Review

Itto Ogami und sein kleiner Sohn Daigoro ziehen weiter auf dem Pfad der Hölle durchs kaiserliche Japan und begegnen einem kampfeslustigen Feind nach dem anderen: Nach den brutalen Räubern des ersten Teils wird ihnen nun vom verfeindeten Yagyu-Clan eine Bande meisterlicher Kämpferinnen auf den Hals geschickt. Das macht das Blutbad nicht weniger ausufernd – ganz im Gegenteil!

„Lone Wolf and Cub – Am Totenfluss“, der zweite Teil der in rasend schneller Folge abgedrehten Schwertkampf-Filmreihe, besticht mit ähnlichen Attributen wie der Vorgänger, nur alles noch etwas aufgedrehter, wilder und blutrünstiger: Schon nach geschätzt zehn Sekunden Filmlaufzeit steckt das erste Samuraischwert in einem Schädel und spritzt eine Blutfontäne aus einem aufgespießten Angreifer. Nach bester Fortsetzungsmanier wird hier alles größer, spektakulärer und umfangreicher dargeboten, und so gibt es nicht nur eine ganze Gruppe von Kämpferinnen, die mit gleichgestellter Erbarmungslosigkeit niedergemacht werden, sondern auch drei legendäre Brüder, die mit besonders brutalen Waffen zu Werke gehen und für ein wahrlich blutgetränktes Finale samt gespaltener Köpfe, riesiger Blutfontänen und zahlloser abgehackter Gliedmaßen sorgen. Für Splatter- und Kampfkunstfans bleibt also auch dieser zweite Teil ein fröhlich-brachiales Fest für die gestählten Sinne.

Daneben gefällt der Film aber auch weiterhin mit seiner tiefgründigen, melancholisch-philosophischen Atmosphäre, die von Anfang an wieder in ihren Bann zieht. Wenn etwa Vater und Sohn ein Bad nehmen und die halbdunkle Stille plötzlich durch gespenstisches Glockengeläut durchbrochen wird, kann das durchaus für Gänsehaut und einen Anflug von Grusel sorgen. In dieser so brutalen wie übermächtigen Welt, so wird hier suggeriert, kann einfach alles möglich sein, nicht nur permanente Angriffe aus dem Nichts, sondern sogar geisterhafte Gefahren. Um diese entrückte Atmosphäre zu erzeugen, arbeitet Regisseur Kenji Misumi erneut mit sehr vielen stillen Momenten – mal vollkommene Lautlosigkeit, wenn Vater und Sohn in meditativer Versenkung eingehen, mal nur durch leicht verzerrte und dadurch ins Irreal-Abstrakte verschobene Kampfgeräusche in besonders dramatischen Momenten. Es ist wirklich erstaunlich zu beobachten, wie intensiv das Fehlen sonst gewohnter Elemente wie etwa untermalender Spannungsmusik wirken kann.

Dazu passt, dass hier die Dialoge im Vergleich zum Vorgänger deutlich zurückgefahren werden, was natürlich auch daran liegt, dass hier viel weniger Hintergrund erläutert zu werden braucht (die Filme wurden so schnell hintereinander gedreht, dass auf erklärende Rückblenden und ähnliches weitgehend verzichtet wurde, die Kenntnis des ersten Teils ist also essenziell). In den letzten etwa 20 Minuten wird im Grunde gar nicht mehr gesprochen, umso mehr wird den ganzen Film über enorm elegant über Mimik und Gestik kommuniziert, und das mitunter höchst dramatisch: Wenn etwa die Anführerin des Killerinnen-Clans den entführten Daigoro in letzter Sekunde vor dem Tod bewahrt, geschieht das mit einer emotionalen Eindringlichkeit, die nur über Blicke und kleine Handlungen vollzogen wird, aber nichtsdestotrotz tief zu Herzen gehen kann. Für einen Film, der so offensichtlich an Pulp und Exploitation orientiert ist, sind das erstaunlich subtile Stilmittel.

Stichwort Exploitation: Natürlich geht es hier trotz aller Tiefgründigkeit wieder enorm derbe zur Sache. Blut spritzt, Körperteile fliegen, die meisten Figuren bleiben flach und oberflächlich (außer den Hauptfiguren, deren meditative Versenkung in ihr grausiges Schicksal umso mehr fesselt), die dankenswerterweise zahlreicheren Frauenrollen können ebenfalls die eher patriarchalische Perspektive nicht überwinden (wenn etwa das Kind in der Anführerin ganz offensichtlich Muttergefühle weckt), und die Handlung beschränkt sich auf eine minimale Fortführung der Ausgangslage aus dem ersten Teil.

Diesen grobmotorischen Elementen steht aber die ausgezeichnete Inszenierung entgegen, die neben Stille und Meditation auch immer wieder in psychedelische Kamera- und Farbexperimente ausbricht (etwa wenn Itto Ogami den bunt gekleideten Killerinnen begegnet), mit starken Elementen wie Zooms und hoher Schnittfrequenz viel Dramatik und Tempo erzeugt und eine bei aller Dünnheit der Story doch emotional packende Geschichte bietet. So erweist sich auch „Lone Wolf and Cub – Am Totenfluss“ als spektakuläres, bluttriefendes und höchst packendes Schwertkampf-Epos.

Details
Ähnliche Filme