Nach „Thank You for Smoking“ und „Juno“ serviert Jason Reitman mit „Up in the Air“ seinen dritten Film nach gewohnten Muster, ein komisches und gleichzeitig dramatisches Bild von ungewöhnlichen Hauptfiguren.
Ryan Bingham (George Clooney) ist ein Sonderling, nur nicht das Klischee eines Sonderlings, da Hollywood so gern verkauft. Kein Computergeek, kein Strickpulli- und Vollbartträger, sondern ein erfolgreicher Geschäftsmann im Anzug, also ein normal erscheinender Mann, dessen Wohnung jedoch spartanisch eingerichtet ist, der zwischenmenschliche Kontakte für unnötigen Ballast hält und der sich in Flughafenlounges, Hotels oder Flugzeugen am wohlsten fühlt. Das, was andere als Stress ansehen, das ist für ihn das Paradies, das Lebensziel sind nicht Haus, Frau und Kinder, sondern als siebter Mensch in der Geschichte die Schallmauer von 10 Millionen Flugmeilen zu durchbrechen.
Als waschechter Sonderling hat Ryan auch keinen gewöhnlichen Beruf – jedoch einen anerkannten: Er ist Kündigungsexperte und wird von seiner Firma zu Betrieben geschickt, um dort Mitarbeitern die Kündigung auszusprechen, damit diese es nicht selbst tun müssen. Auf den ersten Blick ein verwerflicher Beruf, fördert er doch die Feigheit der Betriebe, andrerseits würden die Leute sowieso entlassen und Ryan bemüht sich tatsächlich sie möglichst sanft dabei zu behandeln. Sicher, sympathisch ist sein Job nicht, doch Ryan an sich ist schon ein sympathischer Zeitgenosse, trotz eines gewissen Maßes an Kälte und Zynismus.
Doch mit Ryans geliebtem Lotterleben droht Schluss zu sein: Die neue Kollegin Natalie Keener (Anna Kendrick) schlägt vor die Kündigungen via Bildschirm ohne Rumgereise vorzunehmen. Ryans Chef, Craig Gregory (Jason Bateman), findet die Idee super, trotz Ryans Protesten. Der soll Natalie auf seine nächsten Reisen nehmen und sie ins Geschäft einführen…
„Up in the Air“ lässt sich nicht präzise in ein Genre einordnen, auch die Frage, was denn nun genau der Mainplot ist, lässt sich nicht so einfach beantworten und doch bietet Reitmans drittes Werk ausgesprochen viel Kurzweil als Porträt eines ungewöhnlichen Mannes mit ungewöhnlichen Ansichten. Natürlich wird ein wenig Moral gepredigt, natürlich muss auch Ryan an eine Änderung seines Lebens in der zweiten Filmhälfte denken, doch das Ende ist alles andere als Friede Freude Eierkuchen – Ryan darf sein bisheriges Leben gewissermaßen behalten, bekommt also das, was er zu Beginn des Films wollte, doch ob er damit noch so glücklich ist, das ist eine andere Sache. Inwieweit er sich allerdings geändert hat, das ist schwer zu sagen, ähnlich wie der Protagonist am Ende von „Thank You for Smoking“ seine Kenntnisse lediglich anders als zuvor einsetzte, aber immer noch nicht zum Unschuldsengel mutierte.
Die Ideen Ryans sein Leben vielleicht doch zu ändern entstehen durch den Kontakt mit einer Frau – Alex Goran (Vera Farmiga), gewissermaßen Ryans weibliches Gegenstück. Zwei Jobprofis, die auf Flughäfen zuhause sind, die nach einem One Night Stand weitere Treffen verabreden, ihre Flugrouten koordinieren und ihren Reiseboni voreinander angeben. Doch es ist Reitmans Verdient, dass dieser Teil des Films keine 08/15-Romanze wird. *SPOILER* Am Ende hat der sonst so unnahbare Ryan in Alex seinen Meister gefunden, muss auf niederschmetterndste Weise erkennen, dass sie noch eine Spur kälter und planender als er ist. In dem Moment, in dem er sich tatsächlich öffnet, wird er verletzt – daher auch die Frage, ob er mit dem Schluss des Films nicht doch wieder auf alte Pfade zurückkehrt. *SPOILER ENDE*
Im Zusammenspiel Ryans und Natalies hingegen finden sich meist die komischen Seiten des Films. Mit diebischer Freude für den Zuschauer und den Protagonisten selbst unterminiert Ryan Natalie, führt sie gleichzeitig in sein Leben ein, bringt ihr am Flughafen das „richtige“ Kofferpacken bei. Fast schon im Stile eines Buddy Movies lernen die beiden Respekt füreinander, nähern sich in den Momenten von Krisen an und machen „Up in the Air“ auch zu einem schönen Film über Freundschaft unter ungewöhnlichen Vorzeichen.
Im letzten Drittel ist „Up in the Air“ dann nicht mehr ganz so packend, lebt er doch wirklich über weite Strecken von der Portraitierung von Ryans ungewöhnlichem Leben, das man zu diesem Zeitpunkt dann zur Genüge kennt, doch dank geschliffener Dialoge, eines tollen Soundtracks (grandios: „Help Yourself“ von Sad Brad Smith) und Reitmans einfallsreicher Inszenierung fällt das nicht zu sehr ins Gewicht. Kleine inszenatorische Gimmicks wie die Montagen von Ryans Kofferpacken (die an das Ausrüsten in Agenten- und Actionfilmen erinnern) oder die Tatsache, dass jede neu bereiste Stadt durch eine Luftaufnahme vom Flugzeug aus eingeführt wird, versüßen den Film.
Grandios ist auch George Clooney als Charmebolzen, der auf Selbsthilfeseminaren Menschen rät sich von dem Ballast menschlicher Beziehungen zu befreien, und doch nie unsympathisch dabei wirkt – das zu vollbringen ist eine Leistung. Vera Farmiga als sein weibliches Gegenstück ist ähnlich gut, als Entdeckung darf aber Anna Kendrick decken, die hier im Gegensatz zu ihren Rollen in der „Twilight“-Saga wirklich zeigen darf, was sie drauf hat. Mit J.K Simmons darf ein waschechter Reitman-Regular mitspielen, wenn auch nur in einer kleinen Rolle, und der gut aufgelegte Jason Bateman war ebenfalls bereits in „Juno“ dabei.
„Up in the Air“ ist toll gespielter, pointiert geschriebener und einfallsreich inszenierter Film über einen ganz und gar ungewöhnlichen Protagonisten, der jedoch ganz gewöhnliche Bedürfnisse kennen lernt – zum Glück ohne triefiges Happy End. Viel zu erzählen hat „Up in the Air“ dabei vielleicht nicht, doch so wie erzählt ist macht das kaum etwas aus – einfach ein schöner Film zu Anschauen und Drinversinken.