In Zeiten der immer noch anhaltenden Finanzkrise ist Kapitalismuskritik oftmals einem Balanceakt gleichzusetzen, der zwischen haarscharfem Zynismus und blanker Satire pendelt, um nicht Vertreter des einen oder anderen Publikums knallhart vor den Kopf zu stoßen.
Als frisch Gekündigter möchte man gewiss nichts von „der Krise als Chance“ hören und als Arbeitnehmer, der seinen Job nicht dauerhaft als sicher einstufen kann, ist wohl kaum etwas erniedrigender, als nicht vom Chef persönlich gekündigt zu werden.
Dennoch gelingt es Regisseur und Autor Jason Reitman, diese Punkte weitgehend zu umschiffen, in dem er sich auf seinen Antihelden und die wesentlichen Werte des Daseins konzentriert: Manchmal ist ein krisensicherer Job auch nicht alles im Leben…
George Clooney stellt den Inbegriff des smarten Kündigungsspezialisten Ryan Bingham dar. An 320 Tagen im Jahr umkreist er die USA, um im Auftrag der jeweiligen Chefs Mitarbeiter zu entlassen. Sein Ziel: Als siebter Mensch überhaupt zehn Millionen Flugmeilen zu sammeln.
Als er zur Vielfliegerin Alex (Vera Farmiga) eine scheinbar unverbindliche Beziehung aufbaut und durch die Hochzeit seiner Schwester zur „Flugpause“ gezwungen wird, scheint es mit der Leichtigkeit des selbstbewussten Einzelgängerdaseins dahin…
Tatsächlich gelingt Reitman eine sauber getimte Melange aus Komödie und nachdenklich stimmenden Nuancen. Sein Bingham ist ein Zyniker, der aufgrund mangelnder Bindungen und fehlendem sozialen Netz verlernt hat, sich selbst zu analysieren, denn dies gelingt ihm ausschließlich bei seinen Klienten oder den Zuhörern seiner Seminare, in denen er von Rucksäcken mit viel Ballast spricht, die ein jeder im Verlauf seines Lebens auf seinem Rücken trägt.
Entsprechend leichtfüßig, fast mechanisch und mit minimalem Gepäck passiert er die Airports jeglicher Zwischenstopps, erklärt der jungen, völlig unerfahrenen Kollegin Natalie (Anna Kendrick) die Vorteile des störungsfreien Checks und weiß auch innerhalb der Annäherung zu Alex zu punkten, denn Schlagfertigkeit gehört schließlich zu seinem Job.
Dass all dies nur eine charismatische Hülle darstellt, spürt der Betrachter natürlich weit im Vorfeld, denn die Hauptfigur ohne Zuhause steht im deutlichen Kontrast zur anstehenden Hochzeit seiner Schwester, der oftmals naiv, aber nicht ohne Emotionen herangehenden Kollegin Natalie und den vielen Betroffenen (größtenteils Laiendarsteller, die tatsächlich gerade gekündigt wurden), denen er die Hiobsbotschaft überbringt.
Bingham ist ein Abschirmer und jeder von uns kennt solche Leute: Gutaussehend, augenscheinlich erfolgreich, doch keine Beziehung hält länger als ein paar Wochen.
Entsprechend muss diese Figur eine Entwicklung durchleben, die im Gesamtkontext zwar ein wenig konstruiert erscheint, aber auch nicht von Sentimentalitäten umgeben ist, was dem Tenor der Geschichte durchaus das Genick hätte brechen können.
Auf den Boden der Tatsachen wird Bingham ergo nicht unweigerlich landen, denn letztlich könnte man den Filmtitel auch mit „Über den Wolken“ übersetzen, wo die Freiheit bekanntlich wohl grenzenlos sein muss.
Die ganz große Nummer gelingt „Up in the Air“ also am Ende nicht, denn trotz herausragender Besetzung und einer latent anhaltenden Wohlfühlatmosphäre, können der zündende Dialogwitz und das präzise Handwerk nicht gänzlich kaschieren, dass einer der Kernaussagen die Konsequenz fehlt:
Verliere ich meinen Job, fängt mich meine Familie auf, doch kann ich für dessen Wohlergehen auch ohne geregeltes Einkommen garantieren?
Auf der anderen Seite bindet der Stoff seine Hauptfigur so sympathisch ein, dass man ihr zu keiner Zeit etwas Niederträchtiges wünscht und dessen Werdegang gleichermaßen mit hohem Interesse verfolgt, - was ohne der charismatischen Präsenz eines George Clooney wohl nicht funktioniert hätte…
8 von 10