspiele formulierend. Dabei ist die Lösung doch so einfach: Tino zu den Liebeshungrigen, Robby zu Nena und noch mal die „Kleine Taschenschlampe“ zum Abspann.

Ob diese scheinbar positive Entwicklung den guten Robby tatsächlich glücklich machen wird, darf bezweifelt werden, denn Tina hat sich über weite Strecke doch als eine ziemliche Schreckschraube geriert. Markus‘ Rolle hingegen erdet den Film, der viel albernen, trashigen Humor regelrecht zelebriert, sodass die ursprünglich intendierten satirischen Ansätze kaum mehr erkennbar sind, eher Selbstironie wichen. Nach schauspielerischen Leistungen wurde damals auch eher weniger gefragt, wenngleich Nena mit ihrer Ausstrahlung, ihrer Frechheit und ihrem natürlichen Charme punktet und das bisweilen etwas Clowneske, meist aber eher Unsichere, das Markus in seine Rolle legt, zu dieser gut passt. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten scheinen mir die beiden Stars durchaus das Beste daraus gemacht zu haben. Dass die Handlung eigentlich nicht viel mehr als das Aufgreifen von Klischees unglücklich verliebter Teenager hergibt, ist sicherlich ein unumstößlicher Fakt – der jedoch eindeutig die zweite Geige hinter dem Umstand spielt, dass man hier Megastar Nena zusammen mit „Ich will Spaß“-Antisänger Markus knapp eineinhalb Stunden lang bei einer Odyssee durch Bayern und am Ende gar Venedig beobachten kann, gewürzt mit einer ganzen Menge Songs – insbesondere den Nena-Evergreens –, die anscheinend umso mehr Spaß machen, je älter sie werden.

Somit kann man diesem Film kaum böse sein: Büld & Co. haben kein aalglattes, auf Hochglanz poliertes, antiseptisches und durchkalkuliertes Kommerzprodukt auf den Markt gewuchtet, um einen Hype auszuschlachten, sondern mit viel Spontaneität, Improvisationsgeschick und (nennen wir es ruhig) „künstlerischer Freiheit“ etwas geschaffen, womit man zur richtigen Zeit am richtigen Ort war – gewissermaßen ganz im Geiste der frühen Neuen Deutschen Welle. Und als ein solches Zeitdokument zeigt der Film in abstrahierter Form recht eindrucksvoll die Möglichkeiten und zugleich die Grenzen jenes popkulturellen Trends auf…

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