In seinem Film „Das Leben Jesu“ erzählt der französische Regisseur Bruno Dumont nicht etwa eine biblische Geschichte nach, sondern betrachtet den Alltag einer Clique junger Männer an der Schwelle zum Erwachsenwerden in der französischen Provinz: Sie sind arbeitslos und unmotiviert, daran etwas zu ändern, fahren mit ihren Rollern durch die Gegend, spielen in der örtlichen Musikkapelle, haben Beziehungsprobleme und leben gedankenlos in den Tag hinein. Der eskalierende Konflikt mit einem arabischstämmigen Mann aus der Stadt reißt sie schließlich auf unvorhergesehen brutale Art aus ihrem Trott.
„Das Leben Jesu“ ist ein roher und ausdrucksstarker Beitrag zum realistischen französischen Sozial-Drama. Mit ruhiger Kamera, in langsamen Einstellungen und gedehnten Sequenzen taucht der Film tief in den monotonen Alltag der perspektivlosen Clique ein. Die emotionale Tristesse, die der idyllischen Landschaft entgegengestellt wird, ist dabei von Anfang an Leitmotiv: Ein guter Freund der Bande liegt mit Aids im Sterben, Freddy leidet unter plötzlich auftretenden Epilepsie-Anfällen; die Beziehung zu seiner Freundin besteht vorrangig aus mechanischem Sex, und von seiner Mutter, die den ganzen Tag in ihrer leeren Kneipe auf Gäste wartet und Fernsehen schaut, bekommt er permanent Vorwürfe zu hören, dass er nichts aus seinem Leben macht. Das könnte in klischeehaften Sozial-Kitsch ausarten, wird aber durch die formal starke Inszenierung gut eingefangen.
Von der ersten Szene an dominiert die distanzierte Kamera die Erzählweise und -geschwindigkeit. Lange Einstellungen auf Gesichter oder leere Straßen, durch die die Mopeds brausen, Verzicht auf Hintergrundmusik, ein durchdachter Wechsel zwischen halbnaher Perspektive und Detailaufnahmen in plötzlich auftretenden intimen Momenten. Erstaunlicherweise geraten die verblüffend explizit gefilmten Sexszenen dank ungewöhnlicher Blickwinkel und Bildausschnitte nie plump voyeuristisch, sondern verstärken die semidokumentarische Atmosphäre des Films noch zusätzlich (auch wenn sie bei Erscheinen dennoch ein veritables Skandälchen abgaben). Jede Szene dient hier der Verdeutlichung der grauen Alltagstristesse, selbst wenn Freddy und seine Freundin wortlos ins Feld fahren, sich ausziehen und miteinander schlafen. Die unerträgliche Leichtigkeit des ländlichen Lebens ohne Zukunftsperspektive wird hier wirklich hervorragend, formal distanziert und gerade dadurch intensiv und durchdacht dargestellt.
Auch die Figurencharakterisierung gerät spannend und vielschichtig, auch wenn die Bande es einem schon nach recht kurzer Zeit schwer macht, ihnen wirklich noch Verständnis entgegenzubringen. Immer wieder gibt es kleine und größere Ausbrüche aus diesem tristen Alltag – allerdings stets auf Kosten anderer: rassistische Demütigungen einer arabischstämmigen Familie im Dorflokal, gefährliche Mutproben mit einem Rallye-Fahrer aus dem Nachbarort, sexuelle Nötigung einer Schülerin, bis hin zur Belästigung einer Frau auf ihrem ganzen Heimweg, ohne dass irgendjemand eingreift. Auch diese Szenen entfalten ihre volle, stille Wucht gerade durch die Distanz und Unaufgeregtheit der Kamera und Bilder. Alles hier scheint wie zufällig oder nebenbei zu geschehen, als könne nichts davon die Leere der Leben der Agierenden durchbrechen – selbst die radikale tragische Eskalation am Ende.
„Das Leben Jesu“ ist ein Film, der gerade in seiner Stille und scheinbaren Ruhe umso intensiver funktioniert und die Themen und Probleme, die er anspricht, unaufgeregt und pointiert in Bilder umsetzt. Wer ein bisschen Geduld mitbringt, wird mit einer überraschend vielschichtigen Story, starken, wenn auch nur sehr bedingt sympathischen Charakteren und einem überaus authentisch wirkenden Einblick in dörfliche Abgeschiedenheit belohnt. Als diskussionswürdiges Charakterporträt, das seine Figuren weder verurteilt noch ihre Taten rechtfertigt, aber schonungslos zeigt, wozu Perspektivlosigkeit und Sinnleere führen können, ist der Film ein definitiv sehenswertes Werk.