Review


IMMER DIE RADFAHRER

(IMMER DIE RADFAHRER)

Hans Deppe, Österreich/BRD 1958

Vorsicht – dieses Review enthält SPOILER!


Es ist zumindest nicht unmittelbar die Finsternis der aktuellen Weltlage, die mich gerade in die Arme ausnehmend seichter Unterhaltung getrieben hat, ebenso wenig wie das Interesse an bundesdeutschen Schund-Antiquitäten auf Roy-Black- oder Heintje-Niveau, die ich in medizinisch vertretbaren Abständen als Selbstversuche anschaue – vielmehr stand der vorliegende Film schon etwas länger auf meiner Liste, weil ... ja, warum eigentlich? Nun, die Neugier auf ihn entsprang wohl eher einer angenehm melancholischen Grundstimmung, die mich angesichts seines Sujets und der eigenen Rückbesinnung auf längst vergangene Zeiten beschlichen hatte (ohne nun gleich von der Suche nach einem verlorenen Paradies reden zu wollen, das uns beispielsweise Arbeiten wie Jacques Tatis Jour de Fête erahnen lassen). Meine Begegnung mit Immer die Radfahrer war also tatsächlich ganz herzlicher und aufrichtiger Natur.

Als er sich am letzten Schultag vor den Sommerferien von seinen Schülern verabschiedet, besinnt sich Professor Johannes Büttner, der in einem Gymnasium unterrichtet, an die eigene Jugend: Einst, vor zwanzig Jahren, hatte er mit seinen Kumpels Fritz Eilers und Ulrich Salandt eine Radtour nach Burgsteinach in Kärnten gemacht, wo den dreien eine schöne Zeit vergönnt war und jeder von ihnen das Herz eines ansässigen Mädchens erobern konnte. Und so versprachen sie ihren Liebsten vor der Heimreise, in fünf Jahren wiederzukommen. Angesichts dieser doch erstaunlich langen Zeit möchte man meinen, dass es da mit der Liebe nicht allzu weit her war – und nein, in der Tat ist nach fünf Jahren keiner der nunmehr schon jungen Männer bei seinem Burgsteinacher Mädel aufgekreuzt.

Nun aber, als er sich am letzten Schultag vor den Sommerferien an die eigene Jugend erinnert, kommt dem Professor Johannes Büttner ein Einfall: Wie wär’s, wenn man in diesem Sommer noch einmal zu dritt nach Burgsteinach, wo überdies die 800-Jahr-Feier ansteht, reisen würde? Also meldet er sich umgehend bei den alten Freunden, die inzwischen auch etwas aus sich gemacht haben: Fritz Eilers ist ein erfolgreicher Unternehmer geworden und produziert den beliebten Eierlikör der Marke „Ei-Ei“ (na ja, eigentlich lässt er ihn produzieren), während Ulrich Salandt als Schauspieler zu internationalem Ruhm gelangt ist. Natürlich sieht’s bei derartig wichtigen Leuten mit der verfügbaren Zeit eher schlecht aus, aber dann machen sie sich doch frei und stimmen zu, wobei sie schweren Herzens sogar die von Johannes vorgeschlagenen Rahmenbedingungen ihres Kurzurlaubs akzeptieren: Die Reise soll wie einst mit leichtem Gepäck, wenig Geld, einem Zelt und natürlich auf den Fahrrädern erfolgen. Und so radeln sie mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen („Mit dem Rad, mit dem Rad, mit dem Rad, Kamerad, mit dem Rad, Kamerad, geht’s hinaus ...“) in Richtung Burgsteinach zur Stadt hinaus und genießen sowohl die herrliche Natur als auch die Abkehr vom Alltagsstress.

Nachdem für die erste Nacht noch eine Herberge herhalten muss, wird schon in der zweiten tatsächlich gezeltet, wobei unsere Helden auch die Bekanntschaft zweier leichtlebiger junger Damen machen. Das wäre nun alles recht schön, wenn da nicht die Familie Eilers ihre Reisefreuden stören würde. Zunächst taucht plötzlich Fritz‘ Sohn Robby auf, der sich gerade einen neuen Porsche (!) angeschafft hat und nur mal eben kurz das Geld dafür vom Vater erbitten will. Fritz tut allerdings den Teufel, und so verzieht sich Robby nicht nur stinksauer, sondern verkracht sich auch noch mit seiner mitgereisten Freundin Katinka, welche nun bei den Männern bleibt und sie begleitet. Zudem hat sich Fritz‘ eifersüchtige Ehefrau auf die Verfolgung ihres Gatten gemacht, und schließlich lässt sich auch noch sein Chauffeur erwischen, der seinem Chef heimlich mit der Luxuskarosse folgen und ihn mit leckerem Essen versorgen sollte.

Nach einer verblüffend ereignisarmen Weiterreise kommt man schließlich in Burgsteinach an, wo Frauenheld Ulrich seine Jugendliebe Roma wiedertrifft, die keinen Tag älter geworden zu sein scheint. Kunststück: Es ist auch nicht Roma, sondern deren zwei Jahre nach den einstigen Ereignissen geborene Tochter Angelika (die Vaterschaft Ulrichs muss selbstredend ausgeschlossen werden, aber fünf Jahre wollte Roma dann offenkundig auch nicht warten ...). Das ist Grund genug für Ulrich, sie auf der Stelle zum Essen einzuladen, worauf Angelikas Freund, der junge Tenor Bert Erichsen, einen bösen Eifersuchtsanfall bekommt, seinen anstehenden Auftritt hinwirft und sich ins Wirtshaus verzieht. Fast gleichzeitig kreuzt Fritzens Frau Malchen auf und bringt auch gleich noch Johannes’ Gattin Tilla mit, bei der sie erfolgreich Alarm geschlagen hatte. Damit auch Ulrich nicht auf Frauen verzichten muss, die ihm nachstellen, reisen kurz darauf seine Managerin Sylvia Koschinsky und seine Freundin Beryl an, und ja, Robby ist ebenfalls bald wieder zur Stelle, um seine Beziehung mit Katinka zu kitten, die inzwischen mit Bert Erichsen ein Gläschen trinkt. Fehlt noch jemand? Klar: Auch Fritz‘ und Johannes‘ einstige Freundinnen Grete und Marianne sind mit von der Partie. Das wirkt für kurze Zeit etwas unübersichtlich, aber natürlich renkt sich am Ende alles, wirklich alles wieder ein und jeder landet dort, wo er hingehört: Fritz bei Malchen, Johannes bei Tilla, Ulrich bei Beryl, Robby bei Katinka und Bert bei Angelika. Grete ist als Wirtin hinter ihrem Tresen glücklich und Frau Koschinsky hat ihren Mangerinnen-Job gut gemanagt – nur Marianne, die mit vier noch ziemlich kleinen Kindern angerückt ist, scheint sich nicht so recht mit dem Gang anfreunden zu wollen, den die Dinge in den letzten zwanzig Jahren genommen haben.

Dies bleibt freilich der einzige und verschwindend kleine Schatten, der über diesem Heile-Welt-Schinken aus tiefsten Wirtschaftswunderzeiten liegt. Oder richtig: Es ist der einzige kleine Schatten, der über seiner Handlung liegt. Beurteilt man hingegen den Film als Ganzes, wird es eher schwierig, irgendwo etwas Licht zu finden – Immer die Radfahrer ist auch dann noch eine ziemlich lausige Arbeit, wenn man sie in den Kontext des anspruchsfreien, von Musikfilmen und Liebeskomödien beherrschten deutschsprachigen Unterhaltungskinos der Fünfziger- bis Siebzigerjahre einordnet.

Wie schon eingangs angedeutet ist dabei die Idee, drei gestandene Männer hinaus in die famose österreichische Natur und zurück in einen schönen (und durchaus verklärbaren) Abschnitt ihrer Vergangenheit zu schicken, aus meinem Blickwinkel die schlechteste nicht. Auf jeden Fall lässt sich aus ihr selbst dann so manches machen, wenn man mit der Maßgabe antritt, um jeden Funken Tiefgang einen riesigen Bogen zu schlagen und das Publikum mit brettebener Unterhaltung in Sommer-Sonne-Eierkuchen-Laune zu versetzen. Hans Deppe und sein Autor Wolf Neumeister, der das Skript nach einer Idee von Hans-Joachim Kulenkampff verfasst hat, sind mit dieser Maßgabe angetreten, und das ist zunächst vollkommen in Ordnung, denn Menschen im Kino glücklich machen zu wollen, ist kein Verbrechen.

In feinster konservativer Bespaßungstradition bekommen wir es dabei allerdings nicht mit Durchschnittsbürgern wie schnöden Arbeitern oder kleinen Angestellten zu tun – Gott behüte: Fritz ist ein steinreicher Unternehmer, Ulrich ein erfolgreicher Schauspieler und Frauenheld und Johannes ein gleichfalls gut betuchter Linguistikprofessor und Fachbuchautor (obgleich er neben seinen Kumpels mitunter schon fast arm wirkt, weil er eben beispielsweise das Fahrrad irgendwelchen Luxuskarossen vorzieht). Selbst Fritz‘ Sohn Robby ist schon in den Reihen dieser materiellen Elite festgemauert und kann die Welt nicht verstehen, wenn ihm der Papa nicht auf der Stelle einen Porsche spendiert (mit dem er übrigens schon fleißig herumfährt). Spätestens das stößt dann freilich schon richtig übel auf, aber so wollte seinerzeit ein großer Teil der Menschen nun einmal unterhalten werden – wie in den Groschenromanen, in denen Fürsten, Prinzessinnen und schöne reiche Ärzte gegen das gesammelte Liebesleid dieser Welt ankämpfen mussten (während heutzutage beunruhigend viel Interesse an primitiven Z-„Promis“ im Dschungelcamp oder Sozialhilfeempfängern auf RTL II gezeigt wird). Das große Problem dieses Films ist demnach nicht seine Anspruchslosigkeit, sondern vielmehr seine Einfallslosigkeit: Er schickt zwar seine drei Helden mit viel Tamtam auf die Reise, weiß aber bald nichts mehr mit ihnen anzufangen. Johannes, Fritz und Ulrich erleben kaum etwas Aufregendes auf ihrer Radtour, und wenn es einmal einen kleinen Höhepunkt gibt (wie eine Übernachtung im Heu), dann wird er so ungelenk und lahm geschildert, dass er ohne Wirkung ins Land zieht.

Irgendwann ist es dann ganz vorbei mit den Eigenleistungen des Protagonistentrios und das Skript braucht Hilfe in Form weiterer Personen – nun müssen auch noch Robby und Katinka mitmischen, am Ende rücken Angelika und Bert sehr weit ins Zentrum (zu spät allerdings, als dass man noch echtes Interesse an ihnen entwickeln könnte), und zu alledem geht einem Fritz‘ Ehefrau mit ihren Aktivitäten gewaltig auf die Nerven. Was dabei letztendlich herauskommt, ist: nichts. Der Plot verliert sich in einer Fülle von banalen Eifersüchteleien und Missverständnissen, die irgendwann mühelos aufgelöst werden und dem großen Glück aller Beteiligten Platz machen (na ja ... außer vielleicht dem von Marianne). Und weil Immer die Radfahrer so schrecklich wenig zu erzählen hat, kann man sich in der Schlussphase gefühlt den halben „Vogelhändler“ von Carl Zeller ansehen, der gerade in Burgsteinach (mit Angelika und Bert) aufgeführt wird. Etwas zusätzliche Zeit schindet auch noch Robby-Darsteller Peter Kraus, der hier zwei unsägliche Lieder zum Besten gibt, ohne dass er vom Teufel geholt oder vom Blitz erschlagen wird. Dabei hätte sich aus der Wiederbegegnung der drei Radler mit ihren ehemaligen Liebsten sehr wohl etwas Vernünftiges machen lassen, aber das Skript jagt lieber Ehefrauen, Freundin und Managerin dazwischen. Noch schlimmer: Ulrich ist so fasziniert von der jungen Angelika, dass er keinen Gedanken mehr an ihre Mutter Roma verschwendet und nicht einmal nach ihr fragt! Marianne aber wird von Johannes während der „Vogelhändler“-Aufführung ohne Abschiedswort sitzen gelassen. Traurig, irgendwie.

Damit ist gewissermaßen hintenherum auch schon das nächste Thema angesprochen: Natürlich will Immer die Radfahrer nicht traurig, sondern eine waschechte Komödie sein, aber oh je ... mit dem Humor ist es wirklich nicht weit her. Die Stimmung, die hier herrscht, ist zweifellos gut, aber wirklich lustig ist dieser Film nur ganz, ganz selten. Auf welche Sorte Komik man sich hier einstellen muss, erfährt man schon kurz nach dem Start – da zünden ein paar kleine Kinder einen Knaller und erschrecken Fritz und Ulrich damit. OmG.

Immerhin ist die Optik der vorliegenden 1.33:1-HD-Fassung aus der ARD-Mediathek nicht übel. Die Farben schwanken mitunter ein wenig, aber Verschmutzungen oder Beschädigungen sind kaum auszumachen. Bedauerlich ist indes, dass von der schönen Kärntner Bergwelt nur wenig zu sehen ist – vor allem bei den vielen Szenen auf den „Zeltplätzen“ der Helden ist der Bildausschnitt zumeist sehr begrenzt.

Mit Blick aufs Schauspiel stehen natürlich die drei Protagonistendarsteller im Zentrum des Interesses. Der immer gern gesehene Heinz Erhardt macht als Fritz Eilers zuverlässig sein Ding, aber ich denke, wenn er sich seine Rolle selbst geschrieben hätte, wäre mehr herausgekommen. Hier hat er ein paar laue Gags abzuarbeiten und muss einmal in das frisch aufgebaute Zelt stolpern und es umreißen ... na ja. Hans-Joachim Kulenkampff ist derweil als Ulrich Salandt souverän und selbstsicher wie immer, während Wolf Albach-Retty als Professor Johannes Büttner die Rolle des etwas bodenständigeren Mitglieds unseres Heldentrios durchaus sympathisch ausfüllt. Aus dem Kreis der zahlreichen mitwirkenden Damen hat mir Christiane Hörbiger als entzückend lächelnde (beziehungsweise eher entzückend grinsende) Angelika am besten gefallen, und auch die hübsche Edith Elmay habe ich in ihren wenigen Szenen gern gesehen – sie verkörpert eine der erwähnten leichtlebigen jungen Damen. 

Als Malchen Eilers ist mir indes vornehmlich rollenbedingt Mady Rahl moderat auf den Keks gegangen, Inge Meysel bringt schon von daheim immer ein beträchtliches Nervpotenzial mit, um als Sylvia Koschinsky auch hier sehr munter davon Gebrauch zu machen, und überhaupt nicht mein Ding waren die Frisur und das Gehabe von Corny Collins als Katinka, der leider viel Screentime eingeräumt wird. Deutlich besser ging es mir mit Waltraut Haas als Tilla Büttner, Günther Bauer als Tenor Bert Erichsen, Erna Schickl als Grete Köck, Katharina Mayberg als Beryl und Antonia Mittrowsky als kinderreiche Marianne Hopfleder, die sich in ihren Nebenrollen nichts zuschulden kommen lassen. Über einen muss allerdings noch geredet werden: Peter Kraus, der als Porsche fahrender Teenager Robby schon entsetzlich, sprich steif, aber dennoch mit schmieriger Freundlichkeit spielt und noch sehr viel entsetzlicher singt: Die beiden Titel, die er hier zum Besten gibt („Immer nur singen“ und „Mit siebzehn“), sind selbst mit dem Begriff Trash nicht mehr ausreichend beschreibbar. Dagegen ist sogar die gemeine Roy-Black-Schnulze hohe Tonkunst – ganz zu schweigen vom Vergleich mit den überwiegend recht netten Highlights aus dem „Vogelhändler“, von denen sich selbst notorische Operettenverächter nicht aus der Ruhe bringen lassen sollten. Der eigentliche Orchesterscore von Hans Lang ist derweil ein Kind seiner Zeit, und da es hier vor allem um die Liebe geht, hört man des Öfteren die Violinen jaulen. Ein paar entspannend fröhliche Passagen gibt es natürlich ebenfalls – zu ihnen darf auch das Lied „Mit dem Rad, Kamerad“ gezählt werden.

Was bleibt, ist eine schwache, unfokussierte und bisweilen sogar etwas hilflos wirkende Spätfünfziger-Liebeskomödie, die kein Interesse für die läppischen Beziehungsnöte ihres Personals wecken kann, vermutlich ein paar schöne Schauplätze verschenkt und sich mit dem Humor erstaunlich schwertut. Abenteuerlustige oder besser experimentierfreudige Filmfreunde und unheilbare Nostalgiker können sich mit Immer die Radfahrer gemütlich langweilen – alle anderen tun gut daran, Hans Deppes Radler ungestört ihrer Wege fahren zu lassen (wenn sie denn überhaupt einmal fahren). Ich für meinen Teil bin hier wie schon angemerkt in erster Linie als Seminostalgiker, sprich ganz ohne Ressentiments, vorauseilende Häme oder Lust auf etwas Trash angetreten – und war, so das ziemlich enttäuschende Fazit, ähm ... ziemlich enttäuscht.

(01/26)

5 von 10 Punkten.





Details
Ähnliche Filme