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Giallo bedeutet Gelb und bezieht sich damit auf die Farbe des Umschlages italienischer Schundliteratur. "Giallo" wurde zu einem eigenen Subgenre im Thriller und Horrorkontext. Obwohl schon früh erste kleine Ableger des Giallo produziert wurden, war es wohl Mario Bavas "Blutige Seide" der den Grundstein für dieses Genre, das noch weithin den italienischen Film, insbesondere die Filme Argentos, Martinos und streckenweise auch Fulcis beeinflussen sollte. Sicherlich, es gab zuvor schon Filme, die ziemliche Straightforward-Slasher waren, doch bei "Blutige Seide" gibt es entscheidende Unterschiede.

Bava kommt von der Kamera, ist weitesgehend als "visueller Regisseur" zu betrachten. Und so muss man sich ganz klar eingestehen, dass "Blutige Seide" auf der inhaltlichen Ebene deutliche Schwächen zu verzeichnen hat. So ist die Geschichte trotz der kurzen Laufzeit eher zäh und beliebig, und die Darsteller, bis auf Cameron Mitchell udn Eva Bartok, spielen eher bemüht als gekonnt. Die gnadenlose Stärke des Films liegt wie bereits erwähnt in seiner Optik. Rauschende Farben, barocke, ausladende Sets, die typischen, verschachtelten, in Studios aufgenommenen Außenaufnahmen - hier stimmt alles bis auf den letzten Milimeter. Bava dirigiert seine Kamera virtuos durch eine vielzahl überwältigender Bilder.

Bavas Inspiration lag anscheinend in Hitchcocks Psycho, der viele falsche Pfährten legte, und in der Mitte des Films einen brutalen, schlichtweg perfekt gefilmten Mord einsträute. Bava übertreibt Hitchcocks Konzept, und dreht also einen Film, der prinzipiell nichts anderes bietet als eine absolut schicke Abfolge ähnlich stilisierter Frauenmorde. Nebenbei ergibt sich der italienische Regisseur in Hitchcock'schen Suspense-Tricks (als Beispiel sei hier die Szene erwähnt, in der Greta mit ihrem Auto ins Verderben fährt, wir von der drohenden Gefahr wissen, sie aber immer wieder den Schlüssel fallen lässt, und das Auto nicht anspringen lassen kann). Bava lässt uns so ziemlich jeden Charakter des Films verdächtigen, und legt nach der finalen Auflösung natürlich das obligatorische "Twisted Ending" drauf.

Das herausragendste an "Blutige Seide" ist jedoch seine Farbgebung. Nicht nur, dass jedes einzelne Frame perfekt ausbalanciert zu sein scheint, die symbolische Kolorierung deren Schnittpunkt eindeutig die Farbe "Rot" darstellt, ist nicht nur absolut schön anzuschauen, sondern wird auch in einer Weise verwendet, wie sie ihrer Zeit voraus war. Während das Licht entweder gleißendes Licht oder schier "über-schwarzen" Schatten projiziert, gibt es immer wieder Momente extremen Rots. So ist ein häufig verwendetes Motif das knallige Telefon, zu erwähnen wären aber noch die Modefiguren oder das Tagebuch. In der Verwendung dieser auswuchernd künstlichen Farben erinnert der Film eher an moderne Pop art, als an einen sonst so altmodischen Giallo. Auch zu erwähnen wäre der Schauplatz des Grauens in diesem Film: Ein schillerndes Modehaus, eine Welt, in der Oberflächlichkeit Gesetz ist - eine allzu passende Referenz an den Film an sich.

Bavas Kamera bleibt bei all den schmackhaften Bildern und Farben immer sehr ruhig. Selbst wenn sie enorme Strecken zu überwinden hat, um von einem Ort zum anderen zu kommen, um die Handlung miteinander zu verknüpfen, dreht Bava ohne Schnitt weiter, und lässt in geduldiger Haltung all die schön beleuchteten Dekors abfotographieren. Dazu swingt die tolle Easy Listening Musik von Carlo Rustichelli, der einen tollen, exotischen Score für den Film entwarf.

"Blutige Seide" ist ein Vorreiter des Thrillergenres. Bavas unglaubliche bildliche Vorstellungskraft kreierte einen ungewöhnlichen Giallo mit einer Geschichte, die in einer so eindrucksvollen Optik eingebettet ist, dass sie sogar als störend empfunden werden kann. Sieht man von dem blamablen Overacting und der schwachen Story ab, hat man es hier mit einem zwar reißerischen aber nahe an optischem Perfektionismus heranreichenden, einflussreichenden, Genre-definierenden Giallo-Thriller zu tun.

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