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"Eine ganze Familie samt Kindern und Magd ist erschlagen worden. Sechs Leute in einer Nacht."

Zwei Jahre sind seit dem Mord an der Familie Danner und ihrer gerade erst auf dem Hof Hinterkaifeck in Tannöd angekommenen Magd Marie (Dagmar Sachse) vergangen. Der Mörder ist immer noch nicht gefasst und die Bewohner des Dorfs suchen ihr Heil im Schweigen. Nur Maries Schwester Traudl (Monica Bleibtreu), die sich schuldig an deren Schicksal fühlt, gibt keine Ruhe mit ihren Verdächtigungen und Beschuldigungen.
Als die 26-jährige Krankenschwester Kathrin (Julia Jentsch) zur Beerdigung ihrer Mutter in das Dorf reist, wollte sie eigentlich nur deren Nachlass regeln. Traudl bedrängt sie allerdings mit ihren Verdächtigungen so sehr, dass sie selbst beginnt hinter die Kulissen des Dorfs zu blicken. So erfährt sie erschreckende Details, wie die Vermutung, dass die Kinder von Barbara (Brigitte Hobmeier), der Tochter des alten Danner, von ihm selbst seien sollten. Und dass der Zorn auf Danner unter den Dorfbewohnern so groß war, dass der Mörder möglicherweise unter ihnen zu finden ist.

Kaum ein Fall in der deutschen Kriminalgeschichte hat derart viel Spekulationen ausgelöst wie der sechsfache Mord, der in der Nacht vom 31. März auf den 1. April 1922 auf dem abgelegenen Hof Hinterkaifeck in Oberbayern geschehen ist. Eine ganze Familie samt Kindern und Magd wurde in dieser Nacht von einem oder mehreren Tätern auf brutale Weise mit einer Spitzhacke erschlagen. Die genauen Umstände der Morde wurden nie aufgeklärt und sorgen somit auch heute noch für ein nicht abreißendes Interesse an dem Fall.
Mit ihrem Kriminalroman Tannöd hat die deutsche Autorin Andrea Maria Schenkel diesen Fall bereits in die 50er Jahre verlegt. Regisseurin Bettina Oberli ("Die Herbstzeitlosen") greift bei ihrem gleichnamigem Krimidrama auf diese Grundlage zurück, erzählt sie aber nochmals in etwas abgewandelter Form. So enthält diese einen aggressiveren und anklagenderen Kontext.

"Tannöd" setzt auf altbekannte Konventionen des Krimi- und Thrillergenres. Plötzliche Rückblenden zu der Zeit kurz vor und nach den Morden sind schnell identifizierbar, die Platzierung erscheint jedoch ein wenig wahllos. Die üblichen Widersprüche zwischen den Erzählungen und Erinnerungen der Dorfbewohner setzen Kathrin, die Detektivin wider Willen, deutlich in den Vordergrund der Handlung. Sie dient nicht nur aufgrund ihrer Fremdheit als Identifikationsfigur für den Zuschauer, sie muss natürlich auch noch selbst in die düstere Tragödie der Danners verstrickt sein. Logikfehler sind dadurch vorprogrammiert.

Trotz der drastischen Themen Inzest und Vergewaltigung bewegt sich "Tannöd" gerade im mittleren Block weder von der Handlung noch von der Spannung vorwärts. Hier gleicht der Film einer Aufzählung von Klischees über die Engstirnigkeit, Hartherzigkeit sowie der Fremdenfeindlichkeit einer von dem großstädtischen Leben abgeschiedenen Gemeinde. Sein wirkliches Potential nutzt das Krimidrama erst gegen Ende, wenn die Auflösung kurz bevor steht.

Die dichtesten Momente sind die der Präsentation des Waldes um das Dorf. Hierbei fängt die gelungene Kameraführung die bedrohlich, düstere Waldlandschaft um Tannöd gekonnt ein. Stimmungsvoll sind auch die weiteren Schauplätze, die allerdings mit den vernebelten Naturaufnahmen nicht mithalten können.

Aus dem ordentlichen Ensemble der Darsteller stechen Julia Jentsch ("Die fetten Jahre sind vorbei", "Effi Briest") und Monica Bleibtreu ("Das Herz ist ein dunkler Wald") heraus. Letztere findet schnellen Bezug in ihre ernsthafte Rolle, obwohl sie bislang vorwiegend im Bereich der Komödien tätig war. Julia Jentsch bedient den Identifikationsfaktor ebenso gut wie die dramatischen und emotionalen Situationen ihrer Figur.

"Tannöd" ist eine unentschlossen wirkende Romanadaption, die gute Schauspieler und eine exzellente Kameraarbeit bietet, jedoch inhaltlich und stilistisch zerrissen anmutet. Das erkennbare Potential ist erst zum Schluss ersichtlich, nachdem bereits massenweise Szenen zu Handlungs- und Spannungseinbruch führten. Manch ein TV-Krimi kann dies bereits besser und temporeicher.

4 / 10

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