Wie die Gesellschaft und der Staat aus einem ehrenwerten, hochgedienten Bürger einen Verbrecher macht, das zeigt "Jagd auf James A." eindrucksvoll.
Er schafft immer, was er sich vornimmt.
Das sagt James Allen zu Beginn des Films auf dem Schiff, das ihn zurück in seine Heimat zu seiner Familie bringt. Geprägt wurde aus der Armee entlassen und möchte nun Nichts mehr als sein eigenes Leben leben, nicht ständig rumkommandiert zu werden und nach der Pfeife eines Anderen zu tanzen. Sein großes Ziel ist es, einmal im Brückenbau beschäftigt zu werden, ganz zum Leidwesen seiner Mutter und seines Bruders, die ihn gern wieder in einer Fabrik gesehen hätten, für die er vor seiner Zeit in der Armee tätig war. Doch James A. hat seinen eigenen Kopf und seine eigenen Vorstellungen, setzt sich gegen seinen Bruder durch und bekommt das Einverständnis seiner Mutter, das zu tun, nach was ihm gerade ist. Also macht sich James auf die Suche nach einem Job, was zu einer Odysee durch ganz Amerika wird.
Eines Abends macht er auf seiner Reise quer durch die USA die Bekanntschaft mit einem jungen Herrn, der ihn zum Essen einlädt. Allerdings überfällt dieser kurze Zeit später das Restaurant und zwingt James mit der Waffe, sich zu beteiligen. Beide werden geschnappt und James landet trotz seiner Unschuld im Knast. Dort gelingt ihm irgendwann die Flucht und baut sich als nun freier Mann eine gesicherte Existenz auf. Um bald wieder verraten und geschnappt zu werden. Doch James ist ein Mann seiner Worte und lässt sich solch Demütigung nicht gefallen.
Ein Mann, ein Wort.
In einer Welt, beherrscht von fehlendem Vertrauen, voller Lügen und Betrug, sticht James Allen als ehrenhafter Mann hervor, der seinen Dienst in der Armee mit der Tapferkeitsmedaille beendet hat und seine klaren Vorstellungen fürs Leben hat. Er scheut dabei keinerlei Strapazen und nimmt eine schwerwiegende Reise auf sich, um seinen Traum verwirklichen zu können. Dabei kommt ihm ein Kleinganove dazwischen. Auch im Knast ist James der Mann klarer Worte. Wo andere klein beigeben, behauptet sich James, er möchte auch im Knast für Recht und Ordnung sorgen, er beschützt die Unterworfenen und muss mit ansehen, wie andere Sträflinge unmenschlich behandelt werden. Angetrieben von blankem Hass auf die Polizei, den Staat und die Wärter plant er kurzerhand die Flucht, die ihm auch gelingt. Hier eine für mich überwältigende Szene. Als James vor den Wärtern samt Hunden flieht, sucht er in einem kleinen Teich Schutz, nur ausgestattet mit einem Strohhalm, den er als Art Schnorchel benutzt. Klar, diese Szene kennt man zur Genüge, doch man muss beachten, dass dieser Film aus dem Jahre 1932 stammt. Minutenlang suchen die Wärter in dem Teich, immer wieder wird hin und hergeschnitten zwischen der grauenvollen Stille unter Wasser, wo sich James befindet, und dem lärmenden Ufer mit den bellenden Hunden und den schreienden Wärtern. Das sind Szenen, die einem nicht mehr so schnell aus dem Gedächtnis gehen.
Wie James Allen immer geschworen hat, steigt er, endlich wieder als freier Mann, schnell ins Baugeschäft ein, wo er sich auch schnell hocharbeitet. Er lernt eine Frau kennen, lebt mit ihr zusammen, was ihm zum Verhängnis wird.
Was ist Recht ? Was ist Unrecht ? Moral ? Vertrauen ?
Der Film wirft eine ganze Menge an Fragen auf. James, der in seinem Leben stets ehrlich war und dem Staat jahrelang diente, wird unrechts eines Überfalls bezichtigt und hinter Gittern gebracht. Er schluckt die Strafe, doch schon im Knast wird er mit wahrer Unmenschlichkeit konfrontiert. Die eigentlich Guten, die Wärter, malträtieren die Verbrecher, degradieren sie zu arbeitenden Tieren, denn von Menschenrechten ist hier keine Spur. Bis auf die Knochen erniedrigt, kämpfen die Sträflinge Tag für Tag ums Überleben. Als James merkt, dass er es nicht ändern kann, ergreift er die Flucht. Als er ein zweites Mal ins Gefängnis gesteckt wird, trifft er mit Anwälten und Staatsdienern den Pakt, für 90 Tage hinter Gitter zu gehen, um danach begnadigt zu werden. In Anbetracht dessen, dass er eigentlich noch ein paar Jährchen von seinem ersten Aufenthalt zu verbüßen hätte und er nach diesen 90 Tagen endgültig ein freier Mann ist, nimmt James den Vorschlag an. Er glaubt den Anwälten und Gefängniswärtern, denn James selbst ist ein Mann seines Wortes, auf den man sich verlassen kann.
Ein unschuldiger Verbrecher wird zum Verbrecher gemacht.
Eine der eindrucksvollsten Szenen meiner persönlichen jüngeren Filmhistorie durfte ich ganz am Ende erleben.
"Wie kommst du über die Runden?"
- "Ich stehle..."
James entfernt sich rückwärtsschleichend von seiner Geliebten, er drängt zurück in den Schatten, ins Dunkel, aus dem er Sekunden vorher noch gekommen war. James verschwindet. Für immer. Und mit ihm die Hoffnung, dass er jemals wieder ein lebenswertes Leben genießen darf. Aus einem Mann, der Alles für sein Vaterland tat, große Pläne für seine Zukunft hatte und ein Mensch voller Moral, Vertrauen und Loyalität war, wird nun ein Verbrecher, der sich mit Diebstählen über Wasser halten muss. Und alles nur, weil die Gesellschaft und der Staat, die von Aufrichtigkeit nicht sonderlich viel halten, ihn zu genau dem gemacht hat.
Was nun bleibt, dürfte klar sein. Ein maues Gefühl in der Magengegend, denn "Jagd auf James A." ist ehrlich, aber auch ernüchternd. Die Ehrlichkeit verliert, Lug und Betrug haben die Oberhand.
Sozialkritisch, aufwühlend, unterhaltsam, legendär und nur allzu realistisch. Garniert wird das alles mit ein paar sehr avantgardistischen Szenen wie die überaus gelungenen Verfolgungsjagden gegen Ende und ein paar tollen Kameraeinstellungen. Die gekonnte deutsche Synchronisation macht den Rest. Danke dafür.
9/10 Punkte