Review

Eigentlich fühle ich mich noch nicht in der Lage eine Review über solch einen Film zu schreiben, vor allem nachdem ich Georg Seeßlens Kritik bei epd-Film gelesen habe.
Heißt es aber nicht, dass man sich durch seine Erfahrungen verbessert?

"La vie de Jésus" führt uns das Leben einer Gruppe Jugendlicher aus dem Norden Frankreichs vor Augen. Sie wohnen allesamt in einem kleinen Dorf, das von paradiesischer Landschaft umgeben ist. Der Hauptprotagonist des Films ist der arbeitslose Freddy; dessen Mutter Yvette besitzt eine Bar, in der der immer angeschaltete Fernseher zum Mittelpunkt des Lebens avanciert. Tristesse, Einöde und Langeweile beschreiben sowohl den Zustand Freddys als auch des gesamten Dorfes. Seine Beschäftigungen beschränken sich auf die Pflege seines Vogels namens "Leo", den gemeinsamen Mopedtouren mit seinen Kumpels, die Mitgliedschaft in der örtlichen Musikkapelle und den Sex mit seiner Freundin Marie.
Eines Tages machen Freddy und seine Kumpels rassistische Witze über den Araber Kader, der in einer Bar von seinem Vater zur Raison gerufen wird. Kader hat es auf Freddys Freundin Marie abgesehen, und als beide gemeinsam im Dorf gesehen werden, eskaliert die Situation. Dabei fühlt sich Marie von Kader vorerst nicht angezogen; letztendlich entschließt sie sich jedoch ihn zu umarmen. Dieses Verhalten kann unter anderem auch auf Freddys Taten zurückzuführen sein: Nach einer Probe der Musikkapelle entschließen sich die Jungs ein etwas jüngeres, korpulentes Mädchen zu vergewaltigen.
Letztendlich lauern Freddy und seine Leute Kader auf, und "befördern" ihn ins Krankenhaus...

"La vie de Jésus" ist ein realistischer Film, der sich einer langsamen Erzählweise bedient. Der Fokus des Interesses liegt auf den Figuren und ihren Taten. Dabei dienen die auffälligen Motive (Beschäftigungslosigkeit, Eifersucht) nicht als Rechtfertigung oder Erklärung der Taten der Protagonisten. Somit positioniert sich "La vie de Jésus" fernab von Hollywood, wo dem Zuschauer immer ein gemütliches Alibi zur Verfügung steht und jede Kausalkette offen liegt. Das einfache Schema "Auslöser-Reaktion" ist bei diesem Film ausgehebelt.

Ferner beschäftigten die Motive der Kommunikationsunfähigkeit und der "Vergletscherung der Gefühle" den Regisseur Bruno Dumont. Wie schon in den Filmen "L´Humanité" und "Twentynine Palms" scheinen sich die Figuren nicht wahrzunehmen. Freddy betrifft dieses Symptom ganz besonders: Sein Blick ist geneigt; während den Unterhaltungen mit seiner Mutter findet nie Augenkontakt zwischen den beiden statt. Das kleine Provinzdorf spiegelt einen Mikrokosmos wieder, in dem alles offengelegt wird, vergleichbar mit dem Prinzip des Panopticons. Das Individuum und seine Sorgen bleiben in dieser transparenten, homogenen Umwelt jedoch im Schatten.

Bruno Dumont realisiert wichtige Filme: Über unsere Gesellschaft und den fortschreitenden Verlust des Individuums. Dabei geht der Franzose mit hemmungslosem Pessimismus vor und zerstört jede Hoffnung auf Verbesserung.
Der Filmemacher Dumont hat seinen Platz neben Michael Haneke, der ähnliche Themenfelder abdeckt.

8/10

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