Die Dänen sind zwar nicht gerade dafür bekannt, ein lustiges Völkchen zu sein, aber lustige Filme machen können sie. Welcher bewanderte Filmfan kennt nicht die dreckig-derben Ultrafime Lasse Spang Olsens oder Anders Thomas Jensens und ihrer Epigonen? Hier treffen Schlag auf Schlag vor Esprit und Kreativität nur so sprühende Drehbücher auf fabelhafte Mimen und deren voll aufdrehende Lenker auf den Regiestühlen. Wem die schwarzhumoristische Genialität etwa eines "Adams Äpfel" entgeht, um den heißt es sich Sorgen zu machen. Doch nicht nur die Glanzleistungen Dänemarks im Bereich des Erwachsenenhumors können sich sehen lassen, auch die ernsteren Beiträge unseres nördlichen Nachbarn gelingen nicht eben selten. Politisch unkorrekt und überkandidelt in ihrem Schaffen verweisen auch hier die Dänen die Amerikaner nicht selten auf ihre Plätze, wenn auch der Genreaustoß der letzten Supermacht natürlich allein angesichts seiner Dichte und der damit gekoppelten Wahrscheinlichkeit auch Wertvolles abzuliefern, durchaus im Stande ist, mit der überseeischen Konkurrenz auf beinahe jedem Feld mitzuhalten. Aber eines gelingt den Amerikanern noch nicht - oder sie sind daran nicht interessiert: Einen typisch europäischen Film mit all seinem aufbrausenden, die Welt verbessernden, letztendlich aber doch resignativen Flair zu drehen. Und genau das ist Ole Bornedals "Deliver us from Evil" - ein Schwanengesang des menschlichen Miteinander.
In typisch europäischem Kunstfilm-Theaterstil führt uns ein für den weiteren Verlauf der Handlung unbedeutender weiblicher Third-Person-Narrator in die Charaktere des Stücks ein. Untermalt von einem stimmigen Score lernt man die zunächst völlig unscheinbaren Bewohner eines verschlafenen dänischen Dorfes kennen - mit ihren Eigentümlichkeiten, Fehlern und Marotten. Da ist der erfolgreiche Familienvater, der nach Jahren des Zusammenseins am ehelichen Sex nicht mehr interessiert zu sein scheint. Da ist dessen asozialer Bruder, ein Verlierer und Prolet, der es im Leben aufgrund eigenen Verschuldens zu nichts gebracht hat. Und da ist der Dorfpatron, dessen hauptsächlicher Lebensinhalt darin besteht, den Tod seines im Friedenseinsatz in Bosnien gefallenen Sohnes zu beklagen. Das tut er zwar nicht öffentlich, dafür um so ausgiebiger in den Armen seiner gutherzigen Frau. Und genau die wird nun zu Filmbeginn auf einer einsamen Landstraße von einem 30-Tonner überrollt - gesteuert vom ungewaschenen der beiden Brüder. Der geht nun daran, aus Angst vor der Rache des leicht debilen Gatten, die Tat zu vertuschen, indem er sie dem einzigen Ausländer im Dorf in die Schuhe schiebt. Die von ihm dadurch losgetretenen Ereignisse ziehen in ihrer weiteren Dynamik die Dorfgemeinschaft im besten Stile Sephen Kings in einen Strudel aus Gewalt und Misanthropie, der bekanntlich nur nach unten führen kann. Sobald die Menschen, eingepfercht in eine Extremsituation, ihr wahres Gesicht zeigen, entflammt die Hölle im vormals ländlichen Idyll und die Zivilisation hört auf zu existieren.
Arthousekino und seine typisch europäischen Ingredienzen locken nicht eben eine große Zuschauermasse an. Und so verhält es sich auch bei Ole Bornedals neuestem Streich. Genreliebhaber - und alle manisch Depressiven - werden "Deliver us from Evil" so sicher zu schätzen wissen, wie Fans (besonders amerikanischer) bodenständiger Kost damit ihre liebe Mühe haben werden. Bornedals Film ist letztendlich ein Plädoyer gegen Fremdenhass und für besonnene Toleranz, doch ist, und das muss man dem Dänen hoch anrechnen, nicht, etwa im Sinne typisch deutscher Blauäugigkeit, alles so wie es zunächst scheint. Wenn der Dorfmob - die hier explizit adressierte Unterschicht - aufbegehrt gegen die Bessergestellten, gegen das Bürgertum in seiner wohl-situierten Spießigkeit, dann eskaliert die Gewalt und menschliche Urtriebe brechen sich Bahn. Dabei wird jedes Recht gebrochen, jede Schwelle überschritten, es wird vergewaltigt und ermordet. Dass schlußendlich *kleiner Spoiler* gerade das Element des Fremden rettend wirkt im entflammten Klassenkampf *kleiner Spoiler Ende* versöhnt den durch die abstoßende Darstellung des dörflichen Proletariats aufgebrachten Arthousegenießer wieder mit dem Regisseur und ermöglicht es ihm doch noch, den vorliegenden Streifen rundum zu feiern. Natürlich auch deshalb, weil durch den in seiner Trauer völlig von Sinnen nach Rache lechzenden Dorfpapa ein entscheidendes Element im Verlauf des Films zutage tritt, nämlich die Thematisierung blinden Gehorsams und der damit einhergehenden Unterwürfigkeit. Papa befiehlt und die Meute, nur darauf lauernd entfesselt zu werden, folgt. Dass sich dadurch in ihren heimischen Gefilden die Hölle auftut, ermuntert die einen und verschreckt die anderen - es ist immer und überall aber auch wirklich das gleiche mit uns Menschen. Dabei ist allerdings das gesamte Szenario von Bornedal derart überzeichnet, dass sich Bezüge zum wahren Leben zwar herstellen lassen, eine konkrete Anklage aber wohltuender Weise unterbleibt. Besserwisserei erleben wir filmisch nun wirklich genug. Und fast nie tut sie gut.
Soweit wäre "Deliver us from Evil" ein beachtliches Stück Film, das durchaus etwas aus der Rolle fiele, wäre nicht die - wieder einmal typisch europäische - beinahe ins Weinerliche abdriftende, nur allzu vorhersehbare Tragik. Nach fünfzehn Minuten weiß der erfahrene Zuschauer wohin der dänische Hase hoppelt. Xenophobie, Proletarier, Apokalypse - alles schön und gut, aber ein wenig weniger, in diesen Breitengraden nur allzu gewohnte emotionale Destabilität wäre schön gewesen. Sicherlich, die Erde ist bisweilen ein stockfinsterer Ort. Wir Menschen tun uns schlimme Dinge an und das aus den albernsten, nichtigsten Gründen, aber verzweifeln sollten wir daran nicht. Es würde überdies auch nichts nutzen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich immer zuletzt. Doch genau die läßt sich bei Bornedals Werk nirgends finden, nicht einmal beim vorgeblich lichtdurchfluteten Schluss. Alle Bewohner des Dörfchens sind und bleiben in letzter Konsequenz Psychopathen oder Charakterschweine oder beides. Wo ist der Ausweg, Ole? Nicht ganz so negativ!
Der Regisseur vom dänischen Kultfilm "Nachtwache" hat einmal mehr ein Werk geschaffen, das den Kunstfilmliebhabern und solchen, die sich dafür halten, vermutlich überwiegend munden wird. Und das ist recht so. War sein letzter Beitrag "Bedingungslos" wieder etwas unscheinbar, tritt Ole Bornedal nun - allerdings erst nach zwanzig Minuten - gehörig aufs inszenatorische Gaspedal. Was hingegen etwas stört, ist die zu aufdringliche und obendrein zu sehr vorhersehbare Tragik. Um die nämlich zu garantieren, wird sich leider zu sehr vom wahren Leben entfernt. Und das manifestiert sich nicht nur an Kleinigkeiten wie *kleiner Spoiler* den beiden Polizisten, die Opi, lässig wie John Wayne, aus der Hüfte mit seiner Pumpgun und fast im Flug abserviert *kleiner Spoiler Ende*, sondern die Geschichte ist einfach zu sehr der Fantasie entwendet. So fies wir Europäer sind, Dänemark ist nicht der Kongo. Hier würden solche Fehden anders ausgetragen (vermutlich vor Gericht), aber Kunst ist Kunst und die darf auch mal ein Zerrbild der Wirklichkeit sein. Alles reine Geschmacksache.