Isabella, eine junge Angestellte in einem Modehaus wird von einem Maskierten ermordet. Das Tagebuch der Toten, das ihre Kollegin Peggy findet, scheint einige aus dem Unternehmen zu stören, u.a. ihren kokainabhängigen Freund. Als auch Peggy ermordet aufgefunden wird, kristallisiert sich der wichtige Inhalt des kleinen Büchleins immer mehr heraus, während die Polizei ahnungslos an Sexualmorde glaubt. Nicht nur die Ermittler sind auf der falschen Spur, sondern auch recht gekonnt der Zuschauer, obwohl nach einer Stunde das Geheimnis um den Mörder bereits gelüftet wird. Das heisst allerdings nicht, dass damit schon die Überraschungen ausgingen in einem unterhaltsamen Drehbuch, welches diesen Krimi mit einer ganzen Reihe dezimierender Ereignisse versieht. Typisch für das mit "Blutige Seide" beginnende Zeitalter des filmischen Giallo sind die Prunkbauten und Prachtausstattungen, die den Betrachter, ähnlich den Schundromanvorlagen, in eine glanzvolle Welt der Schönen und der Reichen Roms führt. Mario Bava tut ein richtig gutes Kabinettstückchen mit diesem Klassiker des Genres auf, bei dem nicht nur der anspruchslose Mitratefaktor stimmt, sondern in erster Linie die Optik. Bavas berühmte Ausleuchtungstechnik in orange, blau und vereinzelt grün sorgt für eine ihm eigene, mystische Kulisse und Atmosphäre, die teilweise an alte Gothicklassiker erinnert. Kleine Details wie ein Geheimgang lassen seine Vorliebe dafür durchblicken, jedoch sind die Morde alles andere als Hammer-Studio-kompatibel. Hier kommt der Film zwar ohne die Blutbäder aus, die Dario Argento später inszenierte, doch der Eindruck ist für das Alter erstaunlich hart und ausgebreitet, denn der Mörder geht nicht gerade zimperlich mit seinen Opfern um, wenn die mit dem Tod ringen. Anderseits finden sich haufenweise gerade zu irreal anmutende Farbspiele aufgrund der Kulissen und wenn es passt auch inklusive der Models vor der Kamera. Vielleicht mag das heutzutage dem einen oder anderen nicht genug durchgehende Hochspannung sein, doch der filmisch interessierte Zuschauer bekommt mit "Blutige Seide" eine die italienischen Kollegen von Sergio Martino bis Dario Argento inspirierendes, wegweisendes und in sich stimmiges Genrehighlight geboten, in dem man sich an den schönen Bildern, die die Kamera gekonnt einfängt, noch heute laben kann. Mit späteren Gialli, die oftmals einen Hang zu Horrorfilmen haben, hat das noch relativ wenig zu tun, schön ist abschließend das dramatische Finale.
Fazit: Ein Schundroman-Krimi in visuell beeindruckender Suspense-Aufmachung. Ein wegweisender Klassiker für Argentofans und andere Ästheten. 7/10 Punkten