George Clooney spielt einen Mitarbeiter einer Consulting-Firma, der tagtäglich quer durch die USA reist, um Mitarbeiter anderer Unternehmen mitzuteilen, dass sie entlassen sind, wenn die entsprechenden Vorgesetzten die schlechte Botschaft nicht selbst überbringen wollen. Dabei sammelt er eifrig Meilen auf seinem Konto, mit dem Ziel, 10 Millionen zu erreichen, während für ihn ein beständiges Leben in einem eigenen Haus, im Familien- und Freundeskreis überhaupt nicht in Frage kommt. Doch dann kommt sein bisheriger Lebensstil ins wanken, als er sich in eine andere Viel-Fliegerin, gespielt von Vera Farmiga, verliebt und eine Partnerin, gespielt von Anna Kendrick, zur Seite gestellt bekommt.
Geht man mal die größten Neuentdeckungen unter den Regisseuren der letzten zehn Jahre durch, so fällt neben Namen wie Christopher Nolan oder Darren Aronofsky auch der von Jason Reitman, der mit "Thank you for Smoking" eine der bissigsten und amüsantesten Satiren der letzten Jahre ablieferte, woraufhin er in seinem Teenie-Drama "Juno" zumindest punktuell sein Talent aufblitzen lies, weswegen er mit einer Oscar-Nominierung bedacht wurde. Und auch mit "Up in the Air" beweist Reitman aufs Neue, über welche Möglichkeiten er als Autor und Regisseur verfügt.
So ist "Up in the Air" allein narrativ ein echtes Highlight. Immer wieder baut Reitman beinahe beiläufig zahlreiche Gags ein, die größtenteils zünden, nie plump, unbeholfen oder peinlich sind und platziert diese hervorragend, ohne dabei seine Geschichte aus den Augen zu verlieren. Die geschliffenen Dialoge amüsieren immer wieder aufs neue, die zynischen, ironischen und hintergründigen Kommentare und Untertöne zu ernsten Themen, zur Wirtschaftskrise, zu den Lebensphilosophien der Figuren, erinnern durchaus an Meisterwerke von Woody Allen oder Rob Reiners "Harry und Sally", verkommen aber, anders als bei "Thank you for Smoking", nicht zum Selbstzweck. So verliert sich Reitman nicht in seinen Dialogen und belässt den Fokus bei der Geschichte, die er zu erzählen hat. Zügig, locker, sympathisch und dramaturgisch extrem stringent spult er den Plot ab, lässt trotz der zahlreichen Ortswechsel keine dramaturgischen Brüche oder Längen aufkommen und wirkt dabei zu keinem Zeitpunkt überhastet oder überfordert. Wäre noch zu erwähnen, dass Reitman sowohl beim mitunter recht schnellen Schnitt, als auch im Hinblick auf den versiert gewählten Soundtrack ebenfalls makellose Arbeit leistet.
Und die Geschichte hat es ebenfalls in sich. Trotz der zahlreichen zynischen Kommentare rund um das Entlassen von Angestellten, ist "Up in the Air" doch vor allem eines: Ein Appell an die Menschlichkeit, der ganz klar auch auf die Wirtschaftskrise abzielt, aber zu keinem Zeitpunkt billig, aufgesetzt oder verbraucht wirkt. Dabei steht besonders die Lebensphilosophie des Protagonisten im Vordergrund, der alles, was einen Menschen an einem bestimmten Punkt hält, wie die Familie, Freunde, ein Heim, oder Besitz, als Ballast empfindet und im Reisen, im Sammeln von Meilen so etwas wie Selbstverwirklichung findet, weswegen es ihm auch relativ egal ist, dass er dafür Menschen entlassen muss.
Doch dann treten immer mehr Menschen in sein Leben, die seine bisherige Philosophie ins Wanken bringen. Die Frau, in die er sich verliebt und mit der er sich zunehmend ein gemeinsames Leben vorstellen könnte, seine neue Begleiterin, die gern ein familiäres Leben mit einem Ehemann und eigenen Kindern hätte und natürlich seine Familie, die mit ihm mehr Kontakt als gewöhnlich hält, da seine Schwester in naher Zukunft heiraten wird. Der Wandel des Meilensammlers, der immer mehr an seinem bisherigen Leben in Isolation zu zweifeln beginnt, wird zwar sehr emotional, aber nie mit aufgesetzter Emotionalität oder überproportionierten Gefühlsregungen vermittelt, entfaltet eine sehr eindringliche Wirkung, wobei er immer mehr Untertöne anschlägt, die durchaus ernst sind und auch den Zuschauer durchaus zum Nachdenken anregen, was in Zeiten der Wirtschaftskrise eigentlich noch human ist und, was ihm im Leben wirklich wichtig ist. Hier leistet Reitman mit seinem Film mehr, als andere Regisseure mit dutzenden.
Zum Ende hin scheint sich "Up in the Air" in einer zugegebenermaßen mitreißenden, aber auch ein wenig verkitscht wirkenden Romanze zu verlieren, kriegt mit seinem finalen Twist, der sehr überraschend daherkommt, aber noch einmal die Kurve und endet damit letztlich konsequent, auch wenn es dem einen oder anderen Clooney-Fan sauer aufstoßen wird, dass der durchaus authentisch und realistisch wirkende Film kein märchenhaftes Ende hat.
Gerade wegen der gelungenen Dialoge und der vielschichtigen Charakterkonstruktion ergibt sich in Reitmans Tragikomödie auch für die Darsteller Raum zu glänzen. Allen voran zeigt sich George Clooney in bester Spiellaune und ist gewohnt sympathisch und charmant, sodass man den anfangs recht unsympathisch konstruierten Protagonisten als doch recht liebenswerten Anti-Helden durchaus ernst nehmen kann und seinem Schicksal nicht unbeteiligt gegenüber steht. Dabei bringt er seine zynischen Gags wie schon in "Three Kings" beinahe beiläufig und damit voll überzeugend ein, zeigt darstellerisch eine absolut makellose Leistung und ordnet sich der Story insofern unter, dass er auch seinen Kollegen die Möglichkeit lässt, sich zu empfehlen. Und die nutzt besonders Anna Kendrick in hervorragender Weise. Die junge, aufstrebende Darstellerin, die nach "Twilight" und "New Moon" hier erstmals die Chance geboten bekommt, sich zu empfehlen, spielt die anfangs souverän auftretende, recht unmenschlich wirkende, scheinbare Karrierefrau herrlich unsympathisch, um ihr dann ungeahnte Tiefe zu entlocken, wobei sie besonders in den emotionalen Momenten eine hervorragende Figur macht, während Vera Farmiga von Anfang an überzeugt und nicht minder sympathisch wie Clooney auftritt. Darüber hinaus sind unter Anderem Jason Bateman, Sam Elliott, J.K. Simmons und Zach Galifianakis in Nebenrollen zu sehen.
Fazit:
"Up in the Air" überzeugt durch seine hervorragende Charakterkonstruktion und seinen Bezug zur Wirtschaftskrise auf ganzer Linie, wobei er darstellerisch wie inszenatorisch nahezu perfekt gelingt. Unterhaltsam ist das Ganze mit seinen geschliffenen Dialogen, einigen amüsanten Stellen und seinem flüssigen Erzähltempo darüber hinaus ebenfalls, sodass Reitmans Film jedem ans Herz gelegt sei, der eine hintergründige Satire/Tragikomödie sehen will, die praktisch aus den besten Zeiten von Woody Allen stammen könnte.
90%