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Die mit außergewöhnlich viel Talent beschlagene, italienische Regiegröße Antonio Margheriti („Jäger der Apokalypse“, „Geheimcode: Wildgänse“) konnte bekanntlich nahezu jedes Genre inszenieren, das sich als Modeerscheinung gerade durchsetzte. Sein universelles Talent half ihm folgerichtig dabei, sich den jeweiligen Trends des italienischen Films bis Ende der Achtziger anzupassen. Natürlich führte auch für ihn kein Weg am Italowestern vorbei, obwohl er dort nicht ganz so häufig in Erscheinung trat. „Satan der Rache“ offenbart sich unter Beiträgen wie „Fünf blutige Stricke oder „Kung Fu im Wilden Westen“ mit Abstand als sein bester. Ich würde sogar sagen, einen besseren Film hat Margheriti nie abgeliefert.

Das traditionell zum Leitmotiv auserkorene Rachemotiv schlüsselt er zwar nicht neu auf, sondern hält sich ganz im Gegenteil an geltende Konventionen, aber er präsentiert es so ungewohnt auf Atmosphäre bedacht, dass „Satan der Rache“ seinen verdienten Platz unter den besten Italowestern weg hat.

Vielleicht ist es gerade Klaus Kinski, der hier ausnahmsweise gegen sein Image als Bad Guy besetzt wurde, der Margheritis Regie den letzten Feinschliff verpasst und ihn zu so einer ungewöhnlich intensiven Erfahrung erhebt, die sich deutlich von ähnlich gestalteten Stoffen abgrenzt. Kinski, der sich hier schwer zusammenreißt, wortkarg und auf eine meistens beachtlich introvertierte Weise den zu unrecht verurteilten Gary Hamilton spielt, findet sich in dieser für ihn untypischen Position denkbar gut zurecht. Er kreiert einen Charakter, der gefährlich ruhig und souverän seine Rache in jedem Detail zu genießen scheint und die Zuschauersympathien damit auf Distanz hält. So sehr dieser Hamilton auch im Recht zu sein scheint, seine Taten mag niemand wirklich gut heißen und Sympathien hat man für ihn mal gar nicht übrig.

Margheriti spickt seine Inszenierung mit versteckter und offensichtlicher Metaphorik und zelebriert vor allem eine unheimliche Atmosphäre. Die Integration von Gruselelementen mit religiöser Symbolik verhelfen „Satan der Rache“ dabei zu einer einzigartigen Stimmung und bieten eine ideale Bühne für Klaus Kinski, der heimkehrt um über die zu richten und sich an denen zu rächen, die ihm von seiner Frau bis zu seinem Besitztum alles nahmen. Martialisch fasst es der Trailer so zusammen:
„Da liegen sie richtig. Ich habe das Zuchthaus im Blut. 10 Jahre im Steinbruch – Da meißelt sich jeder Schlag mit der Spitzhacke ins Hirn. Jeder Tropfen Schweiß brennt für ewig auf der Haut. Brennt und brennt und das Gefühl der Rache wird größer und größer. 10 Jahre, 10 unendliche Jahre und die Rache wartet darauf freigelassen zu werden. Und jetzt ist sie frei und hat zum ersten Mal zugeschlagen. Jim ist tot und seine Brüder werden wie er sterben. Ob es das Gesetz erlaubt oder nicht, ich werde meine Rechnung nach 10 Jahren präsentieren und diese Rechnung kassieren. Ich habe im Steinbruch genau Buch geführt. Was jetzt kommt, ist nur noch die Bilanz. Bilanz für jeden Monat meines Lebens, den ich bei mir abgebucht habe.“
Ungewohnt introvertiert und still spielt Kinski mit entschlossen funkelnden Augen diesen von Rachegelüsten beseelten Mann, der nichts mehr zu verlieren hat und deswegen in der Wahl seiner Mittel unberechenbar agiert.

Die 10 Jahre, die er im Arbeitslager Steine klopfte, haben nur seine Entschlossenheit potenziert, es irgendwann jenen heimzuzahlen, die ihm den Überfall eines Geldtransporters mit vielen Toten untergeschoben hatten. Seine plötzliche Begnadigung trifft ihn deswegen nicht unvorbereitet und so besteigt er seelenruhig die nächste Postkutsche, um zur Tat zu schreiten.
Das drohende Unheil kündigt er seinem Peiniger Acombar (hier auch Co-Produzent: Peter Carsten, „Dracula im Schloß des Schreckens“, „The Squeeze“) per Boten an. Dessen unwissendem Sohn Dick (Antonio Cantafora, „Black Killer“, „Drei Spaghetti in Shanghai“), ein aufstrebender Offizier, der die kriminelle Seite seines Vaters nie erkannt hat weil der sie vor ihm verbirgt, hinterlässt er die Feldflasche mit seinem Insignien und kündigt an abends als alter Freund zu Besuch zu kommen.

Acombar bestätigt als wohlhabender Großgrundbesitzer, der die Mittelschicht um sich herum nach Kräften auspresst, das klassische Italowesternmotiv der herrschenden Oberschicht, die ihren Status auf dem Rücken des einfachen Mannes genießt, dabei aber den Schein zu wahren weiß. Für seinen Sohn plant er eine großartige Politkarriere und freut sich euphorisch über seinen Besuch, bis der ihm die Nachricht und die Flasche überreicht. Daraus soll sich in der Nebensache ein ziemlich interessanter Vater – Sohn – Konflikt entwickeln. Die Aufdeckung der unstillbaren Habgier des Vaters und die folgenschwere Enttäuschung des erstaunten Sohnes, der jede Achtung vor seinem Vater verliert, münden am Ende nämlich in einer Familientragödie.

Doch zuerst ziehen dunkle Wolken am Horizont auf und zwar in doppelter Hinsicht. Antonio Margheritis versierter Umgang mit eindeutiger Symbolik verknüpft sich mit der forsch voranschreitenden Geschichte, die nur ganz minimale Umwege geht. Sei es um Gary Hamilton beispielsweise eine Waffe und ein Pferd zu besorgen, die Abschweifungen sind jedes Mal kurz gehalten. Und so dauert es auch nicht lang, bis Kinski endlich an der Stadt auftaucht, wo man schon auf ihn wartet. Acombar hat seine Männer ausgesandt und ein Kopfgeld ausgesetzt, um sich seine Nemesis vom Leib zu halten.

Regisseur Antonio Margheriti dreht ab diesen Moment richtig auf und wächst über sich hinaus, indem er den unheimlichen Klaus Kinski weitaus effektiver stilisiert, als man dies für möglich hält. Wohlgemerkt bekleidet das Enfant Terrible hier den Rächer, also normalerweise die einzig positive Figur mit allerhöchstens unmoralischen Zügen. Margheriti hingegen umgibt ihn mit einer teuflischen Aura, als wäre er wirklich der Leibhaftige.
In der wohl genialsten Szene des Films blickt Kinski, nur als schwarzer Schatten zu erkennen, auf die Stadt herab, während hinter ihm die Sonne untergeht und der sich ankündigende Tornado zusammen mit ihm in die Stadt einfällt. Im Schutz des Unwetters überlistet er seine Häscher, die in ihrem Hinterhalt den Überblick verlieren.

Infolge zelebriert Margheriti eine unvergleichliche Atmosphäre, die den Italowestern mit der beklemmenden Stimmung eines Horrorfilms ergänzt. Die undurchdringliche Schwärze der Nacht, das laute Heulen des Windes, der aufgewirbelte Staub, die Katakomben der indianischen Kultstätte unter der Stadt und die Unübersichtlichkeit der Gebäude bilden dabei eine ideale Kulisse für den Rächer, der sich seine Gegner oder in kleinen Gruppen einzeln vornimmt. Wie ein übernatürlicher Geist taucht Hamilton plötzlich aus dem Schatten auf, verschwindet wieder, hinterlässt Leichen und taucht genauso schnell an einem anderen Ort auf, um erneut zuzuschlagen. Er dezimiert seine Gegner auf durchaus grausame Weise (Stichwort: Kirchenglocke!) und arbeitet sich kontinuierlich bis zu Acombars Villa vor. Als packend und extrem spannend beschreibt man dieses tödliche Treiben Klaus Kinskis wohl am besten.
Er offenbart sich inmitten seines Feldzugs zwar den Stadtbewohnern, die ihm durchaus wohl gesonnen sind und ihn unterstützen, muss dabei aber auch mit ansehen, wie Unschuldige sterben, weil Acombars Angst in Wut umschlägt. Die Nervosität seiner Jäger spielt ihm dabei natürlich nur zu und so kann er Exempel statuieren, sein Werk auf makabere Art und Weise präsentieren und seine Entschlossenheit unterstreichen.

Neben den durchkomponierten Bildern und der einfallsreichen Kamera fällt dabei vor allem die Soundkulisse positiv auf. Neben Toneffekten (u.a. heulender Wind, klappernde Fenster, schlagende Kirchenglocke) steuert Margheritis langjähriger Komponist Carlo Savina (13 Zusammenarbeiten) einen sehr eindringlichen, bedrohlichen Score bei, der mit einem mitreißenden Titelsong ergänzt wird. Don Powells „Rock, Blood and Sand” geht ab der ersten Minute durch Mark und Bein. Daraus resultiert eine omnipräsente Ungemütlichkeit, die das Publikum gleich fesselt und förmlich mit in das Geschehen hineinsaugt.

Nach allen Regeln der Kunst spitzt Margheriti die ernste Situation kontinuierlich zu, häuft die tödlichen Momente an und ordnet jedem Gegner seinen letzten Auftritt zu. Die Nerven liegen blank, Acombars Männer schießen sich versehentlich selbst über den Haufen, Dick erfährt von Hamilton die Wahrheit und konfrontiert seinen Vater damit, nachdem dieser schon überreagiert und sein zweites Gesicht zeigt, als er die verklemmte Feier am Abend (Die Schüsse in der Stadt sind deutlich zu vernehmen!) verlässt und die trügerische Familienidylle endgültig eingerissen wird. Hamilton kostet dabei natürlich jede Sekunde seiner süßen Rache aus und erreicht schließlich auf die Villa, wo das Finale in einem brennenden Saal voller Spiegel verlegt wird. Dort fährt Margheriti auch noch einmal ein paar seiner visuellen Tricks auf, wenn sich die beiden Feinde zwischen den Flammen gegenüber stehen.


Fazit:
Die erste Zusammenarbeit von Antonio Margheriti und Klaus Kinski erweist sich als erstklassiger Italowestern mit einer ungeheuer fesselnden Atmosphäre und einem effektiv ausgereizten Spannungsbogen. Das hohe Tempo der sehr direkt erzählten Geschichte, die, so ehrlich muss man sein, inhaltlich nur bewährte Elemente rekapituliert, kulminieren zusammen mit der versierten Inszenierung zu einem unwahrscheinlich düsteren Film, der mit seiner beklemmenden Stimmung den Zuschauer in seinen Bann zieht. Die vielen doppeldeutigen Anspielungen, ein zwar untypisch besetzter aber nichtsdestotrotz charismatischer Klaus Kinski komplettieren „Satan der Rache“. Hart, spannend, atmosphärisch, düster – besser kann ein Italowestern kaum sein.

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