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"Fly and fire"

Es gibt sie also doch noch. Hollywood-Filme die zugleich bewegen, berühren, zum Lachen und zum Nachdenken anregen. Filme, die einen noch lange Zeit nach dem Kinobesuch sowohl gedanklich, wie auch emotional beschäftigen. Inmitten all der seelenlosen Effektspektakel, CGI-Schlachten, glatt gebügelten Familien- und Liebeskomödien funkeln solche Filme umso heller und machen deutlich, wozu die oft gescholtene Traumfabrik abseits rein Gewinnorientierter Massenkonfektionsware fähig ist, wenn die richtigen Leute vor und hinter der Kamera aufeinander treffen.
Up in the air ist ein solcher Beweis, dass Hollywood nach wie vor zu Glanzleistungen fähig ist, ohne ein Mammutbudget für tricktechnische Wunderdinge zu verpulvern. Der 32-jährige Jungregisseur Jason Reitmann benötigte dazu „nur" ein (von ihm selbst verfasstes) geniales Drehbuch sowie ein phantastisches Hauptdarstellertrio.

George Clooney ist Ryan Bingham. Ein Kündigungsexperte der besonderen Art. Im Auftrag seiner Firma reist er ganzjährig kreuz und quer durch die USA um das zu tun, wozu Chefs, Abteilungsleiter oder Personalbeamte zu feige sind: ihre Mitarbeiter zu feuern. Eiskalt, präzise und effizient verkauft er den Verzweifelten psychologisch geschickt ihren Rausschmiss als Chance auf einen Neubeginn. Das klappt nicht immer so reibungslos, aber Ryan ist nicht lange genug vor Ort, um den längerfristigen Erfolg seiner Masche überprüfen zu können. Nicht, dass er das wollte. „Wir treffen die Menschen in ihren zerbrechlichsten Augenblicken und können nichts weiter tun als ihnen den Weg ans rettende Ufer zu zeigen. Dann schmeißen wir sie ins Wasser und überlassen sie den Fluten." Ryan ist ein Zyniker, aber ein Zyniker mit Charme und Herz. Er hat durchaus Mitgefühl für seine „Klienten", wenn auch nur in den kurzen Momenten ihres Zusammenseins. Er verliert nie die Fassung und bleibt stets höflich. Ein Meister des sanften, aber bestimmten Rausschmisses.

Dass Ryan seinen Job liebt, liegt aber nicht nur an seiner perfektionierten Kündigungsmasche, sondern vor allem an dem Reisen an sich. „Letztes Jahr war ich 322 Tage unterwegs - und 43 schreckliche Tage zu Hause." Im Flieger, am Flughafen oder im Hotel ist Ryan glücklich. Die immer gleichen Rituale beim Check-in geben ihm das wohlige Gefühl von Heimat. Bindungen jedweder Art verabscheut er. In seiner spärlichen Freizeit hält er bestens besuchte Selbsthilfeseminare, bei denen er den andächtig lauschenden Geschäftsleuten die Schwere des Lebens-Rucksacks verdeutlicht. Besitz, Freunde und Familie empfindet er als überflüssigen Ballast. Sein Lebensziel ist das Erreichen von 10 Millionen Flugmeilen. Eine Leistung, die erst sechs American Airlines-Kunden vor ihm geschafft haben.
Als er in einer Hotelbar die Geschäftsfrau Alex (Vera Farmiga) kennen lernt, scheint er einer Partnerin im Geiste begegnet zu sein. Wie er liebt sie ihre Unabhängigkeit und Unverbindlichkeit. „Ich bin wie du, nur mit Vagina", eröffnet sie dann auch dem verdutzten Bingham. Auch seinem Executive-Status an Hotel- und Flughafenschaltern lässt sie die angemessene Würdigung zu Teil werden. In einer der witzigsten Szenen des Films vergleichen beide ihre Stapel von Bonuskarten. Bei so vielen Gemeinsamkeiten wäre es geradezu ein Frevel, es bei einem One-Night-Stand zu belassen. Also checken sie per Laptop ihre Reiserouten, um mögliche Überschneidungen in den voll gestopften Terminplänen für weitere Stelldicheins zu nutzen.

Dieses berufliche wie private Dauerglück erfährt einen empfindlichen Dämpfer, als die frisch vom College weg verpflichtete Natalie (Anna Kendrick) mit einem Plan zur Optimierung der Arbeitsabläufe bei Ryans Chef (Jason Bateman) auf unerwartete Begeisterung stößt. Man könne 80 % an Kosten einsparen, wenn man die Leute per Videobotschaft feuern würde. Keine teuren Flüge, Hotel- und Spesenrechnungen mehr. Alles kann vom Schreibtisch aus am Firmensitz in Omaha (Nebraska) erledigt werden. Für den passionierten Vielflieger Ryan natürlich ein Horrorszenario.
Da Natalie über keinerlei Erfahrungen im Entlassen verfügt, soll sie den alten Hasen Ryan für eine Weile begleiten, um die hohe Kunst des Rausschmiss quasi von der Pike auf zu lernen. Bingham ist natürlich alles andere als angetan, da er nun seine perfektionierte Reiseroutine durch eine lästige Begleitung gestört sieht, deren Pläne noch dazu den Fortbestand seines beruflichen Glücks ernsthaft gefährden. Es gehört zu den vielen ironischen Zwischentönen des Films, dass beide, trotz anfänglicher Abneigung, durch das Kennen lernen der Philosophie des jeweils anderen die eigene zu hinterfragen beginnen.

Wer jetzt glaubt zu wissen in welche Richtung sich die Handlung bewegt, wird im Schlussakt garantiert eines Besseren belehrt werden. Jason Reitman begeht glücklicherweise nicht den Fehler, in die typische Hollywood-Wohlfühl-Falle zu tappen. Das Leben hält immer wieder Überraschungen bereit. Gerade für Leute wie Ryan Bingham, die so organisiert sind, dass selbst das kleinste Detail durch exakte Voraus-Planung berechenbar scheint, ist diese Erkenntnis besonders schmerzhaft.

George Clooney - einer der ganzen wenigen aktuellen Filmstars die etwas vom Glanz des alten Hollywood verströmen - hat mit Ryan Bingham die Rolle seines Lebens gefunden. Der selbst als eher bindungsscheu geltende Clooney verfügt über den fast schon aufreizend lässigen Charme eines Mannes, der vollständig mit sich im Reinen ist. Trotz seines Bekanntheitsgrades wirkt er stets freundlich, Allürenfrei und entwaffnend unkompliziert. Den häufig kolportierten Vergleich mit Cary Grant hört er gar nicht gerne. Obgleich als Kompliment gedacht, sei dies unfair Grant gegenüber.
Mit dieser Mischung aus nonchalanter Bescheidenheit und geerdetem Selbstbewusstsein spielt er auch den Entlassungsprofi Bingham. Lässig, präzise und routiniert fertigt er die vom Schicksal Gebeutelten ab. Das macht er so charmant und souverän, dass man den eiskalten Wirtschafts-Auftragskiller trotz einer Reihe gepfefferter Zynismen einfach sympathisch finden muss. Clooney war bisher nie so auf den Punkt wie hier. Der zweite Oscar ist damit definitiv in greifbare Nähe gerückt.

Up in the air ist endlich mal wieder ein Film, der sich nicht in ein Genre-Schema pressen lässt. Für eine Komödie ist er zu ernst, für ein Drama zu beschwingt und für eine Satire zu real. Leise, zarte Töne wechseln mit brillant geschriebenen, pointiert-zynischen Dialogen. Auch in den ergreifendsten Momenten ist nicht einmal der Hauch von Kitsch zu spüren. Der Film kann ebenso als bissiger Kommentar zu den Auswirkungen der aktuellen Wirtschaftskrise, wie auch als Demaskierung des eben nur oberflächlich erfolgreichen Business-Lifestyles gesehen werden.
Trotz beißender Ironie und geschliffenem Wortwitz setzt Regisseur Reitman auch auf Glaubwürdigkeit. Für zahlreiche der stattfindenden Entlassungsgespräche wurden real Gefeuerte engagiert. Das beschert dem Film bei all seiner Luftigkeit immer wieder zutiefst erschütternde Momentaufnahmen menschlicher Schicksale. Man beginnt zu begreifen, warum Ryan das Reisen so liebt. Es funktioniert ja auch für uns normale, Rucksackbepackte Menschen ganz gut als Alltagsflucht.

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