Von Engelspimmeln und rohem Thunfisch
Ein Mann (Hitoshi Matsumoto) im bunten Pyjama findet sich in einem weissen Raum wieder, an dessen Wänden die Penisse von kleinen Engelsstatuen hervorragen. Wann immer er einen der unzähligen Pimmel anstupst, fällt ein Gegenstand in den Raum: ein Bonsai, ein Liegestuhl, eine Vase, Sushi, Sojasauce, etc. Der Mann will nur eines: Diesem elenden Raum entkommen! Dafür muss er kreativ werden und die Gegenstände im Raum auf geschickte Weise nutzen.
Mit seinem Debutfilm Der große Japaner (2007) hat sich der japanische Komiker und Künstler Hitoshi Matsumoto einen Namen auch als Regisseur gemacht; die satirische Mockumentary war eine Komödie der ganz besonderen Art. Zwei Jahre später legte Matsumoto mit Symbol (2009) nach – nicht weniger absurd, aber mit einem deutlich höherem künstlerischen Anspruch. Gerade deswegen ist aus Matsumotos zweitem Streich eher ein Schlag ins Wasser geworden. Der Mix zwischen abgedrehtem Brachialhumor und metaphysischen Sinnbildern ist zwar ein echt spannender Ansatz, überzeugt in dieser Form aber kaum.
Zugegeben: Die Versuchsanordnung ist launig genug. Hitoshi Matsumoto spielt den Mann im Pyjama gleich selbst und fabriziert dabei dümmliche Fratzen am Laufmeter. Der Slapstick zündet gerade zu Beginn des Films, die Videospiel-Logik, der sich Matsumoto bedient, ist teils wirklich zum Schiessen komisch. Aber irgendwann nutzen sich die Gags ab. Als Zuschauer weiss man bald, wie der Hase läuft – und der Spass bleibt auf der Strecke. Hinter den elaborierten Albernheiten steckt nicht viel. Das wäre an sich kein Problem. Aber Schwierigkeiten entstehen dadurch, dass Matsumotos Stil gerade dies suggeriert: dass hier irgend eine geheime Botschaft in den Bilden versteckt liegt.
Gerade der Parallelplot über einen mexikanischen Lucha-Libre-Wrestler wiegt das Publikum in den Glauben, dass da noch etwas kommt, ein Twist vielleicht. Tatsächlich werden die beiden Stränge gegen Ende miteinander verwoben, dies geschieht allerdings auf frustrierend fadenscheinige Art und Weise. Matsumoto spielt mit den Erwartungen der Zuschauer, erzielt dabei aber nicht viel mehr als ein Schulterzucken.
Besonders ärgerlich aber sind die letzten 15 Minuten von Symbol. Sie sind unerträglich und unpassend prätentiös. Hier überspannt Matsumoto den Bogen ganz klar. Mag sein, dass auch diese metaphysischen Bilder mit Ironie durchtränkt sind – lustig oder erhellend macht das die Schlusssequenz jedoch nicht. Sie ist filmische Hybris im wortwörtlichsten Sinne.
Was in Erinnerung bleibt, ist der weisse Raum mit den Engelspimmeln. Hier finden sich durchaus einige humoristischen Juwelen; zum Beispiel die comichaft gezeichneten Pläne, die Matsumoto für seine Flucht fasst. Das ist visueller Humor der Extraklasse. Natürlich lassen sich in die Versuchsanordnung existenzielle Themen hinein interpretieren, ist der weisse Raum doch nicht so merklich anders als die echte Welt: viele Dinge und ein Mensch, der sich einen Reim darauf machen will. Die stärkste Szene findet sich übrigens zu Beginn des Filmes, in Mexiko. Dort sehen wir einen Mann mit Maske, der eine Zeitschrift liest. Seine Frau betrachtet ihn besorgt vom Kochherd aus. Was eine typische Matsumoto-Weirdo-Szene sein könnte, stellt sich sodann als ganz normaler Alltag heraus. Der Mann ist ein Wrestler, die Maske gehört zu seinem Outfit. Sehr hintersinnig, wie Matsumoto hier mit den Seltsamkeiten des Lebens spielt. Mehr solche subtilen Elemente hätten dem Film gut getan.
In Symbol verstärkt sich eine Schwachstelle Matsumotos, die sich schon in Der große Japaner zeigte: Sein Surrealismus ist steril, entsteht nicht aus einem inneren Drang heraus. Symbol ist verkünstelt – vielleicht mit Absicht. Eine spröde Erfahrung ist der Film so oder so.
4/10