„Alles musste immer gebraten in den Mund fliegen!“
Neue Dekade, neues Glück? Am 3. Mai 1981 trat mit der von Schauspielerin Karin Anselm („Der Bastian“) verkörperten Ermittlerin Hanne Wiegand erstmals eine weibliche Ermittlerin innerhalb der öffentlich-rechtlichen Krimireihe auf den Plan. Ihr Debüt „Das Lederherz“ wurde im Juli und August 1980 (strenggenommen also noch in der ausklingenden ‘70er-Dekade) in Baden-Baden und Umgebung nach einem Drehbuch Irene Rodrians unter der Regie Imo Moszkowiczs („Max, der Taschendieb“) gedreht. Es blieb Moszkowiczs einzige „Tatort“-Inszenierung.
„Wenn etwas zerstört ist, was nicht mehr zu reparieren ist, repariert man plötzlich die unwichtigsten Dinge…“
Die attraktive Eva Dieckmann (Margit Schulte-Tigges, „Diese Drombuschs“) schlüpft in ein sexy Outfit und versucht, am Freitagabend die Aufmerksamkeit ihres Manns Gert (Peter Dirschauer, „Blutspur“), einem freischaffenden Architekten, zu erregen. Sie würde sich gern einmal wieder mit ihm ins Nachtleben stürzen. Dieser ist jedoch in seine Arbeit vertieft und würdigt sie keines Blickes. Erst reagiert sie daraufhin zum wiederholten Male eifersüchtig auf seine Arbeitskollegin, dann wird sie immer aggressiver, bis er ihr eine Ohrfeige gibt. Nun beschimpft sie ihn und will sich gar umbringen. Nachdem er ihr ihre Tabletten weggenommen hat, droht sie, sich aus dem Fenster zu stürzen. Auf dem Fensterbrett verliert sie plötzlich den Halt. Zunächst versucht Gert noch, sie festzuhalten und hochzuziehen, lässt jedoch irgendwann los. Dabei reißt sie ihm noch einen herzförmigen Lederflicken von der Jacke. Haben ihn seine Kräfte verlassen oder hat er absichtlich losgelassen? Nachbarn beschuldigen Gert alsbald, Eva aus dem Fenster gestoßen zu haben. Nun ist es an Kriminalkommissarin Wiegand, in diesem potentiellen Fall von Mord oder Totschlag zu ermitteln. Dafür versucht sie, Gerts Vertrauen zu gewinnen…
Gedreht wurde also in Baden-Baden und drumherum, eine konkrete Lokalisierung fällt aber schwer: Der Handlungsort wird nie genannt und Lokalkolorit gibt es keines, niemand spricht einen Dialekt o.ä. und der überwiegende Teil der Handlung spielt entweder in Gerts Wohnung oder im Polizeirevier. Das ist schade, dafür ist der Auftakt überaus gelungen: Man beginnt mit einer Oben-ohne-Szene Evas vorm Spiegel, während der man noch nichts von der unmittelbar darauffolgenden Eskalationsschraube ahnt, die fulminant überdreht wird, während Eva Wahnsinn und Verachtung ins Gesicht geschrieben sind. Das ist toll von Schulte-Tigges geschauspielert, kurioserweise läuft währenddessen übrigens ein „Tatort“ in der gemeinsamen Wohnung. Gert kann einem leidtun und man erwischt sich beim Gedanken, Verständnis dafür zu entwickeln, dass er sie im entscheidenden Moment losgelassen hat. Wenn er es denn hat! Man sieht es zwar, aber ob das nun Absicht war oder er sie nicht länger halten hat können, wird nicht ganz klar. Klar hingegen ist, dass es zumindest kein Kalkül war, man es also keinesfalls mit einem klassischen Mordfall zu tun hat.
So taugt dieser Umstand auch nicht wirklich dazu, über die volle Länge Spannung zu erzeugen. Wiegand als erste Kommissarin wird als eine Frau eingeführt, die mittels damals in erster Linie dem weiblichen Geschlecht zugeschriebener Soft Skills wie Einfühlungsvermögen und Empathie versucht, der Wahrheit näherzukommen. Dass sie den unter Schock stehenden Gert direkt mit aufs Revier nimmt, um ihm dort einer ersten Befragung zu unterziehen, steht im Kontrast dazu und ist ziemlich hanebüchen, schien man damals aber für normal gehalten zu haben. Bewusst als eher ungewöhnliche Ermittlungsmethode etabliert wird im Anschluss, dass sie Gert nach Hause fährt und mit in die Wohnung kommt, woraufhin man etwas über sein Leben und seine Ehe erfährt. Halbwegs interessant ist es noch, wie Eva auf diese Weise posthum als verwöhnte Frau, die von Beruf Tochter eines vermögenden Architekten (Herbert Steinmetz, „Kommissariat IX“) ist, charakterisiert wird, auch der angerissene Generations- und Weltanschauungskonflikt zwischen Evas Vater und Gert lässt zuweilen aufhorchen; vollkommen redundant hingegen, dass er ihr den Verlauf des Streits noch einmal haarklein erzählt – das weiß man schließlich schon alles, hat es ja selbst gesehen. Von nun an durchziehen langatmige Dialoge diesen Fall, der damit zu einem einschläfernden Laber-Kriminaldrama verkommt.
Wiegands Assistenten Rolf Simon (Wolfgang Kaven, „Die Fälschung“) und Erwin Brunner (Peter Pankalla) halten es für möglich, dass Gert schuldig ist, sind sich aber dennoch uneins. Bei einem ihrer Besuche bei Gert hat Wiegand den titelgebenden Flicken auf der Straße gefunden, der zu einem Indiz hochstilisiert wird, obwohl er eigentlich – außer vielleicht im metaphorischen Sinne – keinerlei Aussagekraft besitzt. Etwas Auflockerung erfährt dieser bis dahin seltsam beengt wirkende „Tatort“, wenn Gert der Kommissarin Plattenbauarchitektur zeigt und mit ihr ins Café geht, was aber dennoch zu keinem wahrnehmbaren Plus an lokalem Ambiente führt. Nach dem gelungenen Prolog hat „Das Lederherz“ kaum Schauwerte zu bieten und steuert zähflüssig bis trocken auf sein offenes Ende hin, für das das Bild ein paar Sekunden lang eingefroren wird, bevor der Abspann eintritt. Sogar auf musikalische Untermalung wurde weitestgehend verzichtet. Das ist enttäuschend, denn interessante Ansätze waren durchaus vorhanden und Wiegand als sympathischem, etwas mütterlichem Blickfang mit ihren großen, weit auseinanderstehenden Augen hätte man einen besseren Einstand in dieser traditionsreichen Reihe gegönnt.