Review

Der Däne Ole Bornedal macht endlich wieder von sich reden, indem er die Richtung von „Wer die Nachtigall stört“ oder auch „Wer Gewalt sät“ einschlägt: Eine kleine Dorfgemeinde transportiert ihren Hass auf einen vermeintlich schuldigen Außenseiter, während der einzige mit Durchblick im Ort das Leben seiner Familie riskiert, um den Lynchmob abzuwenden.
Was wie ein Plagiat klingt, ist fein durchkomponierter Stoff, der mit seiner fast poetischen Optik von Beginn an zu fesseln weiß.

Ein kleines Dorf in Jütland: Der erfolgreiche Anwalt Johannes kehrt mit Frau und den beiden Kindern in die ländliche Gemeinde zurück, wo sich bald ein folgenschweres Ereignis abspielt: Johannes´ ungleicher Bruder Lars, ein Alkoholiker und Taugenichts, überfährt die Frau des Dorfältesten Ingvar. Um die Schuld von sich abzulenken, schiebt er dem Bosnier Alain die Schuld in die Schuhe, der rasch in den Mittelpunkt einer Lynchjustiz gerät.
Johannes versucht Alain vor der aufgebrachten Dorfgemeinde zu schützen und muss feststellen, dass die Gewalt auf beiden Seiten zu eskalieren droht…

Bornedal baut den brodelnden Konflikt geschickt auf, in dem er sich zunächst eine Menge Zeit für die Dorfbewohner lässt, die zwar recht dicht am Bild überzeichneter Figuren vorbeischrammen, aber dennoch eine glaubhafte Gesamterscheinung abgeben, um den kollektiven Fremdenhass nachvollziehbar erscheinen zu lassen.
Sie sind gescheiterte und größtenteils frustrierte Existenzen, trauern ihren verpassten Lebenschancen nach, was die Rückkehr des kultivierten Anwalts Johannes noch verstärkt.
Es herrscht eine strenge Hierarchie und Ingvar, der soeben seine Frau verloren hat, lässt kaum Zweifel daran aufkommen, dass einzig der Fremde für den Unfalltod seiner Frau in Frage kommt. Er mutiert zum unkontrollierbaren Richter und Rächer in einer Person, während der Dorfmob ihm blind folgt.

Die markante Optik mit ausgeblichenen Farben und einigen Farbtupfern, die fast ruhenden Weitwinkelaufnahmen schüren mitsamt der filigranen Musikuntermalung und den fast beschwörenden Worten der Off-Erzählerin eine beklemmende Stimmung, die vor allem das erste Drittel prägt.
Auch wenn sich der Verlauf früh abzuzeichnen scheint, ist diese Ruhe vor dem Sturm besonders wichtig für einen Twist, der die Ohnmacht seitens des Betrachters noch einmal zusätzlich intensiviert: Fremdenfeindlichkeit erwächst häufig aus gesellschaftlichen und sozialen Defiziten, aus Vorurteilen und kompletter Engstirnigkeit, was Bornedal stellvertretend anhand dieses scheinbar idyllischen Dorfes treffend auf den Punkt bringt.

Spannungsgeladen setzt sich die Geschichte auch während der zweiten Hälfte fort, obgleich man hier stärker die Richtung des Thrillers einschlägt und die Beweggründe einzelner ein wenig zu sehr in den Hintergrund rücken.
Die Hausbelagerung und die damit verbundene Gegenwehr lässt zwar eine Reihe fesselnder Momente entstehen, gegen Ende versucht man jedoch zuviel unter einen Hut zu bringen und driftet mit den letzten Einstellungen zu sehr ab, während Kontinuität und Logik merklich auf der Strecke bleiben.
Dennoch kommt die moralische Botschaft nicht zu kurz, die den Zuschauer mit einem trockenen Gefühl im Hals zurücklässt.

Das Sujet ist im Grunde recht schlicht und längst vertraut, doch Bornedal hat seine Geschichte um Fanatismus, Gerechtigkeitswahn und blinde Vorurteile mit stillen und kraftvollen Bildern sehr packend in Szene gesetzt und mithilfe durchweg überzeugender Darsteller und einer nuancierten Kamera markant verpackt.
Ein bewegendes Gesellschaftsportrait, kaum mit Schwächen behaftet und zuweilen sogar mit schwarzem Humor gespickt, - da wird nicht nur dänischen Hinterwäldlern der traurige Spiegel der Wahrheit vorgehalten…
Knapp
8 von 10

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