Review

Ich denke, dass dies einer der unterbewertesten Filme des Jahres 2002 ist. Spurwechsel ist eine grandiose Mischung aus Drama und Thriller, der auf seiner ungewöhnlichen, auf Missverständnissen beruhenden Charakterführung basiert. Die Story an sich ist nichts besonderes, zwei Menschen im modernen New York kriegen sich wegen einer Nichtigkeit, eines Zeitverlusts von wenigen Minuten, in die Köpfe und tragen alsbald einen Streit aus, der zwischen Verständnis und Reue auf der einen Seite und blankem Hass und Missgunst auf der anderen Seite beruht. Der Titel Spurwechsel ist insofern gut getroffen, als dass er nicht nur Bezug nimmt auf die alles auslösende Situation, nämlich einen Spurwechsel, der zu einem folgeschweren Unfall führt, sondern auch auf die Charaktere, die bildhaft zwischen Gut und Böse die Spuren wechseln. Dies ist einerseits das Leitmotiv des Films, andererseits aber auch etwas, das die Story sicher für viele unglaubwürdig macht. Das Faszinierende und Treibende hinter Spurwechsel ist die Frage: was kann einer der Charaktere zur Eskalation beitragen, was wird er bereuen? Fast jeder aggressive Akt wird mit einer sofortigen Erkenntnis über die Falschheit der Tat bestraft. Interessant fand ich auch den Aspekt der personifizierten Gewissen der Hauptcharaktere, die angesichts von hilfloser Wut einerseits (Jackson) und materiellem Kalkül andererseits (Affleck) letztendlich die Waffen strecken müssen. Jacksons Gewissen wird durch den genialen William Hurt dargestellt, der seinen Gruppenleiter bei den anonymen Alkoholikern spielt, Afflecks Gewissen durch eine Mitarbeiterin in seinem Anwaltsbüro, die das absolute Gegenteil seiner berechnenden Frau darstellt und die durch eine angedeutete Affäre seine Hingezogenheit zur "guten" Seite aufzeigen soll.

Die Darsteller in Spurwechsel sind allesamt überragend. Jackson ist so gut wie immer, durch seine für ihn ungewöhnliche Rolle vielleicht noch ein Quäntchen besser als sonst. Ben Affleck habe ich kaum wieder erkannt. Der Mensch kann ja richtig gut spielen, wenn er nur will! Auch die Nebenrollen sind gut besetzt und exzellent ausgespielt. Neben William Hurt hat mir Sidney Pollack besonders gut gefallen in seiner -wenn auch auch kurzen - Rolle als gewissenloser, alter Chef einer New Yorker Kanzlei, der versucht, einen jungen Advokat mit allen Mitteln auf den falschen Weg zu locken. Hinzu kommt eine großartige Regie und - und dafür sollte es schon fast einen Extraoscar geben - eine fantastische Beleuchtung und Fotografie. Vor allem die Gesichter der Akteure kommen wahnsinnig gut zur Geltung, man beachte vor allem das Spiel mit harten Schatten und wie die daraus hervortretenden Augen Bände über den Geistesinhalt der Charaktere schreiben.

Alles in allem würde ich Spurwechsel vor allem den Leuten ans Herz legen, die Falling Down mochten, und sich eine Story vorstellen können, in der quasi zwei kleine D-Fenses aufeinander losgehen. Spurwechsel ist ein großartig konstruierter Psychothriller auf der einen Seite und ein tief ergreifendes Drama auf der anderen und auf noch einer anderen Seite einer der besten Filme, die Hollywood in den letzten paar Jahren auszuspucken in der Lage war.

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