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Der düstere deutsche Heimatfilm scheint weiter auf dem Vormarsch zu sein, denn dort wo „Das weiße Band“ endet, klammert der Bestsellerroman von Andrea Maria Schenkel die zwei Weltkriege aus und setzt Mitte der Fünfziger wieder an, als die Gesellschaft, zumindest in arg dörflichen Regionen, von Doppelmoral und der Mentalität des Wegschauens geprägt zu sein schien.

Der Sechsfachmord an einer Familie und deren Magd ereignete sich bereits in den Zwanzigern in einem Dorf in Oberbayern, er wurde jedoch nie aufgeklärt.
Schenkel schuf daraus eine mosaikartige Gesellschaftskritik mit viel Raum für Interpretationen, die innerhalb dieser Verfilmung kaum mehr möglich sind.
Denn was zu Beginn noch wie ein überaus düsterer Krimi daherkommt, wandelt sich rasch zu einem klischeebeladenen Provinzportrait, welches seine Figuren eher denunziert, als sie ernst zu nehmen oder zumindest ansatzweise Mensch sein zu lassen.

Um überhaupt eine Identifikationsfigur einzuflechten, kommt die 26-jährige Altenpflegerin Kathrin (Julia Jentsch) ins Dorf zur Beerdigung ihrer Mutter und erfährt vom Mord an Familie Danner, der sich vor zwei Jahren zutrug.
Jeder im Ort hätte ein Motiv gehabt, den tyrannischen, geizigen und vor Inzucht nicht zurückschreckenden Danner nebst Tochter und Enkelkindern umzubringen, doch während Kathrin tiefer ins Geflecht der bigotten Dorfgemeinde eindringt, lassen einzelne Bewohner ihre scheinheilige Masken fallen…

Regisseurin Bettina Oberli hat sich eine wahrlich schwer zu adaptierende Romanvorlage ausgesucht und musste zwangsläufig Kompromisse eingehen, um einerseits dem dokumentarisch versatzstückartigen Stil der Vorlage gerecht zu werden und andererseits einen erzählerischen Kontext schaffen, damit der Zuschauer so etwas wie einen Heimatkrimi mit düsterer Atmosphäre serviert bekommt.
Und da macht der Tannenwald, getaucht in bedrohlich anmutende Blaufilter, begleitet von einem unheilsschwangeren (im Gesamtbild aber toll abgestimmten) Score zunächst einen tauglichen Eindruck.
Rasch gewöhnt man sich an unvermittelt einsetzende Rückblenden und die Sicht gleicher Szenen aus verschiedenen Blickwinkeln: Das Whodunit in Puzzleform ist eingeleitet, doch im Verlauf erschwert die kryptisch gehaltene Erzählweise das Ratespiel eher, als dass es zunehmend Spannung zuließe. Man scheitert aber vor allem daran, etwas Greifbareres als stereotype Dorfdumpfbacken ins Geschehen einzubetten.

Auch wenn Oberli zwischenzeitlich immer wieder kurz ins Horrorgenre eintaucht und mit huschenden Schatten, versteinerten Minen, mystischen Andeutungen und dem immer wieder kehrenden Motiv der Tannenwipfeln atmosphärische Momente schafft, - die Aufklärung des Mordes bleibt fragmentartig distanziert und bedient sich im Zuge seiner Beweisaufnahme hauptsächlich der scheinheiligen Doppelmoral der Gemeinde, anstatt deutliche Motive Einzelner genauer herauszuarbeiten.
Als minimalistische Sozialkritik geht das infolgedessen in Ordnung, auch unterstützt von der antreibenden Moral-Instanz in Form von Monica Bleibtreu in einer ihrer letzten Rollen, doch am Ende nimmt man als Botschaft nicht mehr mit, als dass Wegschauen oder Weglaufen das größte Verbrechen ist.

Demnach findet auch keine Polizeiarbeit statt, die Figur der Städterin Kathrin bleibt die eines passiven Ermittlers und obgleich das Interieur aufgrund sorgfältiger Ausstattung, effektiver Kamera und durchweg glaubhaft in Szene gesetzter Darsteller punktet, bietet „Tannöd“ in der Quintessenz leider nicht viel mehr als einen grundsoliden Krimi mit stimmungsvollen Einzelszenen.
„Der Herrgott schützt es - der Bauer nützt es“ - dieser Leitspruch im Hintergrund einer Szene manifestiert sich zunehmend zum moralischen Unterton dieses oberflächlichen Gesellschaftsportraits, - nicht gänzlich langweilig, im Bezug auf die kriminalistischen Einflüsse aber doch ein bisschen öd…
Knapp
5 von 10

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