Review
von Leimbacher-Mario
Samba de Poesi
Lebensfreude - das strahlt "Black Orpheus" wohl mehr aus, als jeder andere Film. Und das, obwohl am Ende, viele der Protagonisten Tod sind & die Geschichte sich traurig zuspitzt. Dabei weiter so hell, spritzig & lebensbejahend zu bleiben, kann dem One-Hit-Wonder des Regisseurs Marcel Camus nicht hoch genug angerechnet werden. Lose an die Orfeus-Sage angelehnt, folgen wir einem jungen brasilianischen Mann mit eben diesem Namen, wie er seine Euredice findet, sie verliert & dabei mit dem kompletten Zuckerhut die ganze Zeit eine wilde Party feiert - Karneval in Rio trifft Liebe im sonnendurchfluteten Slum & den Tod im Sambarock.
Das künstlich wertvolle Filme, gerade in den 50ern & 60ern, aus Frankreich, Italien oder Schweden kamen, war nie ein Geheimnis. Das in diese Arthouse-Phalanx aber dann ein kleiner brasilianischer Film eindringen konnte & die Welt im Tanzsturm eroberte, war/ist eine Sensation. Das machte das Land des Fußballs jetzt nicht direkt zum Mekka der Filmwelt, stellte allerdings gehörig die Weichen, für immer mal wieder herausragende Filme alle paar Jahre, die weltweit Furore machen (s. "City of God", "Trash" oder "Elite Squad"). "Orfeu Negro" ist also der vielleicht wichtigste Film des Landes & essenzieller Grundstein. Da verwundert es ein wenig, dass er national bei den Brasilianern weniger hoch angesehen ist als international - vor allem wird meist die Dauerparty & das Weglassen der Schattenseiten der Favelas & Gesellschaft genervt kritisiert.
Das kann ich zwar verstehen - aber gleichzeitig ist das so, wie wenn man bei Hamburger das Fleisch kritisiert. Die übertriebene Stimmung, Offenheit & Lebenslust, ist essenziell für den Film & sicher nicht vordergründig mit dem Sinn, die Schattenseiten, unter den Sambateppich zu kehren. Eher um eine der positiven Säulen der Gesellschaft & ihre frohe, freundliche, sexuell aktive & attraktive Essenz zu unterstreichen. Egal ob er manchmal etwas hölzern gespielt wirkt (Fußballer in der Hauptrolle!) & man die Grundgerüste der Geschichte nun schon oft genug gesehen hat - seine Farben, neuen Formen, Frauen & der brasilianische Circle of Life sind mitreißend & erhöhen Freude & Blutdruck. Wer bei diesen Bildern, Rhythmen & Kurven nicht Lust auf Brasilien bekommt, dem ist nicht zu helfen. Und spätestens bei diesem Gedanken, was für gute Werbung der Film ist, müssten auch die Einhemischen seine Qualitäten schätzen & zumindest etwas auf diesen Teil ihrer Kultur stolz sein. Vielleicht ist Cocteaus "Orphee" einfalls- & trickreicher - Brasiliens schwarze Version ist aber definitiv geerdeter, emotional greifbarer & für sympathischer. Unschlagbares Doppel-Feature aber sicher. Schon allein wie Orpheus in den dunkleren Ecken (Vodoo-Gruppe, Leichenhaus, Bürokratie-Hölle) Rios nach seiner Toten Liebe sucht, ist sehenswert & den Mythos beeindruckend in die reale Welt geholt.
Fazit: Tanz den Bossanova... bis in den Tod! Sehenswerter Mix aus brasilianischer Lebenslust & poetischer Melancholie!