„Amphibische Auftragsarbeit"
Das einfache Bauernmädchen, das eine Domschule besuchte. Die Domschülerin, die es im Kloster Fulda als Bruder Johannes zum anerkannten Wunderheiler und sogar zur Priesterweihe brachte. Der Priester, der in Rom zunächst zum Leibarzt und später zum engsten Berater des Papstes aufstieg. Der Berater, der zum Nachfolger gewählt wurde. Der Papst, der schwanger wurde ... . Eine schier unglaubliche Geschichte? Fragt man den Historiker, dann vor allem eine völlig abstruse und durch keinerlei Fakten belegte Geschichte.
Der amerikanischen Schriftstellerin Donna Woolfolk Cross dürften solche Einwände kaum schlaflose Nächte bereiten. Schließlich hat sie die seit dem 13. Jahrhundert herumgeisternde Legende um eine Päpstin Johanna in einen Weltbestseller verwandelt. Da sich vor allem deutsche Frauen in Massen für den historischen Schmachtfetzen begeisterten, war es kaum verwunderlich, dass die Bestselleradaptionserprobte Constantin ihre gierigen Finger nach dem lukrativen Stoff ausstrecken würde. Schließlich erfreute man das geneigte Publikum seit Jahren mit zwar meist ziemlich biederen, aber dafür umso erfolgreicheren europäischen Großproduktionen (u.a. Das Geisterhaus, Das Parfüm).
Das Rezept des geschäftstüchtigen Firmenmoguls Bernd Eichingers ist dabei so simpel wie effektiv. Man nehme einen anerkannten europäischen Erfolgsregisseur, spicke das Projekt mit ein paar auch international bekannten Mimen und treibe einen ordentlichen Haufen Geld bei den mitfinanzierenden Ländern auf. Schließlich verkaufe man das Produkt noch im Vorfeld an diverse Sendeanstalten, um so auch gleich die Zweitverwertung zu sichern. Doch diesmal hatte Eichinger die Rechnung ohne seinen Regisseur gemacht. Der als Querdenker bekannte Völker Schlöndorff äußerte sich öffentlich (in der Sueddeutschen Zeitung) abwertend über sogenannte „Amphibienfilme" - also überlange Fernsehfilme, aus denen dann die kürzere Kinofassung lediglich herausgeschnitten wird. Auch wenn Schlöndorff wenig glaubwürdig beteuerte, sich bei Der Päpstin mit dieser Praxis abgefunden zu haben, so darf sein Timing zumindest als äußerst unglücklich bis fatal bezeichnet werden. Kaum überraschend kam dann jedenfalls postwendend die Entlassung des „dreisten Nestbeschmutzers" durch den erbosten Brötchengeber. Ersatz war aber schnell gefunden. Der aufmüpfige Schlöndorff wurde flugs durch den linientreuen Sönke Wortmann ersetzt.
Ob diese Personalie zwangsläufig zu einer Qualitätseinbuße führen musste, darf ohnehin getrost bezweifelt werden. Schlöndorffs Oscarprämierter Blechtrommel-Triumph liegt nun auch schon 30 Jahre zurück und harrt seither sowohl künstlerisch wie auch finanziell vergeblich auf ein Äquivalent. Wortmann dagegen gilt zwar „nur" als solider Arbeiter, feierte aber in den letzten Jahren in den unterschiedlichsten Genres große Publikumserfolge, u.a. eben auch mit literarischen (Der Campus) und historischen Stoffen (Das Wunder von Bern). Bildsprache, Figurenzeichnung sowie Erzählstruktur gingen dabei allerdings selten über konventionelles und überraschungsarmes deutsches TV-Niveau hinaus.
Auch Die Päpstin macht hier leider keine Ausnahme. Allzu brav und bieder handelt Wortmann die einzelnen Stationen der bewegten Lebensgeschichte seiner Titelfigur ab. Vor allem das lange Verweilen bei Kindheit und Jugend Johannes bis zu ihrem Eintritt in das Kloster Fulda ermüdet auf Dauer und ist mit Sicherheit dem Kinountauglichen „Amphibienkonzept" geschuldet. Johannas Auseinandersetzungen mit ihrem engstirnigen Vater, der die besonderen Begabungen (sie lernt in Windeseile Lesen und Schreiben sowie Latein und Griechisch) seiner Tochter als Teufelswerk ansieht. Die Schikanen durch ihren von Minderwertigkeitskomplexen getriebenen Lehrer an der Domschule von Dorstadt. Die aufkeimende Liebesbeziehung zu ihrem Förderer und Beschützer Markgraf Gerold. All dies wird zwar durchaus vorlagengetreu (nach)erzählt, wirkt aber durch seine episodenhafte Erzählstruktur und mangels eigener Handschrift oder inszenatorischer Raffinessen insgesamt recht dröge und blutleer. Das Gezeigte fühlt sich viel zu oft nach stromlinienförmiger TV-Konfektionsware, und viel zu selten nach forschem oder gar wuchtigem Historien-Kino an. Im direkten Vergleich mit genreverwandten Epen jüngeren Datums wie Troja, Königreich der Himmel und vor allem dem Trendsetter Gladiator fallen die beschriebenen Mängel jedenfalls besonders deutlich auf.
Fairerweise muss man zugeben, dass das 22 Millionen-Euro-Budget für deutsche (und auch europäische) Verhältnisse zwar mehr als ordentlich, verglichen mit Hollywoods Großproduktionen aber überaus bescheiden ausgefallen ist. Der starke Fokus auf Johannes „vorrömischer" Lebensgeschichte mag damit zusammen hängen, schließlich erfordern ein fränkisches Bauerndorf sowie ein paar klösterliche Innenaufnahmen weit weniger Ausstattungs- und Produktionsaufwand, als Stadtpanoramen des mittelalterlichen Rom, Aufbauten des päpstlichen Plastes und nicht zuletzt diverse Massenszenen.
Wortmanns (positiv ausgedrückt) unauffällige Regie, die wenig phantasievolle Erzählstruktur sowie die doch recht holzschnittartige Figurenzeichnung können allerdings nicht mit Budgetknappheit (v)erklärt werden. Das Ganze sieht sehr nach Auftragsarbeit aus, wobei man angesichts seines bisherigen Oeuvres getrost bezweifeln kann, dass der Regisseur bei mehr Freiheiten seitens der produzierenden Firma ein gehaltvolleres und interessanteres Produkt abgeliefert hätte.
Bei aller berechtigter Kritik sollte man aber auch Vorlage und Zielpublikum beachten. Die Päpstin ist ein weder literarisch noch plottechnisch sonderlich anspruchsvolles Werk. Vielmehr handelt es sich um einen zwar unterhaltsamen, aber eher seichten Emanzipationsroman, der sein (ohnehin von der Fachwissenschaft angezweifeltes) historisches Sujet lediglich als Hintergrundgemälde für eine recht platte feministische Botschaft nutzt. In ihrem ganzen Denken und Handeln wirkt die Titelheldin viel zu modern, um eine glaubhafte Interpretation der spätmittelalterlichen Legende um einen weiblichen Papst zuzulassen.
Johanna Wokalek (die Schlöndorffs Favoritin Franka Potente ersetzte) macht das Beste aus der nicht sonderlich tiefgründig ausgearbeiteten Rolle. Innere Zerrissenheit ob der eigenen Andersartigkeit, sowie die enorme psychische Belastung sich dauerhaft unerkannt in einer feindlichen , weil Männerdominierten Umwelt behaupten zu wollen und müssen, werden vom Drehbuch nur angerissen und lassen Wokalek kaum Spielraum für nuanciertes Spiel. Trotzdem schafft sie den schwierigen Spagat die Mannwerdung ihrer Figur einigermaßen glaubhaft darzustellen.
Die übrigen Figuren sind vornehmlich klischeehaft gezeichnet. Johannas heimlicher Geliebter ist ein edler und schneidiger Ritter ohne Fehl und Tadel (Lord of the Rings „Faramir" David Wenham). Johannas Vater ist ein engstirniger und brutaler Dorfpfarrer ohne irgendeinen sympathischen Wesenszug. Und Anatole Taubmann gibt nach seinem Kurzauftritt im letzten Bond als intriganter Kardinal Anastasius erneut den schmierigen Bösewicht von der Stange. Lediglich John Goodman als Papst Sergius II. sorgt mit seinem launigen Auftritt für ein paar mimische Glanzlichter. Seine beherzt-joviale Interpretation des Kirchenoberhaupts nährt allerdings auch den Verdacht, dass der schwergewichtige US-Komödiant Rolle und vor allem Film nicht allzu ernst genommen hat.
Fazit:
Die Päpstin bleibt letztlich biederes, wenig anspruchsvolles aber insgesamt doch recht unterhaltsames Ausstattungskino Made in Germany. Der (obligatorisch düster-dreckige) „Mittelalter-Look" darf als einigermaßen gelungen gewertet werden. Die Darstellerleistungen sind ob des figurentechnisch wenig tiefschürfenden Drehbuchs durch die Bank ordentlich. Der Plot wird geradlinig, aber viel zu schlaglichtartig erzählt. Sönke Wortmanns Regie zeugt von handwerklichem Geschick, lässt aber eine individuelle Handschrift ebenso vermissen wie überraschende inszenatorische oder visuelle Einfälle.
Die lediglich durchschnittliche Qualität der Bestsellerverfilmung ist nicht nur eine logische Konsequenz aus der mit ähnlichen Problemen behafteten literarischen Vorlage, sondern vor allem dem von Beginn an geplanten „Amphibiencharakter" der Produktion anzulasten. Der auf einen späteren Fernsehzweiteiler ausgelegte Film zeigt die klassischen Schwächen dieses Formats. Amphibienfahrzeuge können weder mit den besten Fahrzeugen, noch mit den besten Schiffen mithalten und bieten bei aller Praktikabilität immer nur einen mehr oder weniger überzeugenden Kompromiss. Gleiches gilt eben leider auch für ihre filmischen Pendants.