Welch geflügeltes Wort für einen Arthausfilm: "Warte 10 Jahre, dann kommt er vielleicht als DVD raus..." - dieses oder Ähnliches hat man sich schon bezüglich so manches Geheimtipps anhören müssen, aber manchmal ist das die traurige Wahrheit.
Erlitten hat dieses Schicksal hierzulande auch der einst mehr als angesehener Regisseur Peter Bogdanovich, der nach als absoluter Filmkenner in den frühen 70ern eine irre Strähne an Hits vorlegte, um sie dann zwischen Größenwahn, Koksrausch und falschen Entscheidungen so säuberlich an die Wand zu fahren, daß man ihn fast nicht wiedererkannte (siehe auch: "Sie haben alle gelacht").
Bogdanovich, immer noch ein gern hinzugezogener Fachmann, inszenierte ab den 90ern immer weniger Filme und darunter waren immer weniger namhafte, sein letzter richtiger Spielfilmbeitrag war der Film "Hustle", in dem Dr.Dre reüssierte. Davor drehte er aber 2001 noch eine TV-Produktion, die das Glück hatte, so erfolgreich zu laufen (nicht zuletzt wegen der guten Besetzung), daß man sie in gewissem Umfang sogar für das Kino auswertete: "The Cat's Meow"!
Nach dem Bühnenstück von Stephen Peros darf sich der Hollywood-Historiker Bogdanovich hier einer urtypischen Tinseltown-Legende annehmen, dem viel diskutierten Todesfall auf der Jacht des Zeitungsmogul William Randolph Hearst im November 1924, bei dem der Schauspieler und Regisseur Thomas H.Ince unter mysteriösen Umständen ums Leben kam.
Die Umstände von Ince's Ableben wurden nie ganz geklärt und so widmet sich das Skript auch nur der populärsten Legende, die aber nicht die unwahrscheinlichste ist, gemessen am Bekanntheitsgrad der Anwesenden. Da sich die Betreffenden in der Folge bis zu ihren Tod mit multiplen Versionen der Vorgänge stets selbst widersprachen, bildet der Plot auch nicht die Realität ab, sondern bietet ein Fundament der Eitelkeiten, das die leere, selbstvergessene und eigensinnige Hollywoodgesellschaft samt der Medien um sich selbst errichtet hatte, weil ihnen sonst nichts anderes blieb. Es gerät nicht zum Totentanz, aber zu einem bitterem Resumée über die Hilflosigkeit und Selbstverliebtheit der Stars.
Ruhmsucht, Karrierestreben und Eifersucht geben sich ein Stelldichein zwischen den Passagieren und alle Schicksale sind ein wenig miteinander verwoben. Da ist Mogul Hearst selbst, der in panischer Angst, seine Maitresse Marion Davies, die er mit Einverständnis seiner Frau verwöhnt, könnte ihn betrügen. Das naheliegenste Ziel für diesen Vertrauensbruch ist Filmclown Charles Chaplin, der nach einem finanziellen Fiasko (mit "A Woman of Paris") während der Dreharbeiten zu "Goldrausch" eine Pause einlegt, um Marions Herz zu erobern. Das kommt dem in Bedrängnis geratenen Thomas Ince gerade recht, der Davies Filme produzieren möchte, aber dazu Hearsts Geschäftspartnerschaft braucht. Gleichzeitig betrügt er seinen Partner mit dessen Geliebter, die sowohl ihn als auch einen Karriereschub ersehnt (allerdings in dieser Reihenfolge), während dies alles direkt vor der Nase der Society-Journalistinnen (aka Klatschkolumnistinnen) Elinor Glyn (alt, erfolgreich) und Louella Parsons (jung, aufstrebend) stattfindet.
Auf beengtem Raum, der zwar geräumigen, aber in sich abgeschlossenen Jacht, gelingt es Bogdanovich mit sicherer Hand, das Dialogstück auf Kurs zu halten, obwohl ansonsten wenig passiert, außer daß man das Unglück (von dem zu Beginn berichtet wird, ohne das das Opfer genannt wird) von weit her kommen sieht.
Bis dahin gibt es aber ein schillerndes Panorama aus Sucht, Langeweile und mühsam unterdrückten Trieben zu genießen, angerichtet in zeitgemäßen Kostümen und umgesetzt vor einer mehr als passenden Kulisse, die viel teurer ausschaut, als sie vermutlich war. Für die Darsteller also ein perfekter Nährboden für passende Rededuelle und es verlangt wirklich nur ein wenig Kenntnis von den damaligen Umständen (die durchaus realistisch gefaßt sind, sofern davon berichtet wird), um der Handlung problemlos zu folgen.
Herausragend im Ensemble ist mit Sicherheit Eddie Izzards Interpretation des leidenschaftlichen Frauenjägers Chaplin, der wie ein Bluthund Marion Davies im Nacken sitzt, die ihn zwar durchaus mag oder gar liebt, ihren Status als gefördertes Liebchen nicht gefährden möchte. Während Kirsten Dunst hier eine solide, aber unaufgeregte Darstellung bietet, gibt es für Edward Herrmann als "Hearst" etwas mehr zu tun. Herrmann gleich dem echten Hearst zwar kaum, der sonst so ruhige Darsteller ("Gilmore Girls") darf aber die ganze Palette an Emotionen ausspielen, irgendwo zwischen Machtsucht, Größen- und Verfolgungswahn, angst erfüllter Paranoia, rasender Eifersucht und jovialer Gastgeberei. Erzählt und begleitet von der sarkastisch-resignativen Elinor, souverän dargestellt von Joanna Lumley, kommt die Gegenposition mit der tolpatschigen Louella Parsons ein wenig slapstickartig daher, Jennifer Tilly muß hier erneut ihren vielgeübten schrägen Charakter darstellen, dessen spätere spitze Zunge man hier kaum vermuten würde. Für den sonst häufig so unterbeschäftigten Cary Elwes bietet Ince mal ein wenig darstellerische Abwechslung, aber auch hier mußte man inhaltlich sehr stark auf Spekulationen zurückgreifen.
Alles in allem natürlich verfilmtes Theater, ein Kostümstück mit Botschaft, keine sensationsheischende Giftspritzerei, aber Bogdanovich ist sehr gut darin, eben das zu verfilmen, was er am eigenen Leib erfahren mußte, als es bei ihm nicht mehr so lief und er den Blick für die Realität verlor. Einige Längen und ein paar Hänger im Tempo mit zu wenig genutzten Nebenfiguren muß man dafür allerdings in Kauf nehmen. "The Cat's Meow" führt zurück in die goldenen Zeiten des Starkults, wo es stets nur um Geld, Macht und Besitz ging, Auseinandersetzungen zwischen Leuten, die moralisch und seelisch viel kleiner waren, als sie sonst überall gehandelt wurden. Für die Wahrheit ist in einer solchen Gesellschaft letztendlich kein Platz, insofern ist der Film vielleicht auch so etwas wie das leicht bittere Fazit eines Regisseurs über die Gesellschaft, die ihn mal genährt hat. (7/10)