Review

Irgendwann in der Grundschule hatte man uns dazu angehalten, "bekommen" anstelle von "kriegen" zu verwenden, da "kriegen" mit dem Krieg verwandt sei. "Les Carabiniers" ist ein Film, der zeigt, dass der Krieg mit dem Kriegen verwandt ist; er zeigt es, als würde er es Grundschülern zeigen: in naiver Einfachheit, auf welche mit einigem Stolz über ein Borges-Zitat zu Filmbeginn hingewiesen wird. "Les Carabiniers" interessiert sich herzlich wenig für die Frage nach der Notwendigkeit mancher Kriege, die - leider, leider - hin und wieder gegeben zu sein scheint - vielmehr interessiert sich der Film für seine Krieger, die als Kanonenfutter in einen Krieg hineinziehen und dabei auch noch Wohlgefallen an ihrer Rolle finden: schließlich scheint man plötzlich bedeutungsvoll zu sein, schließlich besitzt man plötzlich die Macht über Leben und Tod, bekommt reichlich Gelegenheiten, zu vergewaltigen und zu plündern. Was will man mehr? Natürlich will man immer mehr als man bereits hat - und Krieg scheint die wundervolle Gelegenheit zu sein, noch mehr bekommen zu können.
Natürlich macht es sich der Film einfach, wenn er das Kriegsrecht und den Verteidigungskrieg vollkommen ausblendet: aber gerade in dieser Einfachheit liege - so die Prämisse - ein wahrer Kern. Im Krieg erwacht der innere Schweinehund in einem; teilweise war er auch schon vorher wach und lässt einen mit aller Euphorie in ihn hinein ziehen. Wie in Lewis Milestones "All Quiet on the Western Front" (1930) verspricht man sich auch hier ein großes, gewinnbringendes & unterhaltsames Spektakel vom Krieg: aber anstatt wie Milestones vielgerühmte Remarque-Verfilmung das eigene Leid & damit die eigene Ernüchterung zu präsentierten, entscheidet sich der Film, den eigenen Erfolg, die eigene Freude und die eigene Trunkenheit am beständigen Kriegen ins rechte Licht zu setzen.

Das ist der entscheidende Punkt an Godards Film, der nach "Vivre sa vie: Film en douze tableaux" (1962) und "Le petit soldat" (1963) nochmals und in aller Nachdrücklichkeit zeigt, dass Godard am rein vergnüglichen, gut konsumierbaren Unterhaltungsfilm, den "À bout de souffle" (1960) und "Une femme est une femme" (1961) einst versprachen, kein Interesse mehr hatte. Und der Kriegs-/Antikriegsfilm ist sicherlich das geeignetste Genre, um die Existenz einer unterhaltsamen und konsumierbaren Handlung in Frage zu stellen. Selbst heute noch, von "Apocalypse Now" (1979) über "Saving Private Ryan" (1998) bis hin zu "American Sniper" (2014), scheint der Kriegsfilm unterhaltsam sein zu wollen, bestenfalls beklemmend, aber stets voller Dramatik, Suspense, Action, Exotik, ja sogar voller Witz, sich stets entlanghangelnd an einer konventionellen Dramaturgie, die den Krieg in eine kurzweilige, für zwei Stunden fesselnde Show verwandelt.[1] Das jedenfalls wollte Godard nicht: Was er gewollt hätte, das wäre etwa ein unerträglicher Film über die Kontentrationslager gewesen: "[E]in Lager [...] aus der Perspektive der Folterer mit ihren alltäglichen Problemen. Wie bekommt man einen Körper von zwei Metern Länge in einen Sarg von fünzig Zentimetern? Wie schafft man zehn Tonnen von Armen und Beinen in einem Wagen fort, der nur drei Tonnen faßt? Wie verbrennt man hundert Frauen mit Benzin, das nur für zehn reicht? Man müßte auch die Sekretärinnen zeigen, die alles mit ihren Schreibmaschinen registrieren."[2]
Als "Les Carabiniers" in die französischen Kinos gelangte, hatten sich die Kritik daher auch auf diesen ungenießbaren Streifen eingeschossen: In der Candide vermutete man hinter dem Film eine unglaubliche Verachtung Godards für sein Publikum, im Figaro Littéraire stieß man sich daran, dass die echten Kriegstoten in den zwischengeschnittenen Archivaufnahmen unbequem & widerlich wären; und generell hielt man den Film vielerorts für eine Schlamperei, für einen einzigen Pfusch, so etwa bei Télé 7 Jours, wo man von einem "zusammengepfuschte[n] Film, den sein Autor Jean Vigo zu widmen wagte"[3] sprach. Godard erwiderte seinerzeit, dass die Agence d'Informations Cinématographiques einst auch über Vigos "L'Atalante" (1934) urteilte, dies sei ein "konfuse[r], unzusammenhängende[r], absichtlich ungereimte[r], lange[r]. langweilige[r] und nicht für einen Groschen kommerzielle[r] Film"[4] und sollte schließlich Recht behalten: von leichtfertigen Vorwürfen des Pfuschs war im Nachhinein nichts mehr zu vernehmen, "Les Carabiniers" zählt im Frühwerk Godards sogar zu den besseren, den konsequentesten & stilsichersten Filmen.

Das liegt sicherlich auch daran, dass Godard seinen scharf attackierten Film (und teilweise auch die Nouvelle Vague selbst) in einem von ihm verfassten Artikel souverän zu verteidigen verstand (was er weder zuvor, noch danach schon- bzw. nochmals getan hatte): was da im Film tönte, war nicht zusammengepfuscht, sondern bloß mit jenen Motoren- & Maschinengeräuschen ausgestattet, die auch tatsächlich von den im Filmbild sichtbaren Motoren und Maschinen stammten; was da zu sehen war, war keinesfalls falsch belichtet, sondern ganz bewusst und mit einigem technischem Aufwand auf orthochromatischem Film abgedreht worden, um vor allem an die alten Wochenschau-Aufnahmen zu erinnern, die auch im Film zu sehen sind; und was da an Zwischentiteln lesbar ist, ist kein Zeichen dramaturgischer Unbeholfenheit, sondern die Zitation von Korrespondenzen von (nicht nur, aber überwiegend) Wehrmachtssoldaten, mit denen Godard seine farceartig überzogenen Bilder sehr gezielt kommentiert.
Erzählt wird in "Les Carabiniers" - nach einem (auf einem Stück Beniamino Joppolos basierenden) Drehbuch von Godard, Jean Gruault und Roberto Rossellini, dem Godard während des Omnibusfilms "Ro.Go.Pa.G." (1963) begegnet war - von Ulysses und Michel-Ange, die [Achtung: Spoiler?] von zwei Gesandten des Königs rekrutiert werden und ihre Partnerinnen Cleopatra und Venus (auch auf deren Wunsch hin) verlassen, um in den Krieg zu ziehen, wo sie töten, vergewaltigen, brandschatzen, plündern und zerstören dürfen, um im Anschluss allerlei erbeutete Reichtümer mit sich zu bringen. Am Ende freilich - nach den ganzen Untaten - bringen sie bloß einen riesigen Haufen Ansichtskarten heim und werden schließlich doch für ihre Kriegsverbrechen hingerichtet, die man zuvor problemlos zu tolerieren verstand.
Doch schon im Vorspann wird deutlich gemacht, dass es nicht weniger auch um die Inszenierung dieses Szenarios geht: während dem Film ein Borges-Zitat als Texttafel vorangestellt wird, ist eine Stimme zu hören, die nach einem Militärmarsch verlangt, ehe sie sich dem Kameramann widmet. Sogleich ertönt dann auch prächtige Marschmusik, derweil in kindlicher Schreibschrift weiß auf schwarz der Vorspann auftaucht. So pompös & stolz wie dieser Marsch wird später nichts mehr am Film sein: nicht die emotionslos distanzierte & ironisch verfremdete Gewalt, nicht der dokumentarische Look, nicht die Ausstattung, nicht die Beute... vielmehr ist alles roh & ungeschlacht: die Begierden, die Taten, die Bilder (die aber gerade nicht schlampig zustandegekommen sind). Die Marschmusik erscheint als reiner Hohn.
Natürlich beschränkt sich Godard nicht darauf, die Selbstinszenierung des Militärs zu verunglimpfen, sondern zielt in erster Linie auf die Thematisierung der eigenen Inszenierung und den Inszenierungen des gängigen Kriegsfilms ab: Deshalb heißen die beiden Figuren auch nicht nur Ulysse (wie der reisende Krieger), sondern auch Michel-Ange (wie ein alles gierig beäugender Betrachter, ein derangierter Nachfahre Michelangelo Buonarrotis in einer immer habgieriger & konsumgeiler gewordenen Gesellschaft). Was das Auge erblickt, wollen die beiden Hauptfiguren auch sogleich verschlingen und wenn das einmal nicht möglich ist, so müssen zumindest Filme im Kino und Fotos auf Postkarten dafür herhalten. Michel-Ange reißt beim Versuch, die badende Halbnackte auf der Leinwand zu umarmen, die Leinwand selbst herab und weicht bei seinem ersten Kinobesuch dem einfahrenden Zug der Lumieres in Ciotat aus (wie es angeblich die ersten Zuschauer bei den ersten Aufführungen dieses Films taten): Die Abbildung wird für bare Münze genommen und soll nach Möglichkeit genossen werden, wie die Realität selbst - und letztlich scheint der Gedanke an die persönliche Bereicherung, an das ständige Kriegen wichtiger zu sein, als das tatsächliche Eintreten solcher Fälle; nicht der Besitz macht glücklich, sondern der Gedanke, ihn immer weiter auszuweiten. Der Spaß am Krieg, der die Karabinieri umtreibt, liegt im Gedanken, alles tun zu dürfen und alles kriegen zu können: und das Kino und die Fotografie sind noch behilflich, diese Begierden zu befriedigen. Ein spannendes, actionreiches Kriegsabenteuer, das eine mögliche Antikriegs-Aussage an die Lust oder Angstlust der Schauwerte des Krieges und den Unterhaltungswert der konventionellen Dramaturgie knüpft, wollte Godard nicht einfach bloß nicht drehen, sondern hier sogar entschieden bemängeln: Und das hat nichts mit einer Verachtung des Publikums zu tun (zumal es ja durchaus ein Publikum gibt & gab, das Filme wie "Les Carabiniers" zu schätzen weiß), vielmehr hat eine Ablehnung dieses Films damit zu tun, dass es ein Publikum gibt, das zwar eventuell noch für eine Antikriegs-Aussage empfänglich ist, aber auf das eigene Vergnügen an der Abbildung eines Kriegsgeschehens nicht verzichten mag.
In dieser Hinsicht hat sich der Film bis heute seine Aktualität bewahrt, ja er besitzt sogar eine kaum zu leugnende Zeitlosigkeit. Und das Thema der angebrachten Abbildung des Krieges ist eines, auf das auch Godard selbst immer wieder zurückgegriffen hat: ging es bereits in anderen seiner 60er Jahre-Filme wie "Pierrot le fou" (1965), "2 ou 3 choses que je sais d'elle" (1967) oder "Le gai savoir" (1969) - sowie in unzähligen späteren Filmen - immer deutlicher um die Schwierigkeit angemessenen Abbildens & Wiedergebens insgesamt, so widmete sich Godard in "Loin du Vietnam" (1967), "Ici et ailleurs" (1976), "For Ever Mozart" (1996), "Éloge de l'amour" (2001) oder "Notre Musique" (2003) sehr konkret der Frage, welche Möglichkeiten das Kino besitzt, um sich dem Kriegerischen zu widmen, und welche Resultate diese Möglichkeiten mit sich bringen. Diese Filme konnten sehr politisch sein, sehr erkenntnistheoretisch, medienkritisch oder auch bloß sehr resignativ & elegisch: Dem aus der bloßen Kriegshandlung selbst gezogenen Unterhaltungswert stehen sie jedoch allesamt - wie "Les Carabiniers" - ausgesprochen kritisch gegenüber. Insofern darf "Les Carabiniers" in Godards frühwerk als ausgesprochen wichtiger, ausgesprochen richtiger Schritt nach vorn betrachtet werden.

8/10


1.) Das muss nicht heißen, dass Filme dieser Art automatisch schlecht sein müssen, aber die Möglichkeit, dass sie manchem Kriegshungrigen als Appetizer dienen, lässt sich kaum von der Hand weisen, gerade wenn sich Waffen- & Kriegsmaschinerie-Fetischisten für dieses Genre begeistern. Filme, die - wie "Les Carabiniers" - eher dem Konzept nach (und weniger der Dramaturgie nach) Unterhaltung bieten, Filme, in denen sich das Kriegsgeschehen ins Off verlagert und die Bühne der Scham, der Trauer und der Angst überlässt - wie in Bergmans "Skammen" (1968) -, Filme, in denen zumindest die Vorstellungen & Phrasen von Ehre, Ruhm und Größe der Lächerlichkeit preisgegeben werden - wie in "How I Won the War" (1967) - verweigern sich solch einer Möglichkeit immerhin ganz kompromisslos.
2.) Godard: Feuer frei auf die Carabiniers! In.: Frieda Grafe (Hg.): Godard/Kritiker: Ausgewählte Kritiken und Aufsätze über Film (1950-1970). Hanser 1971; S. 155.
Godard konnte zu diesem Zeitpunkt (1963) natürlich noch nichts von Pasolinis konsequenten "Salò o le 120 giornate di Sodoma" (1975) oder von Bolls missratenem "Auschwitz" (2011) wissen; seinem (Alp-)Traum vom unerträglichen & wahren Film über Kriegsgreuel kam er mit der grotesken Farce "Les Carabiniers" so nahe, wie kein anderer Film zuvor.
3.) Godard: Feuer frei auf die Carabiniers! S. 153.
4.) Ebd.

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