Review

Vorspann im Zeichentrickstil. Bunt. Auch die Erwachsenen mit kindlichem Gesicht gemalt; Anleihen beim Anime und Manga.
Von Sekunde Eins an viel Phantastik eingebunden.
„This Martial Arts film is dedicated to children." als Widmung, Vorzeichen und Warnung gleichermassen.

Erstlingsregisseur Dang Tak Cheung, der sich zuvor als eher übersehener Darsteller, Stuntman und Action Director verdient gemacht hat, hat sich mit Demon of the Lute offensichtlich einen Kindheitstraum erfüllt. Oder ist gerade selber Vater geworden und wollte für den Nachwuchs ein spezielles Projekt schaffen. Seine langgehegten Vorstellungen in ein Skript umwandeln und dann auch darüber wachen, dass die Gedanken und Ideen entsprechend umgesetzt werden. Dass wirklich ein Film für die Kinder dabei herauskommt. Und dabei im Gefolge von Der Drachentöter [ USA, 1981 ] und Der dunkle Kristall [ USA / GB, 1982 ] nicht vergessen, dass auch in den vermeintlich Reiferen noch ein infantiles Gemüt stecken könnte und die - auch wenn nur als Begleitung der Kleinen - ebenfalls unterhalten werden wollen.
Heraus kam dabei ein Werk, dass sicherlich nur eine spezielle Gruppe von Zuschauern ansprechen wird; dabei muss man auch beachten, dass man schon in einer gewissen Stimmung dafür sein muss und wohl eher nicht zu jedem Zeitpunkt Lust und Laune hat, sich auf diese Vision einzulassen. Tut man dies aber, so kann man trotz berechtigter Vorbehalte durchaus in diese Welt eintauchen und sich dann auch dabei amüsieren. Nicht immer auf die intellektuelle Art und Weise, aber das stand ja auch nicht zur Debatte.

Vom rein materiellen Inhalt her - Originalgeschichte von Ni Kuang - hat man das Gleiche wie sonst auch immer. Gut gegen Böse natürlich. Kampf um die Vorherrschaft in der jianghu; schon als Makro definiert.
Zwei Brüder haben sich in der Vergangenheit über die wirksamsten Waffen Laute, Pfeil und Bogen zerstritten und sich gegenseitig bis aufs Blut bekriegt.
Pfeil, Bogen und sein kleiner Sohn Yuan Fei wurden von dem Guten versteckt, die Laute von dem Bösen an sich genommen; beide mussten dann erstmal ihre Wunden auskurieren.
20 Jahre später ist das Böse wieder genesen; als „Demon of the Lute" tötet er mit seinen verschiedenen Schergen sowie der letalen Laute Jeden, der ihm in die Quere kommt.
Old Fairy [ Kwan Feng ] schickt deswegen seine Schülerin Feng Ling [ Kara Hui ] aus, um Hilfe zu suchen und das Unheil zu bekämpfen. Sie schnappt sich ihren ständig betrunkenen Bruder Old Naughty [ Yuen Tak ] und macht sich auf dem Weg zum „Holzfäller" [ Lung Tien Hsiang ] auf. Auf der Reise ins Labyrinth [ GB / USA, 1986 ] trifft sie den herangewachsenen Yuan Fei [ Chin Siu Ho ], einen Taschendieb und seinen jungen Sohn [ Phillip Kwok, Kei Gwong Hung ] und diverse andere Gestalten; die mal auf ihrer Seite stehen und mal nicht.
Und wenn sie nicht gestorben sind...

Das gesamte Geschehen ist nämlich wieder eindeutig einem Märchen zuzuordnen;
Einbildungskraft ist am grössten geschrieben. Es ist nicht wichtig, was man erzählt, sondern wie. Die eigentliche Handlung mehr als dünn, aber durch das drumherum zumindest in die Breite gehend; wenn schon eine Tiefe entfern der Reichweite liegt. Die Orte tragen malerische Namen wie „Red Cliff Lodge", „Green Water Fortress", „Skeleton Valley" und „Dragon Road"; die Figuren halten mit ihren Bezeichnungen „Roaming Hermit", „Red-Haired Evil", „Long Limb Evil", „Eagle Man", „Skinny Elf" und „Fatty Elf" durchaus mit.
Korrespondierend dazu die Optik; alles entspringt zwar einer gewissen Realität, wird aber durch Vergrösserung, Überzeichnung, Beimischung, Aggregation und Konglomeration in die Fantasy verschoben.
Als Folge dessen kann man die Geschichte und seine einzelnen Begebenheiten nachvollziehen, ist in der Produktion aber nicht durch bindende Regeln eingeschränkt. Man kann alles bringen, ohne sich zu fragen, ob der Zuschauer das jetzt noch abkauft und etwaige Dinge hinnimmt; aber muss sich nicht ausschweifend darum kümmern, ob er noch folgen kann. Sowieso ist dann erstaunlich, wie erfolgreich der Film werden kann, wenn man sich dem Gezeigten hingibt und seinen Kopf mal für 100min in diese spezielle Welt eintunkt. Dafür sorgen Einfalls- und Abwechslungsreichtum in der Ausführung der einzelnen Begebenheiten, sowie eine gewisse Art naivem Charme. Einige gelungene humroristische Einlagen und wirklich seltsame Einfälle beeinflussen das Publikum dahingehend, dass die Ballung an Schnapsideen und Geistesblitzen weder monoton noch auf andere Art langweilig wird.
„I'm still alive. That's weird. Oh, I was saved by a big bird's nest."

Die jeweiligen Episoden haben immer nur den Rahmen, dass Gestalten gleicher oder verschiedener Parteien aufeinandertreffen und sich irgendetwas daraus ergibt; entweder ein Schalk oder ein Kampf. Oft auch eine Mischung aus Beiden, da die komplette Angelegenheit trotz nicht zu vernachlässigendem bodycount natürlich nicht für voll und schon gar nicht ernstzunehmen ist. Also zeigt man zwar Tote, aber meist ist der Akt bereits im anonymen Off passiert. Wenn es mal direkt vor der Kamera vorkommt, fliesst auf Garantie kein Blut. Es wäre ja auch etwas fehl am Platze, wenn „Eagle Man" - ein Mann mit sichtlich angeklebten Flügeln und aufgestülptem Hut in Form eines Vogelkopfes - plötzlich anfängt, seine Feinde zu zerfleischen.
Stattdessen hat man strikt darauf geachtet, das Setting trotz der permanenten Fehden so wenig kontrovers wie nötig und so kindgerecht wie möglich zu halten; da laufen anfangs ständig süsse, winzige Tiere direkt aus dem Streichelzoo über die Bühnen und bekommt der kleine Mann im Cast auch fast die Hauptrolle zugeschanzt. Wer also mit Neunmalklugen und KinderKungFu nicht so viel anfangen kann, dürfte das Problem haben, dass seine Identifikationsfigur ihm gerade mal bis zur Hüfte reicht. Zum Glück ist er aber nicht zu oft im Bild; es lässt sich also mit etwas Stossseufzen aushalten.

Der grosse Rest gehört dann wieder der Crew von Ausstattung und Effekten; beide Einheiten stellen erneut die eigentlichen Filmemacher dar und werden nur von Regisseur Dang Tak Cheung als kreativem Kopf angeleitet.
Dabei beschreitet man einen schmalen Pfad zwischen pompös und billig, fulminant und fade, Innovation und Idiotie, Genie und Wahnsinn.
Auf jede gute Überlegung kommt sicherlich auch eine, die entweder wenig oder gar nichts hergibt; Manches ist sicherlich toll und versetzt sofort ins Staunen - und ins Grübeln, was das Team wohl bei den Dreharbeiten konsumiert hat - und wieder Anderes ist dann einfach nur plumpe Massenbefriedigung.
So ist die Dekoration der Landschaft eher recht schwach ausgefallen; hinter den vielversprechenden Namen verbirgt sich meistens nicht das Vorgestellte, sondern eine simple Butze. Wenn überhaupt. Die Kostüme sämtlicher Beteiligter sind viel zu bunt und tun besonders mit Zunahme der Laufzeit den Augen mehr weh als das sie ihnen schmeicheln; auch der Score mit seinen fortwährenden Anklägen desselben kitschigen Kinderliedes sowie öfters mal dem plötzlichen Anspielen von Glamrock schadet mehr als das er nutzt. [ Wahrscheinlich hätte man sich ebenso wie bei Chu Yuans blumigen wu xia pian The Enchantress einer Melodie bedienen sollen, die einfach John Carpenters minimalistische Elektrotunes nachahmt. Hat dort trotz der differenzierten Bilder gepasst und würde hier auch für bessere Stimmung sorgen. ]

Auf der Habenseite steht der unvermittelte Angriff einer leeren Kutsche, das gefährliche Auftauchen einer riesigen Discokugel sowie der völlig fehl am Platz erscheinende römische Streitwagen, der dazu noch von Schäferhunden statt Pferden gezogen wird. Auch dass die Dimensionen von Gebäuden und Waffen vollkommen unterschiedlich sind - eine Wassermühle ist gerademal mannshoch; die Axt dann monströs gross - sorgt für willkommene Bildkompositionen. Schön auch die Eingebung, das Geschehen fast vollständig in der Nacht spielen zu lassen; die Ummantelung der Schwärze sorgt sowohl für mehr mündigen Kontrast als auch für eine Abdämpfung der übrigen Farbenvielfalt.
Die nonstop Action kann sich auch soweit sehen lassen; riecht zwar alles sehr nach Plaste, Styropor, Blech und Drähten, aber wenigstens beherrscht jeder seinen Job.

Genau dies lässt sich dann auch für Dang sagen; bei der ersten Produktion gleich dermassen ranzuklotzen und dennoch für eine weitgehende gelungene Abmischung zu sorgen, erzeugt schon etwas Achtung. Mit der Zweitkarriere kam es dennoch nicht in Schwung; es folgte zwar noch Long Road to Gallantry im Jahr darauf, aber dann verschwand er fast komplett aus dem Filmbusiness. Auch der Zuschauer braucht erst einmal Erholungspause; ob der Film wirklich gut ist, muss dann eh Jemand wesentlich jüngeren Datums beantworten.

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