Review
von Leimbacher-Mario
Doomsday Phone
Einen guten Geheimtipp aus meinem Lieblingsjahrzent habe ich erwartet - ein famoses Nahezu-Meisterwerk habe ich bekommen. Wow. Das nimmt man doch gerne so hin... In „Miracle Mile“ hat ein durchschnittlicher Typ gerade und endlich seine absolute Traumfrau gefunden - doch dann nimmt er eines Nachts nach einem verpennten Date zufälligerweise den Hörer einer Telefonzelle in die Hand, um eine Warnung vor einem unaufhaltsamen Nuklearschlag zu empfangen... Fake oder Wahrheit? Panik oder Ruhe bewahren? Große Liebe oder Flucht?
Oh. Mein. Gott. Ich weiß gar nicht genau, wie ich „Miracle Mile“ und meine Begeisterung für diesen pre-apokalyptischen Thriller beschreiben und in Worte fassen soll. Was beginnt wie eine seicht-süße Romanze entwickelt sich dann fix und unwiederbringlich zu einem „Twilight Zone“-artigen Paranoia-, Survival-Horror- und Katastrophenfilm. Irgendwo zwischen „After Hours“ und „These Final Hours“, wie ein zynisches Prequel zu „The Day After“. Bis zum Ende hatte ich noch mit einem bösen Twist gerechnet, oder gar mit einem Cop-Out a la „War alles nur ein Traum“ - aber nichts da! Das Ding wird heisskalt durchgezogen und straight veredelt. Die Welt geht zu Grunde, Junge, traurig, aber wahr! Die Welt geht zu Ende, die Welt gerät aus den Fugen, die Welt hält aber selbst im Sterben noch Liebe und Hoffnung hoch. „Miracle Mile“ fängt die Machtlosigkeit in einem Alptraum perfekt ein. Niemand hört anfangs zu, die Zeit tickt erbarmungslos runter, die Menschen laufen heiss und kochen über, Los Angeles brennt schon weit bevor Atombomben einschlagen. Zwischen Aerobickursen um 5 Uhr morgens und schiesswütigen Egoisten, zwischen Ex-Militärs und totalem Ausnahmezustand, zwischen Mord und Todschlag, zwischen Smog und Schock - steckt eine Menge Gefühle, Romantik und Herzschmerz. Unter allem pocht Tangerine Dream, wie könnte es auch anders sein. Klingt wie ein Widerspruch - ist aber mit sich vollkommen im Reinen und absolut in Balance. Famos. Ganz famos.
Fazit: cooler, düsterer und dennoch sympathischer kommen Geheimtipps aus den 80s nicht. Ach, eigentlich viel mehr als nur das. Ich möchte fast sagen übersehenes und leider vergessenes Meisterwerk der ausklingenden Tage des Kalten Kriegs. Alptraum, Kaffee, Untergang, Neonlichter, Realität, Tangerine Dream, Panik, Apokalypse. Diamonds Are Forever. Ein mutiger, spannender, richtig feiner und vielseitiger Genremix! Bam! Ein neuer Lieblingsfilm?! Oder zu depressiv und authentisch dafür?!
P.S.: Am besten als Doppel mit dem ein Jahr vorher entstandenen „Cherry 2000“ vom gleichen Regisseur schauen - ebenfalls eine handfeste, verdammt coole Überraschung, wenn auch tonal ganz anders!