Review

Als Regie-Exzentriker Werner Herzog anno 2009 mit „Bad Lieutenant“ ein nominelles Remake des Abel-Ferrara-Originals vorlegte, nahm er in erster Linie dessen Grundprämisse des drogensüchtigen, moralisch korrumpierten Polizisten, drehte aber einen eigenständigen Film und behauptete der Presse gegenüber, dass den Ferrara-Film nie gesehen habe.
Sein böser Lieutenant hat eine kleine Vorgeschichte, für die Schauplatz des von Hurricane Katrina gebeutelten New Orleans nicht ganz unwichtig ist. Detective Terence McDonagh (Nicolas Cage) und sein Partner Stevie Pruit (Val Kilmer) sollen eigentlich nur für einen Kollegen etwas aus einem Spind in einer verlassenen Polizeistation bergen, finden überfluteten Keller einen Häftling in einer Zelle. Nach Witzeleien und der Überlegung den Mann seinem Schicksal zu überlassen, springt Terence doch noch in das ganz und gar nicht gemütliche Nass und löst damit eine Kausalkette aus, die Herzog nicht groß erklärt, die aber die Keimzelle für die folgende Handlung ist. Terence wird für seine widerwillige Heldentat mit der Beförderung zum Lieutenant belohnt, zieht sich aber auch schwere, verletzungsbedingte Rückenschmerzen zu, gegen die er Medikamente nimmt.
Ein halbes Jahr später: Terence ist mittlerweile nicht nur abhängig von den Schmerzmitteln, sondern zieht sich auch reihenweise Drogen rein, die er von seinem Kollegen Mundt (Michael Shannon) aus der Asservatenkammer bezieht, vor allem Koks. Auch seine Freundin, das Callgirl Frankie Donnenfield (Eva Mendes), zieht sich gern das weiße Nasenpülverchen rein. Doch Terence ist in meiner als einer Hinsicht Suchtmensch, verzockt auch viel Geld bei Sportwetten bei dem Buchhalter Ned Schoenholtz (Brad Dourif). Doch Herzog und Drehbuchautor William M. Finkelstein machen es sich nicht zu einfach, zeigen den kaputten Cop auch als hervorragenden Ermittler. Vielleicht, so legt der Film es nahe, bedingt sich beides auch: Damit Terence trotz Rückenschmerzen volle Leistung in dem Job, den er liebt (oder nach dem er vielleicht auch süchtig ist), bringen kann, nimmt er Drogen.
 
Als eine Familie von Einwanderern aus Senegal in ihrem Haus regelrecht exekutiert wird, kommt Terence schnell auf den Drogen-Kingpin Big Fate (Alvin ‘Xzibit‘ Joiner) und dessen Crew. Doch das Verbrechen muss irgendwie bewiesen werden, während Zeugen Angst haben und Terence‘ Leistungsfähigkeit durch seine Süchte auch immer mehr torpediert wird…
Tatsächlich erzählt Herzogs Film eine ganz andere Geschichte als Ferraras „Bad Lieutenant“, aber ob der Deutsche diesen wirklich nicht gesehen hat, mag man angesichts mancher Szene bezweifeln, vor allem wenn Terence zwei junge Nachtschwärmer hopsnimmt. Hier ist es ein Pärchen, keine zwei Mädels, Terence geht es vor allem um Drogenbeschaffung, aber wie anno 1992 nimmt die erniedrigende Kontrolle durch den Polizisten eine Wende ins Sexuelle. Das ist nicht der einzige Moment, in dem der Regisseur seinen Hauptdarsteller richtig aufdrehen lässt: Terence schmeißt Drogen ein und lacht irre, Terence bedroht eine Lady plus Friseurin im Altenheim mit vorgehaltener Waffe, Terence macht gegenüber den Drogengangstern einen auf dicke Hose usw. Genauso abgedreht sind manche Nebenfiguren angelegt, etwa Terence‘ trockener Ex-Alki-Vater Pat (Tom Bower), der mit der dauernd Bier trinkenden Genevieve (Jennifer Coolidge) liiert ist, die jedoch einen Affen kriegt, wenn andere Suchtmittel ins Haus geschafft werden. Oder Ned, der einfach ins Polizeirevier marschiert und Terence auf die Begleichung von dessen Spielschulden sowie einen offenen Gefallen anspricht. „Bad Lieutenant“ ist auf seine Art auch eine Komödie, die vor allem von ihrem Hauptdarsteller lebt.
So kann sich auch kaum vorstellen, dass Herzog diesen Film mit jemand anderem als Nicolas Cage hätte drehen können. Der wiederum kann sein Overacting gewinnbringend ausspielen, wenn er Terence am Rande des Wahnsinns darstellt, andauernd auf Droge und stets in Anzügen, die ein bis zwei Nummern zu groß für ihn wirken. Gleichzeitig macht Cage keine Witzfigur aus dem Antihelden, lässt ihn sowohl als ernstzunehmenden Ermittler als auch als bedrohliche Erscheinung, als tickende Zeitbombe dastehen. Die größten Nebenrollen haben Eva Mendes, deren Edelprostituierte als ein Blatt im Wind angelegt ist, sowie Xzibit, der den charismatischen Kingpin überraschend stark gibt. Toll ist auch das Nebendarstellerensemble, das zwar meist nur Einzelszenen oder -passagen bekommt, aber sehr prominent besetzt ist: Val Kilmer als arschiger Kollegenkumpel, Michael Shannon als verhuschter Asservatenkammer-Cop, Brad Dourif als Buchhalter, Fairuza Balk als Verkehrspolizistin, Vondie Curtis-Hall als Vorgesetzter, Shawn Hatosy als junger Kollege, Tom Bower und Jennifer Coolidge als (Stief-)Eltern sowie Shea Whigham als großkotziger Freier.

So geht es Herzog auch mehr um den Moment als um die Handlung, die bisweilen fast schon banal ausfällt. Die Identität der Mehrfachmörder ist früh im Film bekannt, sodass es allenfalls darum geht, ob und wie Terence ihnen das Verbrechen nachweisen kann. Spannend bleibt in erster Linie die Frage, ob sich Terence seinen durchaus vorhandenen Gerechtigkeitssinn noch leisten kann, wenn er sich durch seine Eskapaden diverse Feinde macht und immer weiter in kriminelle Aktivitäten verstrickt. Doch auch darum scheint es Herzog nicht zu gehen, lösen sich die Probleme durch eine glückliche Fügung in Luft auf, was der Regisseur auch bewusst ironisch inszeniert, wenn zig Nebenfiguren nacheinander bei Terence aufkreuzen, um ihm zu erzählen, dass diese oder jene Angelegenheit jetzt aus der Welt geschafft sei. Auch Moral interessiert Herzog nicht: Wo etwa eine gute Tat in „Training Day“ den Ausschlag für das Schicksal der Hauptfigur ab, da verläuft Terence’ Leben willkürlich. Er reitet sich durch Gutes (Bedrohung des gewalttätigen Freiers) ebenso in die Scheiße wie durch seine krummen Dinger; kommt er aus schwierigen Situationen heraus, dann ist oft unklar, ob dies an brillanter Taktik oder unfassbar glücklichen Zufällen liegt. Genüsslich erteilt Herzog diesen Konventionen des Copthrillers eine Absage, während im Hintergrund ein bluesiger Soundtrack in der Tradition von Crime-Stoffen wie „Teufel in Blau“ oder „The Big Easy“ ertönt.
Obwohl „Bad Lieutenant“ – ähnlich wie der drei Jahre zuvor erschienene „Rescue Dawn“ – für Herzog-Verhältnisse fast schon kommerziell ist, so merkt man den eigenwilligen Touch des Regisseurs doch immer wieder. Zu den stilistischen Eigenschaften gehört unter anderem das Einfangen von Tieren in Nahaufnahme mit der Handkamera, egal ob Hunde, Leguane oder Alligatoren. Dies wirkt spontan, da einige davon (wie der Alligator, den die Kamera kurz vom Schauplatz eines Verkehrsunfalls weg verfolgt) gar nichts mit der eigentlichen Handlung zu tun haben. Andere, wie die Leguane, scheint sich Terence nur einzubilden, ebenso wie Breakdancer-Seelen („Shoot him again, his soul is still dancing“). Mit solchen Eigenheiten vermittelt Herzog seinem Publikum den Seelenzustand seines dauerberauschten Antihelden und lässt es immer wieder daran zweifeln, wie viel von der Geschichte es überhaupt für bare Münze nehmen darf.

„Bad Lieutenant“ ist dementsprechend eine große Bühne für Nicolas Cage, durch dessen Hauptfigur der Film fokalisiert wird: Ein leicht durchgeknallter Trip, dessen Copthriller-Handlung eigentlich nur die zweite Geige spielt, während Cage so richtig aufdreht, das gut gelaunte Nebendarstellerensemble freudig mitmacht und Herzog dem düsteren Stoff um Mord, Totschlag und Drogenhandel seine absurd-witzigen Seiten abgewinnt. Ein düsterer Crime-Trip am Rande des Abgrunds als heimliche Komödie – das gibt es nicht alle Tage.

Details
Ähnliche Filme