Der 11. September 2001 war eine der schrecklichsten Terrorismus-Katastrophen in der modernen Geschichte - doch über das direkte menschliche Leid hinweg ist dieses Ereignis auch der Grund für zahlreiche nicht weniger schreckliche Reaktionen der US-Regierung. Im sogenannten „Krieg gegen den Terror" wurden demokratische und humanistische Grundsteine fortgespült und Tür und Tor für Folter, völkerrechtswidrige Kriege und Menschenrechtsverbrechen geöffnet.
Genau diese Problematik thematisiert der kleine, aber feine Thriller „Unthinkable" mit „Matrix"-Star Carrie-Anne Moss und Schauspiel-Multitalent Samuel L. Jackson: Ein radikalisierter US-Bürger versteckt in drei Großstädten der USA Atombomben und fordert das Ende der amerikanischen Kriege im Nahen Osten. Um aus ihm herauszubekommen, wo die Bomben versteckt sind, sind Militär und CIA zu jedem noch so brutalen Mittel bereit.
„Unthinkable" spielt in Form eines „Was-wäre-wenn"-Gedankenexperiments die komplexen moralischen Folgen des „Kriegs gegen den Terror" und der damit verbundenen Gesetzesinitiativen durch. Die konkrete moralische Frage, die hier auf grausame Weise abgehandelt wird, lautet: Wie weit darf man gehen, um das Leben zahlreicher Menschen zu retten? Ist das Leid eines Einzelnen oder einiger Weniger gerechtfertigt, um das Leid Vieler zu verhindern? Dies geschieht allerdings nicht als trockener ethischer Essay, sondern in Form eines rasanten, brutalen Thrillers. Moss überzeugt dabei als FBI-Agentin, die trotz ihres harten Jobs noch klare moralische Prinzipien hat, diese jedoch angesichts der extremen Bedrohung immer weiter schwinden sieht. Einsames Zentrum bleibt aber Jackson: Er brilliert als abgrundtief zynischer Folterknecht, der seiner entsetzlichen Aufgabe mit der stoischen Ruhe eines Fließbandarbeiters nachgeht. Zwischen Elektroschocks, herausgerissenen Fingernägeln und Waterboarding lässt er sich von seiner Ehefrau Essen bringen und chattet mit seinen Kindern. Die kaltschnäuzige Selbstverständlichkeit, mit der er diese unglaublichen Extreme verbindet, macht ihn zu einer enorm faszinierenden, aber ebenso abstoßenden Figur.
Und trotzdem behält er Recht, wenn er die eigentliche Schuld von sich weist: Die rangoberen Generäle, die jede seiner neuen Eskalationsstufen mit Abscheu und Ekel kommentieren, bleiben trotz aller Bedenken dabei, ihn seinen Job ausführen zu lassen - zum Wohle der Nation. Hier wird die Scheinheiligkeit der USA radikal deutlich, die sich als moralische Weltanführer aufspielen, aber mit grausamsten Methoden und ohne Rücksicht auf Verluste ihre vermeintlichen Interessen und Rechte durchsetzen. Ein zynischer Kommentar zur widerlichen, menschenverachtenden US-Politik, der sich vor allem in Moss' Figur materialisiert, die jede weitere Folter strikt ablehnt, auf das Angebot, mit der Folter aufzuhören, der nicht gefundenen Bomben wegen aber nicht reagiert.
Diese moralische Dilemmasituation packt von Anfang bis zum drastischen Ende, überzeugt mit klugen Gedanken und vor allem der eigenen Zurückhaltung in Bezug auf die Entscheidung, ob diese Methoden nun angebracht sind oder nicht, kritisiert lediglich die moralische Überlegenheitshaltung einer Regierung, die keinesfalls überlegen ist. Das alles wird in schnell geschnittenen Bildern, klinisch unterkühlten Settings und teils blutigen Bildern inszeniert (obwohl die eigentlichen Folterexzesse größtenteils nur angedeutet werden). Mit einem treibenden Soundtrack und einigen krassen Storywendungen unterhält „Unthinkable" durchgehend und setzt zugleich ein Statement gegen ethische Verrohung und politische Doppelmoral. Eine fesselnde, fiebrige, oft abstoßende, aber ungemein kluge Thriller-Perle!