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Verändert man einen realen Hintergrund in einem wesentlichen Detail, wird darin schon ein entscheidender Teil der Intention des so Handelnden erkennbar. Das war bei der Autorin Andrea Maria Schenkel so, die in ihrem Roman den Zeitpunkt eines bis heute unaufgeklärten Mordes an einer fünfköpfigen Bauernfamilie und deren Magd, der in den frühen 20er Jahren des letzten Jahrhunderts stattfand, in die frühen 50er Jahre verlegte, und das gilt auch für Regisseurin und Drehbuchautorin Bettina Oberli, die die Figur der Kathrin hinzu erfand, die zwei Jahre nach den Morden in das Dorf zurückkehrt, weil ihre Mutter dort vor kurzem verstarb.

Andrea Maria Schenkel nutzte den Mord an der Familie eines verhassten, wohlhabenden Bürgers, der zudem unter dem Verdacht des Inzests mit seiner Tochter stand, als Konfrontation, um die Denkweise der Dorfbewohner, die in einer Art Verhör ihre Gedanken dazu äußern, zu entlarven. Die Parallelen zur kurz zuvor endenden Zeit des Nationalsozialismus werden dabei offensichtlich, denn es geht um Hass auf Basis von Minderwertigkeitskomplexen, Mitschuld durch Wegsehen oder der allgemeinen Unterordnung unter ein System, dem die Außenseiter zum Opfer fallen müssen. Das der reale Mordfall bis heute nicht aufklärt wurde, kam ihrer Intention sogar entgegen, denn es beließ den Freiraum für eine generelle Betrachtung von Schuld.

Mit dem Hinzunehmen der zur Beerdigung ihrer Mutter in das Dorf kommenden Kathrin (Julia Jentsch), versuchte Regisseurin Oberli diesem Inhalt eine narrative Basis zu geben. Das verdeutlicht sich schon in dem Kniff, eine Frau in ein Dorf heimkehren zu lassen, in dem sie immer nur für kurze Zeit gelebt hatte und gar nicht zu Hause war. Als uneheliche Tochter eines ihr unbekannten Vaters wuchs sie in einem Stift auf, wo sie jetzt als Altenpflegerin arbeitet. Damit verfügt Kathrin über ausreichend lokale Verbundenheit, um von den Dorfbewohnern nicht als Fremde angesehen zu werden, hat aber gleichzeitig genügend Distanz, um quasi von außen die inneren Verflechtungen betrachten zu können. Julia Jentsch fördert diese Konstellation noch mit ihrer zurückhaltenden, fast unterwürfigen Art, die jede Provokation der Dorfbewohner vermeidet, und damit erst ein Eindringen in die tatsächlichen Vorkommnisse ermöglicht.

Doch darin zeigt sich auch gleichzeitig die Schwäche des filmischen Konzepts, auch wenn Oberli mit der Figur der alten Magd Traudl Krieger (Monica Bleibtreu) noch eine katalytische Funktion einführt. Traudl Krieger hatte ihre jüngere Schwester Marie (Dagmar Sachse) als Magd bei dem unsympathischen Tannöd-Bauern Danner (Vitus Zeplichal) untergebracht, weil sie sie als Kostgänger loswerden wollte, und fühlt sich nun an deren Tod mitschuldig, weshalb sie ständig die Dorfbewohner provoziert, indem sie den Mörder unter ihnen vermutet.

Diese Vermutung lag immer nah, auch wenn von seiten der Bevölkerung gerne ein Landstreicher für diese Tat verantwortlich gemacht worden wäre (dagegen sprach, dass das Vermögen des Bauern nicht geraubt worden war), aber Bettina Oberli konkretisierte diesen Fall im Film zu sehr, weshalb er immer mehr in Richtung eines "Who done it?" abdriftet, mit Kathrin als unfreiwilliger Detektivin. Optisch wird die bedrückende Atmosphäre dabei hervorragend umgesetzt, aber inhaltlich werden die Vorkommnisse im Dorf immer mehr zu einer beliebigen Betrachtung über Bigotterie, Inzest und Vergewaltigung, Unterdrückung und Ausbeutung, bis zum verlogenen Dorfpfarrer, der heilig redet, aber hintenrum seine Schäfchen ins Trockene bringt.

Bettina Oberli nahm der literarischen Vorlage damit die generelle, nicht ohne Grund in der Nachkriegszeit angesiedelte Relevanz, und beschränkte sich auf das bekannte Bild reaktionärer Dorfstrukturen. Die Unentschlossenheit dieser Anlage zeigt sich zudem in dem Versuch, horrorartige Elemente, die immer wieder in den Rückblicken auftauchen, mit der ruhigen Betrachtung des Verhaltens der Dorfbewohner zu verbinden, wodurch "Tannöd" weder zum klassischen Thriller, noch zur Analyse der menschlichen Psyche wird. Dabei liefert ausgerechnet die erfundene Figur der Kathrin genügend Basis, um dem Film eine Intention im Sinne der literarischen Vorlage zu verleihen.

Kathrin, die ihre eigene Position innerhalb der dörflichen Gemeinde noch zu finden versucht, schwankt in ihren Empfindungen, wird korrumpiert, angegriffen, um selbst gegenüber den Außenseitern inhaltlich und konkret zurück zu schlagen. Allein diese Figur hätte genügend Potential gehabt, um den generellen Aspekt dieser Denkweise zu verdeutlichen, aber "Tannöd" verharrt in seiner dörflichen Struktur und vermeidet eine Konfrontation, die über das bloße gruselige Betrachten mörderischer Hinterwäldler hinaus geht (5,5/10).

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