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Nicht alle Pre Code-Filme sind immer automatisch auch vor Frivolität und Verbrechen sprühende Feuerwerke, wie man am Beispiel EINSAME HERZEN betrachten kann: Die Nachtclubsängerin Joan flüchtet von New York nach Montreal, um sich aus einer Beziehung zu dem Gangster Eddie zu lösen. Als der sie auch in Kanada aufspürt, nimmt sie die Identität ihrer Reinemachefrau an und geht nach Elks Crossing in North Dakota, um dort einen Farmer zu heiraten. Kein Witz, ihre Putzfrau hat sich über eine Agentur einen Ehemann gekauft, nämlich ebendiesen Farmer, Jim Gilson. Da Joan ihrem Jim aber noch am ersten Abend, also quasi in der Hochzeitsnacht, eine runterhaut, weil er sich an sie ranmachen will, steht das Verhältnis, nein Verzeihung: Die Ehe unter einem schlechten Stern. Nun ja, und so lernt die mondäne Joan aus dem heißen Nachtclub in der Folge die versoffenen Nachbarn kennen, sie hilft einer Nachbarin im Wochenbett, und sie kümmert sich um alle Belange der Farm. Doch Jim hat die Schmach der ersten Nacht nicht vergessen und hält immer deutlich Distanz zu ihr. Bis eines Tages Eddie im Raum steht …

Ich mag William Wellmans Arbeiten eigentlich sehr gerne, er hatte ein Händchen für die Nöte der kleinen Leute, und hat das Leben in den unteren sozialen Schichten immer mit viel Realität, oft der richtigen Portion Witz und ohne falsche Scheu gezeigt. Hier ist es das Leben als Farmer nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise: Jim hat studiert und jahrelang mit Weizenkreuzungen experimentiert, bis er einen guten und widerstandsfähigen Weizen entwickeln konnte. Aber durch die üble wirtschaftliche Situation liegt das Saatgut bei ihm auf dem Boden und er wird es nicht ausbringen können: Die Farm gehört der Bank, und die will, vor allem auf Betreiben eines habgierigen Nachbarn, ihr Geld zurück. Was erstmal nach einer guten und spannenden Story klingt.

Aber leider mag hier nichts so richtig zusammenpassen. Die New York Times schrieb nach der Premiere „Einige Szenen sind unzweifelhaft gut, aber insgesamt hat man den Eindruck, als hätten 15 Drehbuchautoren ohne jede Absprache untereinander an der Geschichte gearbeitet.“, und dem muss leider zugestimmt werden. Allein dass sich das Verhältnis zwischen Jim und Joan so gar nicht entspannt, nicht einmal nach der romantischen Silvesternacht, passt nicht wirklich, genauso wenig wie Jims Reaktionen, wenn andere Männer in Joans Nähe kommen, zu seiner Gefühlskälte ihr gegenüber passen. Es passt nicht so recht, dass die Nachtclubsängerin sich mit Kinderkriegen und Milchzapfen auskennt, und der Schluss, wenn der Bösewicht sein wahres Gesicht zeigt, kommt etwa an der spannendsten Stelle des Films, nämlich wenn die Geschichte überhaupt erst losgeht. Als reine Komödie könnte das Ganze gut funktionieren, mit spritzigen Dialogen, skurrilen Nebendarstellern und jeder Menge komischer Situationen einer Großstadtlady auf einer heruntergekommenen Farm. Stattdessen stakst Barbara Stanwyck auf High Heels über den Bauernhof, leiht sich von einem abgelegten Lover mal eben schlappe 800 Dollar, und verbreitet einen gedämpften Optimismus, der nicht so recht zu der gedrückten Stimmung passen will. Immerhin ist Weltwirtschaftskrise, und allen, aber auch wirklich allen geht es schlecht. Aber hey, wir werden das schon irgendwie hinbekommen …
Insgesamt ist EINSAME HERZEN sicher kein schlechter Film, aber das heißt halt auch noch lange nicht, dass er gut ist. Die Mischung passt eben nicht, und da kann dann auch eine Barbara Stanwyck nicht mehr viel machen.

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