Oft kopiert, nie erreicht: Bruce Lee im gelben Trainingsanzug. Da ist ein ikonisches Bild entstanden, das die ganze Welt fasziniert und unzählige Male zitiert wurde. Das Original bleibt unvergessen, weil an das Erbe stets gemahnt wird. Meist im komödiantischen Sinne.
So auch im hochwertigen Die Hard-Rip Off “Total Risk”, das einen verwöhnten Filmstar (Jacky Cheung als Frankie) in der Hauptrolle weiß, der andere für sich die Drecksarbeit machen lässt und selbst den Ruhm einheimst - ein Schlitzohr eben. Die Welt des Actionfilms scheint also schon mal ordentlich auf die Mütze zu kriegen. Jet Li sehen wir in der Nebenrolle als Frankies Stuntman, der in die Bresche springt, wenn Not am Mann ist. Das zwischenzeitliche Vorpreschen in Hauptdarsteller-Gefilde ist dieser Figur gewiss, denn einen weinerlichen Feigling kann man schlecht zum Helden der Geschichte machen und so darf Li ans Werk, wann immer es wirklich wichtig wird.
Ihm gebührt auch der dramatische Opener nach “Collateral Damage”-Manier, in dem er seine Familie durch einen Bombenleger verliert. Leider ist der deplatzierte Ernst der Situation eines der wenigen Mankos dieses alles niederwalzenden Brechers von Actiongranate, da im folgenden ein Comedy-Feeling das Flair bestimmen wird und der Prolog im Grunde schon mit Eintreffen der Opening Credits seine Wirkung verloren hat. Die anschließende Blutfehde zwischen Jet Li und dem Bombenleger zieht sich zwar durch den ganzen Film, sie wirkt jedoch arg unpersönlich und ist emotional kaum aufgeladen, bedenkt man, welche Opfer die Feindschaft besiegelten.
Aber zurück zum “alles niederwalzenden Brecher von Actiongranate” - Regisseur Wong Jing macht gar nicht erst den Fehler, die Thriller-Elemente aus dem Referenzwerk von John McTiernan zu übernehmen und setzt von Anfang an auf Action nonstop. Und was er in dem mehrstöckigen Gebäude bei Nacht umzingelt von Polizisten und mit Jet Li, Jacky Cheung, einer Garde von Terroristen und jede Menge Geiseln sowie einem Mini Cooper und einem Hubschrauber auf die Beine stellt, ist Pyrotechnik vom Allerfeinsten.
Die Terroristen (übrigens auf der Suche nach kaiserlichen Kronjuwelen, falls es jemanden juckt) sind gerade in die hochdekorierte Gesellschaft eingefallen, da geht es schon munter los: Ohne Gnade wird fliehenden Geiseln eine Ladung Schrot in den Rücken gepumpt, die Fenster werden zerstört und Menschen werden vom Hochhaus gestürzt, um dem am Boden befindlichen Arm des Gesetzes zu beweisen, wie ernst die Lage ist. Das Sicherheitspersonal des Hauses hat ohnehin keine Privilegien, ohne Vorwarnung fallen Kopfschüsse und ein armer Teufel verliert gar seinen Arm, weil er den unglücklichen Beruf gewählt hat, die Schranke am Einlass zu bedienen.
Dabei wird graphisch kein Blatt vor die Linse genommen. Viele Einstellungen sind ziemlich explizit, ohne jedoch zwangsläufig voyeuristisch zu wirken. Trotzdem könnte mancher Zuschauer Probleme damit haben, dass die unverblümte Gewalt auf diese Weise im Verbund mit typisch asiatischer Comedy präsentiert wird. Im einen Moment wird einer Geisel noch der Kopf weggeblasen, im anderen Moment reißt Frankie, der Filmstar, an einem anderen Ort schon wieder Witze. Das ist nicht jedermanns Sache, dürfte aber auch wieder weitestgehend mit Sehgewohnheiten zu tun haben - derartige Kombinationen sind in Hongkong-Actionern nicht unüblich.
Dessen ungeachtet überzeugt die konsequente Inszenierung auf Anhieb. Wong Jing heizt die ersten zwanzig Minuten den Motor an und geht dann von 0 auf 100 in zehn Sekunden. Sobald Jet Li das Foyer betritt und merkt, dass irgendwas nicht stimmt, geht die Post ab. Schon in den ersten Minuten ist es so, als würde die Hochhaus-Schießerei von “Stirb Langsam” mit dem Lobby-Geballer aus “Matrix” eine Symbiose eingehen und zu einem Tanz aus Funken und Feuer einladen. Die ersten Hindernisse sind schnell und effektiv aus dem Weg geräumt, aber es warten ja noch 50 weitere Stockwerke...
“Total Risk” entwickelt dabei eine ähnliche Dynamik wie die auf hoher See spielende Mangaverfilmung “City Hunter”, die ähnlich over the top angelegt war und auf eine unfassbare Szene gleich die nächste drauflegte, die dann doppelt so unfassbar war. So läuft das hier auch: angefangen bei einem Mini, mit dem Jet und Jacky unter Dauerbeschuss durch eine Etage fahren, um im letzten Moment im Aufzug zu verschwinden und oben weiterzumachen, bis zu einem Hubschraubermanöver, bei dem man sich zwar fragen muss, ob Jet Lis Figur noch alle Tassen im Schrank hat, was an den Qualitäten der Szene jedoch nicht rüttelt. Zwischendurch werden - ähnlich wie bei “City Hunter” zwischen Jackie Chan und Gary Daniels - Zweikämpfe aufgefahren, die sehr humoristisch angelegt sind und bei denen vor allem die Figur des Frankie wieder im Vordergrund steht. Es gibt da unter anderem springende Killer-Leguane (!) und Frankie wird von einer giftigen Schlange in den Hintern gebissen und fordert von seinem Nebenmann, er solle das Gift heraussaugen (“Was? Ich soll an deinem Hintern nuckeln?”).
Leider wird Jet Li ein wenig verheizt, denn von seinen vorzüglichen Wushu-Qualitäten sieht man fast nichts. Er fungiert hier in der Hochphase seiner Karriere, wenige Jahre vor dem Sprung in die USA, eher als Stuntman und “klassischer” Actionstar denn als Kampfsportler. Wenigstens im Finale hätte man sich gegen seinen großen Gegner ein persönliches Kampfduell gewünscht anstatt eines Psychoduells aus der Distanz, noch dazu mit dem größten aller Actionfilmklischees, der Entschärfung einer Bombe (“rot oder blau?”). Statt dessen darf Jacky Cheung nochmal kurz aufdrehen, als er realisiert, dass er mitnichten bloß ein Schauspieler ist.
Das macht schließlich in der Summe einen jederzeit kurzweiligen und aufregenden “Stirb Langsam”-Klon allererster Güte, der traumhaft zwischen Action, Action und nochmals Action pendelt, und das mit einer Abwechslung, die ein Schnalzen mit der Zunge wert ist. Wie man zu der Kombination aus Brutalität und Komödie steht, ist Ermessenssache; in jedem Fall aber hätte Jet Li choreografisch gerne noch mehr gefordert werden können. Nichtsdestotrotz: Da lacht das Herz.